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Trigger Diese Geräusche machen mich irre

Trigger: Finger kratzt über Tafel
© cagi / Shutterstock
Schlucken, schnaufen, schnippen, schnarchen: Unsere Autorin bekommt akustisch ständig eins auf die Ohren – und das kaut sie hier mal lautlos durch.

Rückblickend denke ich, dass meine Ehe zum großen Teil daran scheiterte, wie der Mann jahrelang knackend und krachend rohe Möhren gekaut hat. Oder wie er mit diesem spechtartigen TOKKTOKKTOKK sein bescheuertes Frühstücksei in Schalenstückchen trommelte und dann umständlich abpfriemelte, statt es sauber zu köpfen. Dazu noch dieses übereifrige SCHRAPPSCHRAPPSCHRAPP, mit dem er mikroskopische Restspuren aus dem Joghurtbecher kratzte und anschließend, GLUCKGLUCKGLUCK, beim Trinken schluckte wie ein durstiger Büffel am Wasserloch. "Kannst du bitte mal damit aufhören?!", zischte ich gequält. Doch auf dem Ohr war er taub: "Aber atmen darf ich noch?" war seine beleidigte, leider nur rhetorisch gemeinte Gegenfrage.

Diagnose: Misophonie

Statt zu verstummen, ließ er mich wissen, dass ich mal wieder völlig übertreiben würde. Stimmt! Denn bestimmte Geräusche triggern bei mir eine nahezu unzähmbare Wut auf den Verursacher. Nicht nur bei ihm, bei allen. Gut möglich, dass ich allein deswegen angefangen habe, freiberuflich von zu Hause zu arbeiten, damit ich keine Kollegen mehr hören muss: klackerndes Tastaturtippen, schmatzendes Kaugummikauen, Räuspern im Großraumbüro.

Es lag nicht an Ihnen, es liegt an mir. Das klingt verrückt, ist aber nur neuro-logisch. Endlich weiß ich, dass ich mir meine Qual nicht einbilde. Das Phänomen heißt Misophonie und hat auf Instagram etliche Hashtags, unter denen sich still und leise Tausende Leidensgenossen aus aller Welt versammeln und fordern: Ihr da mit den dicken Trommelfellen, schluckt euren Tipp, man solle "einfach nicht hinhören", doch bitte tonlos herunter.

Manches kann man nicht überhören, es schlägt bei Misophonen ungefiltert wie ein Meteorit in das steinzeitliche "Kampf oder Flucht"-Zentrum ein. Als Betroffene will ich dann nur noch zurückschlagen, damit Ruhe ist. Weil das aber sozial verpönt ist, ziehe ich mich stattdessen unvermittelt zurück. Auch das kommt gesellschaftlich eher semi an. Ob diese Diagnose reicht, um die Kosten für den Noise-Cancelling-Kopfhörer von der Krankenkasse erstattet zu bekommen?

Anti-Nobelpreis für Forscherteam der Misophonie

Letzten September hat ein Forscherteam, das Misophonie wissenschaftlich untersucht hat, den Anti-Nobelpreis erhalten. Der Ig Nobel (sprich: ignoble, meint: unehrenhaft) wird an Forschungsbereiche vergeben, die andere Wissenschaftler eher lächerlich finden. Hört mal, Leute, wenn ihr dieses Problem nicht habt und zudem derart erbärmliche Wortspiele lustig findet, kann ich euch auch nicht ernst nehmen.

Bis die Studienlage ausführlich erläutert und anerkannt ist, ladet mich und mein ungefiltertes Reptilienhirn gern zum Dinner ein – sofern dabei leise gespeist oder laut Musik gehört wird, am besten beides. Und was die künftige Partnerwahl betrifft: Humor und gutes Aussehen sind nett; aber kein Balzverhalten erotisiert mich so sehr wie lautloses Essen.

KARINA LÜBKES gesammelte Kolumnen erscheinen am 25. Februar als Buch – mit etlichen neuen, bislang unveröffentlichten Texten. Lappan, 12 Euro.

BARBARA 53/2021

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