Träger Spürhund – Wie arbeitet eigentlich ein Privatdetektiv?

Wilde Verfolgungsjagden, ständig ein Puls auf Anschlag, so stellen wir uns das Leben als Privatdetektiv vor, oder? Alles Quatsch, sagt Ermittler Raoul Classen. Er brauche kein schnelles Auto, sondern Sitzfleisch, schreibt unser Autor.

Von Björn Krause

Classen hat Position bezogen, steht am Einsatzort, seinen Blick unaufgeregt auf einen Hauseingang gerichtet, lange bevor Grünfinken, Blaumeisen und Ringeltauben ihren Tag mit Gezwitscher beginnen. Wölkchen steigen beim Atmen aus seinem Mund. Es ist kalt, saukalt sogar, und Classens Lippen zittern. „Ich brauche noch einen Kaffee“, sagt er und klaubt ein paar Münzen aus seiner Hosentasche. Es ist sein vierter Becher heute: schwarz, keine Milch, kein Zucker, kein Geschmack. Aber heiß ist er, das hilft.

Classen pustet, trinkt, redet, trinkt, lässt dabei das Gebäude, er nennt es Zielobjekt, in dem sich der Gesuchte, die Zielperson, vermutlich befindet, aber nie aus den Augen. „Rund 80 Prozent meiner Aufträge kommen aus der Wirtschaft“, erzählt er. Spionage, Sabotage, Diebstahl, so etwas. „Die restlichen Fälle sind Aufträge von Privatpersonen, Unterhaltszahlungen, Affären, Stalking, Nachbarschaftsstreit.“

Zielobjekt: Romeo, charmant, Betrüger

Dieser Auftrag hier kommt von einer Frau um die 60, verwitwet, wohlhabend, die auf einer Kreuzfahrt – klar – dem falschen Mann begegnet ist. Einem Romeo, wie Classen solche Typen nennt. Einem charmanten Kerl wie Harald Juhnke einer war, mit Einstecktuch und guten Manieren. Romeo wirft sich an die Witwe ran, sie verliebt sich, er redet von einem Bauprojekt in Kanada, sie gibt ihm 100 000 Euro, er trifft sich immer seltener mit ihr, sie ruft immer öfter an, bis es irgendwann heißt: Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Nun soll dieser Kerl in der Hamburger Hafencity untergetaucht sein. Im ersten Stock einer Mietwohnung, mit zwei Namen am Klingelschild, in einem Haus, zu dem eine Tiefgarage gehört, das haben Classens bisherige Recherchen ergeben. Jetzt heißt es warten, frieren, warten, Kaffee trinken, warten.

Das Gute an seinem Job, sagt Classen, sei, dass er nie wisse, was im Laufe des Tages geschehe. Deswegen habe er immer eine gepackte Reisetasche dabei, sein Kulturbeutel klemmt im Kofferraum neben dem Warndreieck. „Das Drehbuch schreibt die Zielperson“, sagt er. Einmal hatte er den Auftrag, ein Model in Hannover zu beschatten. „Plötzlich ist diese Frau zum Flughafen gefahren“, erzählt Classen. Von dort ist sie über Paris nach Nizza geflogen, Classen im Nacken, und weiter mit einem Helikopter nach Monaco, wo sie einen Liebhaber getroffen hat. Damit war Classens Fall erledigt. Genauso wie das Abendessen mit seiner Familie. Das gehört zum weniger Guten an seinem Job. Und das Warten. „Ich habe auch schon über 30 Stunden aus dem Auto heraus observiert“, sagt er.

Erst Nato, dann Privatdetektiv

Classen wuchs in Singapur auf, ging in Hongkong zur Schule und studierte in Korea. Zurück in Hamburg ging er zur Bundeswehr und landete über ein Rekrutierungsverfahren des Militärs in Brüssel bei der Nato, wo er als Abteilungsleiter für die Übermittlung streng geheimer Nachrichten verantwortlich war. „Topsecret.“ Ende der 90er, mit Anfang 30, kündigt er. Aber warum? Um auf Eingänge zu starren und in Papiercontainern zu wühlen? „Ich wollte nicht mehr bei künstlichem Licht in einem Bunker sitzen. Ich wollte frei arbeiten, kreativ sein. Und ich wollte zurück nach Hamburg.“

Classen macht sich in der Wirtschaft als Informationsbeschaffer selbstständig. Von circa 1200 Detektiven in Deutschland sind die meisten ehemalige Polizisten, Berufssoldaten, Journalisten. Heute ist er einer von vier Teilhabern einer Detektei, die weltweit agiert. Damit ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Als Junge klebt Classen am Fernseher, wenn Anwälte wie Perry Mason und Matlock ihre Plädoyers halten oder Rockford, Magnum und Miss Marple ermitteln. „Damals habe ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entwickelt“, sagt Classen. „Natürlich friere ich mir nicht gern den Hintern ab, aber mein Antrieb ist es, Menschen zu helfen, zu ihrem Recht zu kommen.“

Der Weg dorthin ist lang und langweilig. Classen starrt auf den Eingang eines grauen Betonklotzes, in dem irgendwann für eine Viertelstunde das Licht angeht. Mehr passiert nicht. Der Detektiv sitzt in seinem Einsatzfahrzeug, so nennt er seinen Nissan, und starrt weiter aus dem Fenster. Draußen zieht der Alltag vorbei, drinnen beschlagen die Scheiben. Classen hat auf dem Rücksitz Platz genommen und erzählt damit die Legende einer Person, die auf den Fahrer wartet. „Die hohe Kunst ist es“, sagt er, „alles zu sehen, aber selbst nicht gesehen zu werden.“ Er hat immer die Zeit im Blick. Bei Starbucks kann er sich bis zu 90 Minuten aufhalten, ohne aufzufallen. Vor einem Hauseingang sind es 60, vor einer Bank nur zehn und vor einer Kita oder Schule maximal fünf Minuten. „Die Leute sind sehr aufmerksam und misstrauisch geworden.“ Wird er entdeckt, gilt er als verbrannt. Heißt: Der Job ist vorbei. Deshalb hält er viel Abstand, geht behutsam vor.

So sehr seine Kindheitshelden ihn begeistert haben, so sehr nerven ihn heute die TV-Klischees, mit denen sein Beruf in Verbindung gebracht wird. Er sei niemand, der mit Kreditkarten Türen öffnet oder im Auto in Flaschen pinkelt – das habe er ein einziges Mal getan, dann aber ganz schnell gelassen. „Vor allem aber bin ich kein Schnüffler. Ich bin kein Hund, ich bin Ermittler, einer von den Guten!“ Einer, der sich an Gesetze hält, an die Straßenverkehrsordnung, einer, der sogar Parkscheine zieht. Die natürlichen Feinde eines Detektivs sind Knöllchenschreiber, Hausmeister und Hundebesitzer. Anders ausgedrückt: „Pedanten, die ihre Gegend im Blick haben und meist mehrmals am selben Ort vorbeikommen.“ Classens Freunde sind Leute, die Hildegard, Wilhelm, Heinz heißen. Alte, die ihre Umgebung beobachten und gern über ihre Nachbarn reden.

Schwanger mit ungelösten Fällen 

Die Sonne ist aufgegangen, Vögel zwitschern. Classen steht draußen und hüpft von einem Bein aufs andere. „Auf lange Unterhosen habe ich keine Lust“, sagt er. „Damit fühle ich mich sperriger, als ich ohnehin schon bin.“ Classen, breit wie tief, ist trotz seiner Fitness ein typischer Risikokandidat für einen Herzinfarkt: viel Stress, wenig Schlaf, kaum Sport und ungesunde Ernährung. Meist isst er, was gerade greifbar ist: Hamburger und Hähnchen und Schnitzel und Currywurst und Pommes. Classen sagt, er sei mit seinen Fällen schwanger.

Es tut sich was. Eine Frau im Bademantel betritt für 10 Sekunden den Balkon. Dann verschwindet sie wieder. „Dabei fällt mir ein“, sagt Classen, „wie ich mal eine Frau von Hamburg zur Insel Föhr verfolgt habe“, erzählt er. Eine unschöne Geschichte, aber das sei die Wahrheit ja oft, unschön. „Mir dreht sich heute noch der Magen um, wenn ich daran denke.“ Jedenfalls rief sein Klient, der Ehemann, ausgerechnet während der Observation an und wollte wissen, was seine Frau gerade täte. Classen ist damals für ein paar Sekunden still. Dann sagt er: „Wir sind auf der Insel Föhr. Es ist 23:12 Uhr. Ich stehe unter einem geöffneten Hotelfenster und kann hören, wie Ihre Frau stöhnt.“