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Michelle Hunziker über ihre schrecklichen Erlebnisse in einer Sekte

Michelle Hunziker über ihre schrecklichen Erlebnisse in einer Sekte
© Fotos: Markus Höhn
Kurz nach ihrer Heirat mit Eros Ramazzotti geriet Michelle Hunziker in die Fänger einer Sekte. Zunächst schleichend nahmen die Sektenführer sie immer mehr ein. Was sie gerettet hat und wie sie damit lebt, erzählt se im Interview mit Barbara Schöneberger

Barbara: Michelle, unser Thema heißt: „Träum weiter“. Aber mich interessiert erst mal, wovon du früher geträumt hast.

Michelle: Du meinst als Teenager? Mit 15, 16 Jahren?

Barbara: Genau. Kannst du dich daran noch erinnern?

Michelle: Sehr lebhaft. Ich wurde als Kind ziemlich stark gemobbt ...

Barbara: Was? Du?

Michelle: Allerdings. Ich trug total kurze Haare und sah wie ein Junge aus. Und ich bin in den ersten Jahren im Tessin aufgewachsen. Als ich dann in die deutschsprachige Schweiz gezogen bin, konnte ich eigentlich nur Italienisch sprechen. Ich war also dieses komische jungenhafte Mädchen mit der seltsamen Aussprache ...

Barbara: Verstehe. Du hast dir also gesagt: Denen zeige ich es.

Michelle: Exakt. Das war mein Antrieb, als ich Teenager war: Etwas aus mir machen, um nicht mehr als Freak dazustehen.

Barbara: Was haben die anderen beim letzten Klassentreffen gesagt?

Michelle: Das ist ja das Drama: Ich hatte noch keines. Aber wovon hast du geträumt?

Barbara: Ich denke da jetzt schon eine Weile drüber nach, und ganz ehrlich: Ich weiß es nicht mehr. Ich musste mich aber auch niemandem gegenüber beweisen. Die üblichen Anforderungen an einen Teenager sind mir nie schwergefallen, ich wurde nicht geschnitten, ausgegrenzt oder gehänselt. Und was ich damals erreichen wollte ... Puh, gute Frage. Dass ich mal auf Bühnen stehen oder im Fernsehen moderieren werde, war jedenfalls nicht auf der Liste.

Michelle: Bei mir ganz sicher auch nicht. Das auch nur zu denken hätte ich mich nie getraut.

Barbara: Das tut man doch auch nicht mit 15! Wer stellt sich denn in dem Alter hin und sagt: I wanna be a star? Fernsehunterhaltung, das war doch viel zu hoch.

Michelle: So was hatten wir in der Schweiz nicht mal. Es gab ja nur Kulturfernsehen, Shows haben wir von euch Deutschen importiert. Nein, darum ging es mir nicht. Ich wollte einfach nur irgendetwas schaffen, das vorzeigbar war.

Barbara: Tja. Wenn ich ehrlich sein soll: Es gibt bis heute nichts, wovon ich träume. Irgendwie ist doch eh schon alles wie ein Traum für mich. Wenn ich da jetzt noch mehr wollen würde ...

Michelle: ... brächte das Unglück.

Barbara: Na ja, das vielleicht nicht. Aber es wäre unmäßig, oder?

Michelle: Ach, ich finde, das Recht auf Träume haben auch die Glücklichsten. Gibt es zum Beispiel niemanden, mit dem du unbedingt mal zu Abend essen wolltest?

Barbara: Du meinst Madonna oder so? Nein. Hast du jemanden?

Michelle: Den Papst.

Barbara: Aber den kennst du doch schon!

Michelle: Ich habe ihm mal die Hand geschüttelt, und er hat mich gesegnet. Das war toll, aber ich dachte eben auch: Mit dem würde ich gern mehr Zeit verbringen, weil er auf mich so … besonders wirkt. So empathisch, so zugewandt. Das interessiert mich.

Barbara: Ich weiß, was du meinst. Er vermittelt den Eindruck, dass er auch etwas über seine Gesprächspartner wissen will. Es gibt ja kaum etwas Langweiligeres, als jemanden unbedingt treffen zu wollen, der sich so gar nicht für einen interessiert. George Clooney zum Beispiel will sicher absolut nichts von mir wissen. Warum sollte ich mich dann mit ihm treffen wollen? Aber Moment, einer fällt mir jetzt ein.

Michelle: Na?

Barbara: Mit Barack Obama würde ich dann doch gern mal dinieren. Und ich habe mich unter Frauen umgehört: Das geht den meisten genauso.

Michelle: Ein intelligenter Mann.

Barbara: Ja, ja. Intelligent ist er auch. Und einer, der offensichtlich Familie kann.

Michelle: Das war übrigens etwas, wovon ich früher geträumt habe: eine perfekte Familie zu haben. Was sicherlich davon kommt, dass ich aus einer kaputten komme.

Barbara: Was heißt kaputt?

Michelle: Meine Eltern trennten sich, als ich zwölf war. Mein Vater war ein toller Mensch, aber er war eben auch Alkoholiker. Das war wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Schwer auszuhalten. Meine Kindheit war mühsam, aber als er gegangen ist, hat mir das einen Knacks gegeben.

Barbara: Hast du es deshalb so eilig gehabt mit der eigenen Familie? Kaum hattest du Eros Ramazzotti kennengelernt, warst du auch schon schwanger ...

Michelle: Mit 19, ja. Und ich fand es großartig. Ein Kind mit meinem Traummann, wir waren eine richtige italienische Familie. Märchenhaft. Und wie im Märchen kam dann die böse Hexe und hat irgendwie alles kaputt gemacht.

Barbara: Die Hexe war Oberhaupt einer Sekte und hat fast dein Leben zerstört.

Michelle: Nach ein paar Jahren in meiner Beziehung mit Eros hatte ich plötzlich Haarausfall. Das hat mich ganz verrückt gemacht, weil ich zunächst nicht verstand, was das zu bedeuten hatte. Mein Leben war doch perfekt! Ich bin dann an eine Pranotherapeutin geraten.

Barbara: An bitte wen?

Michelle: Eine Heilerin, die durch Handauflegen therapierte. Also eigentlich hatte sie Eros behandelt – bei dem war kurz vor einem Konzert die Stimme weg, sie hat ihn zum Auftritt wieder hinbekommen. Und Eros ist ziemlich bodenständig, der misstraut sonst allem, was nach Esoterik aussieht.

Barbara: Die Frau hat sich dann um deinen Haarausfall gekümmert?

Michelle: Auch. Ich war fasziniert von der ganzen Person. Sie war mütterlich, freundlich, warm, das hat mir gutgetan. Und so bin ich in eine Sekte gerutscht.

Barbara: Und das hast du nicht gemerkt?

Michelle: Nein, das war anfangs auch nicht zu erkennen. Ihr Kreis war klein, der ist erst gewachsen, als ich schon dabei war. Ich hatte einfach nur das Gefühl, dass da jemand für mich da ist, der versteht, was mich in meiner Kindheit hat leiden lassen – und sie hat gesehen, dass dieses Leiden unverarbeitet geblieben war.

Barbara: Was hat sie getan?

Michelle: Mir das Gefühl gegeben, der wichtigste Mensch der Welt zu sein, das kannte ich so nicht. Und sie hat mir geholfen, meinen Vater zu finden, mit dem ich über sechs Jahre lang keinen Kontakt hatte. Ich konnte mich mit ihm aussöhnen. Das hat mir viel bedeutet.

Barbara: Das klingt doch erst mal sehr positiv. Wie ging es weiter?

Michelle: Die nächste Etappe war die schrittweise Entfremdung von meiner Familie. Diese Person hat mir, psychologisch geschickt, erzählt, mein Mann würde mich betrügen. Meine Mutter hätte mich nie geliebt. Meine wahre Familie, die, die mich bedingungslos und echt annehmen würde, das sei jetzt sie und alle um sie herum.

Barbara: Sie hat also regelrecht Hirnwäsche bei dir betrieben?

Michelle: Und die hat funktioniert. Ich habe alle weggestoßen, die mein Leben vorher ausgemacht haben. Ich habe dieser Frau geglaubt.

Barbara: Und wahrscheinlich auch dein ganzes Geld in diese Sekte investiert.

Michelle: Natürlich, das war der tiefere Sinn der Übung. Irgendwann war es dann auch mit der Liebe vorbei. Dann wurde eigentlich nur noch gedroht und bestraft.

Barbara: Bestraft? Wofür?

Michelle: Alles war reglementiert, die Art meines Umgangs mit Menschen, das, was ich essen durfte oder vielmehr: nicht durfte, die Meisterin hatte eine strenge Diät angeordnet. Und ich wurde stark kontrolliert, obwohl ich ja meinen Beruf weiter ausübte, und das in dieser Zeit unglaublich erfolgreich.

Barbara: Was ich mich gerade frage: Du warst Mitte 20, als das losging?

Michelle: Fast. Ich war 23.

Barbara: Dann war Aurora, deine Tochter, vier Jahre alt. Welche Rolle hat sie für dich gespielt in dieser Zeit?

Michelle: Sie war mein Anker in der anderen Welt. Ich habe sie, bewusst oder unbewusst, komplett aus diesem Sektenleben herausgehalten, das war mein großes Glück.

Barbara: Weil sie dich wieder auf die andere Seite geholt hat.

Michelle: Sie hat gemerkt, dass ich traurig war und es mir nicht gut ging. Aber ja, es stimmt, Aurora gab mir die Kraft, mich nach viereinhalb Jahren aus dieser Sekte zu lösen.

Barbara: Wie hast du das gemacht?

Michelle: Ich bin eines Morgens aufgewacht, habe all meinen Mut zusammengenommen, habe bei der Frau angerufen und gesagt: Ich bin raus. Ich will nicht mehr.

Barbara: Was hat sie gesagt?

Michelle: Dass ich sterben würde. Dass ich ohne sie nicht überleben könne. Ich würde sagen: Sie hat sich geirrt.

Barbara: Wahnsinn. Was für ein Albtraum. Ich erinnere mich jetzt auch wieder an die Bilder von dir und dieser Frau. Und ich dachte damals noch, dass die Presse maßlos übertreibt mit diesem Sekten-Ding.

Michelle: So habe ich es ja auch dargestellt: Sie ist nur eine Freundin, ich mache spirituelle Erfahrungen … Ich musste das System ja schützen. Ich hatte alle meine Hoffnungen in etwas gesetzt, was über meine Guru-Freundin hinausging: in Gott. Ich dachte, wenn mein Mann und meine Mutter mich nicht lieben – der tut es ganz sicher.

Barbara: Hatten Eros und deine Mutter nicht versucht, dich da rauszuholen?

Michelle: Man muss sich ja auch helfen lassen, und das wollte ich anfangs nicht. Ich wollte mich und Gott finden in dieser Verbindung. Ich habe sie gar nicht an mich herangelassen.

Barbara: Klar, du hattest eine Mission.

Michelle: Und wurde manipuliert. Es gibt keine perfekte Familie. Es ist eigentlich einfach, diese Schwachstellen zu finden und zu verstärken. Ich meine, hast du nie Zweifel an deinen Eltern gehabt und deren Liebe zu dir?

Barbara: Ganz ehrlich: nie. Ich bin aber auch in der maximalen Stabilität aufgewachsen. Vater, Mutter, keine Geschwister, total eng. Konflikte gab es, klar, aber die wurden nie für irgendwelche psychologischen Grundsätzlichkeiten instrumentalisiert. Ich war immer mit meinen Leuten im Reinen. Aber weißt du: Ich bin auch nicht sehr sensibel. Ich habe eine Leichtigkeit, die angeboren ist, ein Talent, Missstände einfach vom Tisch zu wischen, das ist mein großes Glück gewesen.

Michelle: Und ich nehme an, du trinkst auch nicht und nimmst keine Drogen?

Barbara: Noch nie. Warum?

Michelle: Weil die Zugehörigkeit zu einer Sekte ähnlich funktioniert wie eine Sucht.

Barbara: Interessant. Du hast also deinen Vater für seine Alkoholabhängigkeit verachtet ...

Michelle: ... und bin dann in eine ähnliche Abhängigkeit gerutscht. Das ist wahr.

Barbara: So im Rückblick: Hatte die ganze Sache auch etwas Gutes?

Michelle: Absolut. Ich glaube nicht, dass mich heute noch irgendjemand übers Ohr hauen kann. Ich danke diesen Leute sogar.

Barbara: Inwiefern?

Michelle: Weil ich durch meine Geschichte Menschen geholfen habe, die den Fängen anderer Sekten dadurch entkommen sind – allein in Italien gibt es über 640 Psychosekten. Und überhaupt: Letztlich ist es mein großes Talent, in allem das Positive zu sehen.

Barbara: Und machen wir uns nichts vor: Dein Leben ist bei all diesen Irrwegen ein gutes geworden. Du hast wieder die schöne Familie, die du wolltest, du hast einen Job, den du wirklich liebst …

Michelle: Und ganz ehrlich: Manchmal schäme ich mich dafür, dass ich Geld dafür bekomme, im Fernsehen zu arbeiten. Der Job ist Traum genug. Mehr will ich nicht.

Barbara: Aber du hast eine erwachsene Tochter neben den beiden kleinen Kindern, und wir alle wissen: Wenn man für sich selbst nichts mehr erträumt, projiziert man seine Träume auf die Kinder. Kennst du das bei dir und Aurora?

Michelle: Nein, ich habe nie meine Träume auf meine Tochter projiziert, habe sie immer in dem unterstützt, was sie machen wollte. Aber wir reden hier von der Tochter von Eros Ramazzotti und Michelle Hunziker, die in Italien lebt, wo ihre Eltern ...

Barbara: ... nicht gerade unbekannt sind.

Michelle: Genau. Das ist an sich schon keine einfache Situation für ein Mädchen. Sie hat lange bekämpft, dass sie dasselbe machen wollte wie ich. Als sie dann das Angebot bekam, in Italien „X Factor“ zu moderieren, hat sie gehadert.

Barbara: Und am Ende doch angenommen.

Michelle: So ist es. Vielleicht ist es manchmal das Beste, die Kinder nicht davon abzuhalten, in die Fußstapfen der Eltern zu treten.


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