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Tierkommunikation Hilft ein Sprachkurs?

Tierkommunikation: Gitta mit Leica und Lissi
Während Gitta und Leica emsig Vokabeln pauken, spricht Katze Lissi nicht aus, was sie denkt. 
© Achim Multhaupt
Mensch und Tier verstehen einander auch ohne Worte, das ist doch das Schöne! Unsere Autorin aber will mehr – und belegt diverse Sprachkurse mit Hund und Katz.
von Gitta Schröder

Versuchsobjekte Hündin Leica und Katze Lissi. Vermutlich aber doch: Frauchen Gitta.

Testware Drei Apps, die Menschen Tiersprache lehren wollen.

Mission Fließend Hündisch und Katzisch. 

Heute Morgen beim Gassigehen hatten wir wieder so eine Situation: Ich war noch nicht ganz wach, Leica dummerweise schon. Deshalb bemerkte sie viel früher als ich das Auto mit dem Anhänger, riss an ihrer Leine und kläffte dem Klappergefährt hinterher. Das ist eine von Leicas kleinen Macken, bei der ich nicht weiß, ob die nur an ihrem feinen Hütehund-Gehör liegt oder ob etwas anderes dahintersteckt. Ich kann meine Collie-Hündin ja leider nicht fragen. Vielmehr: Sie antwortet nicht. Klar ist nur, dass Leica, seit sie vor siebeneinhalb Jahren als Welpe zu uns kam, eher zurückhaltend ist, manchmal ängstlich. Und wenn sie mich mit ihren braunen Augen ansieht, guckt sie fast ein bisschen traurig … Oder?

Mit Hund und Katze via App kommunizieren

Was würde ich in solchen Momenten dafür geben, Leicas Gedanken lesen zu können oder einfach in Hundesprache mit ihr zu reden – wie mein Kindheitsfilmheld Dr. Dolittle, der sogar 489 Tierarten verstehen konnte. Auch wenn bei Leica herauskäme, dass sie fast nur an Fressen denkt. Was sehr wahrscheinlich ist. Oder dass sie meinen Mann lieber mag als mich. Was ich befürchte.

Möglicherweise bin ich nur wenige Klicks von der Kommunikation mit meinem Hund entfernt, denn es gibt Apps, die versprechen, Hundesprache übersetzen zu können. Absurd? Reizvoll! Ich muss an Loriots Sketch denken, in dem der "sprechende" Hund Bello von einem Fernsehreporter interviewt werden soll. Und wo ich mich schon in den Lernmodus begebe, möchte ich auch gleich Katzensprache studieren. Denn bei uns kommt oft die wilde Lissi vorbei, etwa 16 Jahre alt, seidiges Fell, eigenständig, eigensinnig – Katze eben. Und ein mir komplett unbekanntes Wesen, bei dem ich höchstens ein "Streichel mich" und "Hunger!" verstehe.

Die "Pet Translator"-App soll Menschensprache in Miauen oder Bellen umwandeln. Und weil meine Hündin gerade auf mich zukommt, drücke ich auf den Hund-Button auf meinem Display und frage ins Mikro: "Wie geht es dir?" Die Übersetzungs-App spuckt knurrig-böse Belltöne aus. Und? Leica leckt sich das Fell. Oder lauscht sie? Zweite, rein rhetorische Frage: "Leica, magst du Knochen?" Aus Versehen drücke ich auf den Katze-Button und erhalte schräge Miezgeräusche. Leica widmet sich weiter der Fellpflege. Beim Versuch, wieder in die Hunde-Übersetzung zu wechseln, erscheinen sehr viele chinesische Schriftzeichen. Häh? Ich drücke verwirrt aufs Display. Pling – plötzlich ist da Werbung für eine Gitarren-Lern-App. Ich tippe hektisch aufs Display … pling – Werbung für eine App, die junge Gesichter in faltige Greise verwandelt … pling … pling … Und wo ist Leica? Mein Hund hat scheinbar genug. Ich noch nicht. Denn ich entdecke Lissi auf der Terrasse, und der Katze-Button ist noch da. Ich knie mich neben unseren Dauergast, spiele Lissi mehrere Katzengeräusche vor. Sie guckt mich an, blinzelt, wie sie das immer macht. Pling – wieder ploppt die Vergreisungs-App auf. Verzweifelt drücke ich die Zoo-Taste als Sonder-Gimmick des "Pet Translator". Wolfsgeheul, Kuhmuhen, Affengeschrei. Jetzt regt Lissi sich, macht einen Buckel, zuckt mit der Schwanzspitze und flüchtet in den Garten. Mist.

Übersetzungs-Apps im Test

Vielleicht bringt die zweite Tierflüsterer-App mehr Erfolg. Ich finde Leica auf unserem Bettvorleger im Lieblingsmodus – schlafend. An die Arbeit: Der "Dog Translator" kann einerseits das Gekläff anderer Hunde abspielen und übermittelt außerdem meine Fragen in Wuffs-Waffs-Woffs. Klingt lustig. Ich frage also ins Mikro: "Leica, bin ich deine Beste?", und bei der Bell-Übersetzung spitzt Leica tatsächlich erst ein Ohr, dann das andere. Aber sie antwortet nicht. Oder denkt sie: Ich sag’s lieber nicht? Dann eben etwas Unverfängliches: "Warum hasst du Autoanhänger?" Mein Handy bellt. Leica grunzt, lässt ihren Kopf zu Boden sinken und schließt die Augen. Verstehen geht anders. Gelacht habe ich trotzdem.

Große Erwartungen setze ich in die dritte App. Denn der "Meow Talk" enthält künstliche Intelligenz und moderne Spracherkennungstechnologie, die auch bei der weltberühmten Sprachassistentin "Alexa" zum Einsatz kommt. Grundlage der App sind lediglich elf Miau-Töne, denen die Ingenieure bestimmte Interpretationen zugeordnet haben, wie etwa "Ich hab Hunger", "Lass mich rein", "Ich hab dich lieb". Die "Alexa"-Leute erwarten, dass ich Lissis Miaus aufnehme und ihnen eine Interpretation zuordne. So will die schlaue App Lissis individuelles Vokabular ständig upgraden. Ich finde unsere Katze wieder auf ihrem Terrassen-Sonnenplatz und spiele ihr zur Animation diverse Miaus vor, aber sie scheint null in Plauderlaune. Sobald ich Lissi mein Handy vor die Nase halte, schnüffelt sie daran und verstummt. Stille bei ihr, Verzweiflung bei mir. Dann scheint ihr das Mauzen, Miezen, Motzen doch auf die Nerven zu gehen, sie springt auf und flieht in den Garten. Na warte.

Abends treibt sie der Hunger zurück, und ich kann endlich ihr forderndes Quäken mitschneiden. Die "Meow"-App bietet als Übersetzung "Lass mich rein" an. Blödsinn. Ich drücke "Übersetzung ändern" und klicke stattdessen "Fütter mich!". Aber wer weiß, vielleicht meinte meine Katze auch "Gib mir bitte Fisch und nicht das eklige Huhn"? In den nächsten Tagen speichere ich noch mehr Lissi-Töne und will sie meinem Mann zum Gegencheck vorspielen, doch plötzlich soll der Translator kosten. Finde ich grundsätzlich okay, ich hätte es nur gern vorher gewusst.

Fazit: "Solche Apps sind ziemlicher Quatsch"

Was mir eigentlich von Beginn an klar war: Solche Apps sind ziemlicher Quatsch. Ich sehne mich nach der ehrlich-analogen Welt. Bestimmt wäre der Besuch einer Hundeschule sinnvoll, um mehr über Leicas Gedanken zu erfahren. Aber Corona verhindert auch das gerade, und so telefoniere ich mit Julia Sulzer vom BHV, dem Berufsverband der Hundeerzieher/innen und der Verhaltensberater/innen e.V. Im Gespräch mit der Hundetrainerin wird mir der Vorteil einer guten Hundeschule sofort klar: Dort kann ich Leica ganz genau beobachten – wie sie sich mit anderen Hunden auseinandersetzt oder auch mit mir als Halterin kommuniziert. "Trainer und Trainerinnen können dann in konkreten Situationen erklären, welche Bedürfnisse Ihr Hund hat", sagt Sulzer. Ihr allgemeiner Rat: "Das Tier bloß nicht vermenschlichen." Uuups. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich der Expertin bereits meine teils flapsig, teils ernst gemeinte Frage gestellt, ob Leica das "Hunde-Abitur" schaffen würde, weil sie neben Sitz, Platz, Fuß, Pfötchen immerhin noch etwa 20 andere Wörter versteht. Und Julia Sulzer hatte eher ausweichend erzählt, dass es mal den Border-Collie-Rüden namens Rico gab, der 250 Wörter unterscheiden konnte. Und Border Collie Chaser – der mit seinem Herrchen so lange trainierte, bis er 1022 verschiedene Spielzeuge am Namen differenzieren konnte …

Pah. Nur nicht frustrieren lassen. Ich widme mich wieder dem wilden Katzenwesen Lissi und erhoffe mir Telefon-Support von der Berliner Tierpsychologin und Tierheilpraktikerin Gabriele Zuske. Wie sie denn selbst mit ihren Katzen spricht, möchte ich wissen, und sie sagt: "Mit einem Zusammenspiel aus Tonfall, Mimik, Gestik, aber auch Leckerlis, denn die Zuneigung von Katzen muss man sich ein bisschen verdienen." Katzen und Hunde, erklärt sie, nähmen aber auch feinste, unbewusste Signale von uns auf: "Sie erfassen jede einzelne unserer Muskelanspannungen, die sie als Warn- oder Freudezeichen übersetzen." Wenn ich meine Tiere verstehen will, muss ich also vielmehr checken, ob ich emotional abfärbe, wenn sich Lissi beispielsweise verstört verzieht, weil ich gestresst durchs Haus putze, oder Leica an meinen Sessel heranrobbt, wenn ich dort tiefenentspannt ein Buch lese. Künftig will ich auch genauer beobachten, wie Leica und Lissi auf ihre Artgenossen reagieren. Denn bellen und miauen – das machen sie fast nur für uns dumme Menschen. Unter Tieren zählt eher die Schwanzbewegung, das Fixieren mit den Augen, Zähneblecken, Gähnen und Fell-Aufstellen.

Während Leica und Lissi also längst die Menschensprache verstehen, bin ich absolute Analphabetin im Verstehen meiner schlauen Tiere. Mein Blick in die bronzebraunen beziehungsweise grünen Augen reicht da nicht aus. "Ohnehin schätzen Tiere es nicht sonderlich, wenn man sie lange ansieht", sagt die Tierpsychologin.

Positivgefühl beim Erschnüffeln des Halters

Nach neuen Erkenntnissen in der Mensch-Tier-Kommunikation erkundige ich mich bei dem Veterinär-Neurologen Dr. Konrad Jurina von der Tierklinik Haar. Er verweist auf einen faszinierenden Versuch des US-Wissenschaftlers Gregory Berns, der herausfinden wollte, ob Hunde nun uns Frauchen und Herrchen lieben oder doch nur die Leckereien, die wir ihnen geben. Dafür gelang es Berns, 20 Hunde so zu trainieren, dass diese nicht nur freiwillig in einen Kernspintomografen spazierten, sondern dort auch verweilten, damit er ihre Hirnaktivität messen konnte. Und weil der Hund nun mal über seine Nase navigiert, ließ er die Tiere an diversen Menschengerüchen schnüffeln und an etlichen Hundegerüchen. Das Ergebnis: Beim Erschnüffeln ihres jeweiligen Halters sprang bei den Hunden das Belohnungszentrum im Hirn an – also tatsächlich ein Positivgefühl. Und: Sie mögen "ihre Menschen" sogar lieber als Artgenossen und sehen uns Besitzer als Teil ihrer Familie an.

Diese Nachricht rührt mich, und beim Blick auf Leica hoffe ich, dass auch in ihrem Gehirn die Positiv-Synapsen glimmen, wann immer sie mich in der Nase hat. Mit diesem stillen Wunsch beende ich mein Tierversteher-Experiment. Nur Lissi lasse ich ihr Mysterium.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 06/2021.

Barbara

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