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Trampen Über das Leben unterwegs

Trampen: Mädchen mit Rucksack auf der Straße unterwegs
© GaudiLab / Shutterstock
Seit drei Jahren sind Sina und Niels per Anhalter unterwegs. Ihr Ziel: einmal um die ganze Welt.
von Lena Schindler

50 000

Kilometer haben sie seit Oktober 2017 zurückgelegt, von 500 Fahrgelegenheiten wurden sie mitgenommen – Polizeimotorrad, Pferdekutsche, Lkw. Bevor Sina Bohsung und Niels Angne, beide 29, sich mitsamt zweier Rucksäcke und Gitarre an die Straße stellten und den Schwarzwald hinter sich ließen, arbeitete sie als Immobilienkauffrau, er war gerade mit dem Theologie-Studium fertig. Seitdem sind sie Vollzeitnomaden. Wenn sie morgens aufwachen, wissen sie meist nicht, wo sie abends einschlafen werden. Sie haben sich ganz bewusst für das langsame Vorankommen und gegen das Flugzeug entschieden, ihr großer Traum ist eine komplette Weltumrundung auf dem Land- und Wasserweg. Nachhaltigkeit ist ihnen wichtig, aber auch, die Entfernungen zu spüren. Sie nähern sich einem Land am liebsten über die Menschen – wie jene, die anhalten, wenn Sina und Niels den Daumen raushalten ...

Aufbruch

Sina: Meine Neugierde hat mich schon immer in die Ferne gezogen. Als Niels und ich uns kennenlernten, fanden wir bald heraus, dass wir beide von einer Weltreise träumen. Ich hätte nicht für einen anderen Menschen in Deutschland bleiben können und war glücklich, dass er mitkommen wollte. Wir heirateten und standen anderthalb Jahre nach unserem ersten Treffen mit unseren Rucksäcken an der Straße.

Begegnungen

Sina: Bei Urlaubsreisen hüpft man ja oft von einer Sehenswürdigkeit zur anderen – wir sparen die großen Attraktionen aber häufig ganz aus. Wir möchten in ein Land eintauchen, uns mit Menschen austauschen und von ihnen über ihre Kultur und ihr Land lernen. Inzwischen warten wir beim Trampen durchschnittlich nicht länger als fünf Minuten, bis jemand anhält. Oft werden dann aus ein paar geplanten Kilometern hundert, und manche fahren extra unseretwegen Umwege, oder sie laden uns zu sich ein. Als Dank kochen wir dann für sie, lernen mit ihnen Englisch oder machen Musik.

Niels: In Vietnam hat mal einer angehalten, der sagte: "Ihr könnt mitkommen, aber ihr müsst fahren, ich bin müde." Ich durfte mich hinters Steuer setzen, und er hat während der Fahrt tief und fest geschlafen, obwohl er uns nicht kannte. Dieses Vertrauen hat mich sehr berührt.

Lieblingsort

Sina: Wir haben inzwischen 24 Länder durchreist. Aber was mich nachhaltig beeindruckt hat, war die Gastfreundschaft in der Türkei und in Pakistan: Wie großzügig und weltoffen die Menschen dort sind!

Niels: Wir erkundigen uns vorher gar nicht so intensiv über die Länder, weil wir unvoreingenommen unterwegs sein wollen. Von Rumänien hatten wir kaum eine Vorstellung. Auf einmal sahen wir Pferdekutschen durch die Straßen fahren, als wäre vor hundert Jahren die Zeit stehen geblieben.

Geld

Niels: Zu Beginn der Reise hatten wir etwa 20 000 Euro Erspartes, von dem heute noch mehr als die Hälfte übrig ist. Unser Tagesbudget lag vor der Corona-Pandemie im Schnitt bei zehn Euro für beide, jetzt ist es etwa bei 15 Euro. Wir brauchen eben kaum Geld für Transportmittel, nur ganz selten für eine Fähre oder um vor Ort ein Motorrad zu mieten. Wenn wir den Ozean überqueren, wollen wir auf Schiffen mitarbeiten. Und da wir Couchsurfing machen oder zelten, sind auch die Übernachtungen kostengünstig. Manchmal arbeiten wir für Kost und Logis, dann brauchen wir wochenlang kein Geld, haben dadurch einen Puffer für Visa-Kosten. Wir leben jedoch nicht nur vom Ersparten, sondern verdienen unseren Lebensunterhalt mit Online-Gitarrenunterricht, unserer selbst produzierten Musik und unseren Social-Media-Kanälen.

Schlafplatz

Sina: Wir haben inzwischen an allen erdenklichen Orten übernachtet: auf einer Polizeistation, am Hafenbecken unter freiem Himmel oder auf einem Teppich auf dem Boden – so wie es in Iran üblich ist. Unser Zelt haben wir schon bei einem Militärstützpunkt aufgeschlagen, auf einer von Kojoten umzingelten Lichtung am Waldrand oder mitten in der Wüste. Aufgenommen wurden wir von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, mit allen möglichen Weltanschauungen.

Kulturschock

Niels: Da wir vor allem auf abgelegenen Pfaden unterwegs sind, ist es für uns tatsächlich am ungewöhnlichsten, wenn wir an sehr touristische Orte kommen. Eine skurrile Situation ergab sich einmal in Pakistan, als ein Mann wissen wollte, ob ich arm sei, da ich mir offensichtlich nur eine Frau leisten könne. Und ein echter Schock war, als ein Fahrer in Griechenland uns anbot, auf einem gehäuteten Schwein Platz zu nehmen, das auf dem Beifahrersitz lag. Das war uns dann doch ein bisschen zu viel.

Angst

Sina: Zu Beginn der Reise habe ich mir oft Gedanken gemacht, ob alles gut geht. In Deutschland bin ich nie getrampt, nur einmal zur Probe mit Niels. Inzwischen trampe ich auch alleine, wenn nur Leute mit Roller unterwegs sind. Dann trennen wir uns und treffen uns an einem verabredeten Ort. In diesen drei Jahren waren wir nie einer Gefahr ausgesetzt, die von Menschen ausging. Wir steigen aber auch nicht bei jedem ein oder durchaus mal wieder aus, wenn einer zu schnell fährt.

Niels: Die gefährlichste Situation unserer Reise haben wir gar nicht beim Trampen erlebt, sondern als wir zwischen dem Grenzübergang von Iran nach Pakistan über vier Tage von der Polizei durch Terrorgebiete eskortiert wurden, teilweise in einem Panzer. In eine lebensbedrohliche Lage sind wir geraten, als unser geliehenes Motorrad auf dem Karakorum Highway – der höchsten Fernstraße der Welt, zwischen Pakistan und China – einen Platten hatte. Auf einmal kamen Steinlawinen herunter, wir waren drei Tage mit all den Menschen, die dort unterwegs waren, gefangen. Ein paar Männer aus einer Lkw-Karawane, die unsere Freunde wurden, haben uns tatsächlich eines ihrer Fahrzeuge überlassen, damit wir uns dort einrichten konnten. Diese Großzügigkeit war überwältigend und berührt uns bis heute.

Krach

Niels: Als wir gemeinsam in die Welt zogen, war das ein Sprung ins kalte Wasser. Wir hatten vorher ja noch nie zusammengewohnt. Aber es hat von Anfang an gut funktioniert. Wir hocken auch gar nicht immer so eng aufeinander, wie man vielleicht denkt. Beim Trampen sitzt meist einer vorn und redet mit dem Fahrer, der andere hört auf dem Rücksitz Musik. Und beim Couchsurfing widmet man sich den Gastgebern. Aber klar: Die typischen Herausforderungen jedes Paares sind natürlich etwas intensiver, wenn man 24/7 zusammen ist.

Sina: Seit wir unterwegs sind, gibt es kaum Routine in unserem Leben, wir erleben eine Flut von Eindrücken. Sobald wir merken, dass wir unseren Gastgebern nichts mehr zurückgeben können, erschöpft sind oder Zeit für uns als Paar brauchen, ziehen wir uns zurück, zelten eine Weile in der Natur oder gehen in ein günstiges Hostel.

Heimat

Niels: Die Idee von Zuhause ist für uns im Laufe der Zeit abstrakt geworden. Aber dadurch, dass wir uns gegenseitig haben, ist das Gefühl von Heimat immer dabei. Wir hängen nicht mehr an materiellen Dingen, aber was mir oft extrem geholfen hat, ist unser Zelt. Ganz egal, wo wir es aufschlagen, drinnen sieht es immer gleich aus, das gibt ein Gefühl von Geborgenheit.

Ankommen

Sina: Durch Corona sind wir vor einem halben Jahr auf Bali in einem Guesthouse gestrandet. Wir waren vorher auf Sumatra, die deutsche Botschaft hat uns dann jedoch geraten, uns hierher zu begeben, denn die Insel lebt vom Tourismus und das Gesundheitssystem ist besser. Wir haben von Sumatra nach Bali zum ersten Mal ein Flugzeug benutzt. Sobald die Pandemie vorbei ist, möchten wir unseren Weg fortsetzen und mit einem Schiff nach Australien fahren.

Niels: Auch wenn wir nun ungeplant hier sind, genießen wir es, nach so langer Zeit in Bewegung an einem Ort zu sein. Bis wir um die ganze Welt gereist sind, werden noch Jahre vergehen. Sollten wir uns doch mal niederlassen, könnten wir uns vorstellen, in Portugal ein veganes Café am Strand zu eröffnen. Aber noch sind wir lange nicht bereit, anzuhalten.

Auf den Spuren der Tramp-Profis – zumindest virtuell: travelowls.de und instagram.com/travel.owls

BARBARA 52/2020

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