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Tiere ausstopfen Interview mit einer Tierpräparatorin

Haus im Wald
© Insa Hagemann / Brigitte
Ausgestopfte Tiere können so echt aussehen, dass erst ein tiefer Blick in die Glasaugen Klarheit schafft. Zu Besuch bei einer Tierpräparatorin und ihren Werken – Hündin Twiggy inklusive.

Doris Gottschalk kramt aus einer Plastiktüte einen Marder hervor. Oder vielmehr das, was von ihm übrig ist: eine gegerbte Haut mit schädellosem Kopf, Schwanz und allen vieren. Ein Mann klaubte das Tier von der Straße und brachte es zu ihr, damit sie ihm wieder neues Leben einhaucht. Heute wird sie mit Holzwolle seinen Körper ausstopfen, eine Wirbelsäule aus Draht basteln und einen Schädel aus Bauschaum gießen. Gottschalk breitet die leere Hülle vor sich aus. Dann mal los. Ein Verkehrsopfer wie den Marder nennt sie liebevoll "flacher Freund".

Zu Gast bei einer Tierpräparatorin

Die Tierpräparatorin lebt mitten im Wald, an der Endhaltestelle der Buslinie, eine Stunde vom Bahnhof einer niedersächsischen Kleinstadt entfernt. Von jetzt an verheddert sich der Blick nur noch in Bäumen, die Luft riecht nach feuchter Erde. Endstation, das passt, bekommt Doris Gottschalk doch nur tote Tiere von ihren Kunden geliefert. Sie ist eine gemütliche Frau Mitte 40, in praktischen Klamotten und Crocs mit Sonnenblumenmotiv – freundlich, aber ein bisschen nervös, schließlich weiß sie nie, ob Fremde ihr wohl gesonnen sind. Ihr Beruf polarisiert. Draußen, um die großen Kessel, in denen sie Hirschköpfe weich kocht, hat sie lieber einen Sichtschutz gebaut. Es kam schon vor, dass Jugendliche Flaschen über den Zaun warfen und "Tiermörder" schrien.

Ihre eigenen Tiere könnte Doris Gottschalk nicht präparieren – zu viele Emotionen im Spiel

Zum Warmwerden führt Gottschalk erst einmal durch ihren echten Kleintierzoo, hinter ihr wackelt Hündin Biene. Neben dem Wohnhaus hat sie Ställe für Kaninchen und Hühner gebaut, am Teich sonnt sich ein Kater. Die meisten ihrer Tiere hat sie aus schlechten Haltungsbedingungen gerettet: "Mit toten Tieren zu arbeiten ist halt mein Job, aber ich habe auch gern die lebenden um mich." Als sie die Tür zu einem Schuppen öffnet, ist man jedoch schnell wieder bei den toten: Hier stehen drei Tiefkühltruhen voller Kadaver. Viele bekommt sie von Jägern, andere sind Auftrags­arbeiten vom Naturmuseum am Bodensee, das ihr etwa 60 Kreaturen im Jahr liefert.

Sie erzählt mit Begeisterung von ihrer Arbeit. Von einem schwarzen Trauerschwan zum Beispiel, der in einem Kurpark Menschen und Tiere angriff. Als sie den erlegten Vogel aufschnitt, wusste sie, warum: "Er hatte ein riesiges Geschwür unterm Schnabel. Er war aggressiv, weil er Schmerzen hatte." Oder von der Kunst, Waldschnepfen zu präparieren, die Häute haben, dünn wie Pergamentpapier.

"Haut und Fettschicht voneinander zu trennen ist sportlich. Es hat einige Jahre gedauert, jetzt kann ich es!"

Und dann war da noch der Husky, der vor der Werkstatt zum Trocknen in der Sonne lag und so lebendig aussah, dass der Postbote ihm ein Leckerli hinwarf. Anfragen von Haustierbesitzern lehnt Frau Gottschalk allerdings mittlerweile in der Regel ab, denn Kunden kamen die Präparate oft nicht abholen, weil sie über den Verlust hinweg waren oder sich ein neues Tier zugelegt hatten.

Tiere waren schon immer ihr Ding. Ihre frühe Kindheit verbrachte Gottschalk in einem Wildpark mit Hirschen hinterm Haus, ihr Vater, Förster und Jäger, nahm sie überall mit hin. Als Erwachsene machte sie eine Ausbildung zur Tierpflegerin. Als sie den Job aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr machen konnte, wurde sie Hilfskraft bei einem Präparator.

Als Frau ist man in der Branche eine Ausnahme.

In der Lehrzeit musste sich Gottschalk neben dummen Sprüchen einiges von ihren männlichen Kollegen gefallen lassen: "Als erste Aufgabe legten sie mir hämisch eine fette Hauskatze auf den Tisch, der ich das Fell abziehen musste. Ich habe mich geekelt, mir aber nichts anmerken lassen." Heute kennt sie die Anatomie von vielen Arten auswendig. Das Spannende an dem Job ist auch, dass man Tieren nahekommt, die andere höchstens mal im Gebüsch rascheln hören. Nur dass sie dann eben schon tot sind. Mittlerweile ist sie seit 16 Jahren selbstständig – und gut im Geschäft.

Irgendwo in Gottschalks kleiner Werkstatt liegt noch der Originalschädel von Twiggy, deren präparierter Körper 300 Kilometer entfernt in einem Wohnzimmer bei Gießen hockt. Der putzige Hütehund-Mix mit den sanften schwarzen Augen schaut mit starrem Blick aus dem Körbchen Richtung Couch, wo Frauchen Franziska Schmock neben Partner und mit Baby auf dem Schoß abends fernsieht.

Schmock fand die Hündin vor 15 Jahren verletzt an einem kubanischen Strand und brachte sie nach Deutschland. "Sie hat nie gehört, war trotzdem lieb. Sie war ein Freigeist, überall beliebt." Für sie war Twiggy ein ganz besonderer Hund, so besonders, dass ihr keine Bestattungsart recht war. Also suchte sie im Netz nach einem Tierpräparator und fand Doris Gottschalk.

"Wichtig ist, dass die Augen richtig positioniert werden. Soll ja keiner schielen!"

Für Twiggy machte die Präpa­ratorin, die eigentlich nur noch Wildtiere annimmt, eine Ausnahme: "Frau Schmock war am Telefon sehr überzeugend." Nun hat die Hündin einen Styroporkörper, der eigentlich für einen Schakal gedacht war. Den hatte Gottschalk noch übrig. Anhand von Bildern und Videos versuchte sie, auch das Gesicht von Twiggy so originalgetreu wie möglich zu rekonstruieren – schließlich wissen Besitzer genau, ob ihr Tier die Zunge immer links oder rechts raushängen hatte. "Sie sieht fast aus wie immer", findet Schmock.

Als alte Dame war Twiggy blind, hatte Hüfte und einen Gehfehler. "Sie war eine wandelnde Baustelle", sagt Schmock. Gegen die Schmerzen bekam die Hündin Akupunktur, musste regelmäßig zur Physio­therapie, zur Wassergymnastik und zum Nierenspülen. Weil Twiggy nicht mehr gut laufen konnte, besaß sie Spezialschuhe: welche für draußen und welche für drinnen. Ihrem Ende döste sie zu Hause unter einer Wärmelampe entgegen, bis die Familie sie schließlich einschläfern ließ. Mit dem Geld, das in diesem Hundeleben für den Tierarzt draufging, hätte man einen Kleinwagen kaufen können.

Obendrauf: 1000 Euro für die Unsterblichkeit.

Die steife Twiggy, die nie wieder bellen oder mit dem Schwanz wedeln wird, wirkt auf Frau Schmock nicht gruselig, im Gegenteil: "Für mich hat der Anblick etwas Leichtes, Positives." Den Nachbarn wird sie die tote Hündin aber lieber nicht präsentieren, "ich räume sie weg, je nachdem, wer zu Besuch kommt". Franziska Schmock ist Ende 30, arbeitet als Flugbegleiterin bei einer großen Airline, wirkt offen, lustig – und gar nicht so verrückt, wie man von jemandem vermuten könnte, der das tote Haustier ausstopfen lässt. Na ja, vielleicht ein ganz klein bisschen verrückt: "Weihnachten setze ich ihr vielleicht ein Nikolausmützchen auf", sagt sie.

In der Werkstatt schraubt Doris Gottschalk weiter an dem Marder herum. Hinter ihr auf einem Tisch stehen bereits Dachs und Fuchs, an einem Haken hängen Felle, an den Wänden Geweihe. Der Geruch von Bauschaum sticht in der Nase, ansonsten riecht es neutral. Alles ist ordentlich sortiert: Werkzeuge, Nägel, Chemikalien, Farben und Glasaugen – schlichte schwarze für Marder, orangefarbene für Eulen… Normalerweise hört sie während der Arbeit Santiano oder Unheilig, die CDs stapeln sich hier gleich unter dem Regal mit den Tierschädeln.

"Wenn ich allein bin, dreh ich volle Pulle auf."

Wenn sie nachts mal nicht schlafen kann, nutzt sie helle Mond­nächte, um im eigenen Waldrevier Wildschweinen aufzulauern. Das müsse sein, erklärt sie, weil sich die Schweine rasant vermehren und im Revier großen Schaden anrichten. Für Job und Hobby, die Jagd, muss sich Gottschalk oft rechtfertigen. Sie päppelt Tiere auf, tötet und präpariert sie aber auch. "Für viele ist das ein Widerspruch, ich sehe das anders: Der Tod gehört zum Leben dazu." Frühere Partner kamen mit ihrem Job nicht klar. Nicht so ihr neuer Freund. "Er ist der Erste, der meinen Beruf faszinierend findet."

Doris Gottschalk bohrt jetzt Augenhöhlen in den künstlichen Marderschädel und sagt: "Ich bin nicht Frankenstein." Ihr sei wichtig, dass man Tiere naturgetreu darstellt. Und tatsächlich: Der Marder, der am Ende des Tages mit allen vieren auf einer Wurzel steht, sieht aus, als hätte er nur einen kurzen Ausflug ins Totenreich gemacht.

Jana Felgenhauer würde ihre beiden Katzen nie präparieren lassen. Sagt sie zumindest jetzt.

BARBARA 51/2020

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