VG-Wort Pixel

Thriller-Bücher: Darum lieben wir sie so

Thriller-Bücher: blutiges Messer
© Karsten Klama / plainpicture
Unsere stets freundliche Autorin gibt freimütig zu: Blutbäder entspannen sie mehr als jede Hot-Stone-Massage. Ab und zu fragt sie sich trotzdem, ob sie einen Schatten hat.

Manchmal stelle ich mir vor, meine Wohnung würde von einem Einsatzkommando gestürmt und anhand der Asservate eine Analyse meines Innenlebens erstellt. Reihen von Büchern, in denen Menschen zerstückelt, skalpiert oder über Jahre in einer Druckkammer eingesperrt werden. Thriller-Serien voller bestialischer Morde und ausgeweideter Leichen auf DVDs (ja, ich gestehe, meine Leidenschaft ist älter als Netflix!), deren Cover so pechschwarz sind, dass der dazwischen gerutsch­te quietschbunte "Pumuckl"-Film fast brutal wirkt.

Das komplette Archiv aller "Crime"- Magazine besitze ich auch. Natürlich. Und wäre ich noch im Teenager-Alter, ich würde mich bei der "Bravo" für den Starschnitt von Jo Nesbø starkmachen, hätte das Filmplakat von "Sieben" über dem Bett hängen und vielleicht sogar ein Tattoo von Jussi Adler-Olsen auf dem Steiß. Klar, das Ergebnis der Untersuchung wäre verheerend: schwere Persönlichkeitsstörung, eine Gefahr für andere und für sich selbst, ab in die Sicherheitsverwahrung!

Mordlustige Frauen

Mich beängstigt dieser Blutdurst selbst. Auch wenn ich inzwischen weiß, dass er ein typisch weibliches Phänomen ist. Sebastian Fitzek, eins meiner Pop-Idole des literarischen Sadismus, schätzt den Anteil der Frauen unter seinen Lesern auf 80 Prozent. "Es sind Frauen, die mir schreiben, beim Blutzoll könnte ich noch ’ne Schippe drauflegen", hat er mal erzählt. Ich versuche wenigstens noch, mich auch für andere Dinge zu interessieren als Ritualmorde und satanische Hinrichtungen, mich von einem Historienroman fesseln zu lassen oder eine leichte Sommerkomödie gut zu finden. Aber es bringt nichts: Für mich gibt es nichts Schöneres, als mich hinter doppelt verschlossenen Türen an meiner Angstlust zu weiden.

Das geht auch vielen meiner Freundinnen so. An weinlastigen Abenden beim Italiener tauschen wir uns lieber über berüchtigte Serienmörder aus als über Tinder-Dates und Ehemänner. Wir sind seltsam fasziniert von dunklen Abgründen. Und von der Frage: Sind Menschen so, wie sie zu sein scheinen? Oder schlägt mich der freundliche Gemüsemann, der mir bei jedem Einkauf immer noch zwei Mandarinen für die Kinder schenkt, irgendwann hinterrücks mit einer Obstkiste nieder, zerteilt mich mit der Kettensäge in der Badewanne und verscharrt meine Leiche in seinem Schrebergarten?

Besonders beunruhigend: Die Opfer sind meistens weiblich.

Was ich besonders beunruhigend finde: Die Opfer in meinem düsteren Unterhaltungsprogramm sind meistens weiblich. Ist das Selbsthass, den ich da auslebe? Irgendwas Pathologisches in der Beziehung zu meiner Mutter? Laut Psychotherapeutin und Neurologin Dr. Sabine Schwachula hat das Ganze aber eine kathartische Wirkung, es gehe dabei eher um das Auskundschaften der eigenen Furcht: "Wir Frauen neigen dazu, unsere Ängste psychisch zu verarbeiten. Wir gehen schneller Mal zur Therapie – oder lesen Krimis, um uns zwischen Buchdeckeln mit unserer Wut auseinanderzusetzen." Männer verdrängen, rasen auf der Autobahn oder greifen tatsächlich zum Filetiermesser.

Selbsttherapie?

So gesehen arbeite ich mit meinem verstörenden Hobby doch sehr intensiv an mir und meiner Seelenhygiene. Aber Charles Manson statt Achtsamkeitsmedi­tation und Klangschalentherapie? Nun, ich erkenne da durchaus Parallelen: Bei beidem steigt besonders tief ein, wer sich komfortabel auf der heimeligen Liegelandschaft eingerichtet hat. "Um die Welt mit Krimis zu füllen, braucht es Muße und Sicherheit. Ich glaube nicht, dass in Syrien derzeit auch nur ein einziger Mensch Krimis liest", erklärt Sabine Schwachula dieses Wohlstandsphänomen. Die Frage: "Geht’s dir noch gut?" angesichts so einer bluttriefenden Marotte ist also mehr als angebracht. Und die Antwort kann eigentlich nur lauten: "Ja, viel zu gut!" Denn nur wer keine realen Ängste auszustehen hat, kann so auf diesen kranken Scheiß abfahren wie ich.

Agatha Christie war ihre Erstbegegnung mit krimineller Energie. Als Lena Schindler 13 war, liebte sie die Schwarz-Weiß-Filme mit Miss Marple.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Buchtipps-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BARBARA als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BARBARA 04/2020

Mehr zum Thema