Überall nur Handys - Legt das verdammte Smartphone doch mal weg!

Smartphones erleichtern das Leben, keine Frage. Aber dass kein Mensch mehr klatscht auf Konzerten, weil alle nur filmen und dass Kinder auf Spielplätzen öfter posieren als rutschen, macht unsere Autorin grantig.


von Marie Stadler

Um es direkt mal voranzustellen, da der Verdacht durchaus aufkommen könnte: Ich bin keine 60. Und ich liebe Technik. Mein Smartphone weist mir den Weg, gibt mir Antworten, hebt Erinnerungen für mich auf, um es mal ganz und gar poetisch zu formulieren. Aber dann hört es mit der Smartphone-Poesie leider auch schon wieder auf. Denn was ich bei wirklich vielen vielen Smartphonebesitzern um mich herum beobachte, lässt mich vor Fremdscham fast im Boden versinken. Da möchte ich manchmal neben die mit dem Kopf schüttelnden 70-Jährigen rücken und flüstern: „Ich bin ein Doppelagent. Eigentlich gehör ich zu eurem Lager! Zu denen, die dem Fortschritt nicht trauen.“ Sie würden verständig nicken und mit mir gemeinsam den Kopf weiterschütteln.

Ohne Hände kann man nicht klatschen

Letztens wieder auf einem Konzert. Nach einer gigantischen Show wurden voller Pathos die Namen der Musiker genannt. Was früher zu einem Pfeif-Klatsch-Schrei-Feuerwerk geführt hätte, führte an diesem Abend zu: nun ja, zu gar nichts. Während der Frontman sichtlich verzweifelt um die gebührende Anerkennung der Glanzleistung seiner Band rang, richteten sich stoisch abertausende Smartphones auf das armselige Geschehen. Nun, was soll man auch machen mit Handy in den Händen? Ohne Hände kann man nun mal nicht klatschen. Ohne Finger nicht pfeifen. Und offensichtlich möchte auch keiner sein eigenes Gröhlen auf dem selbstgedrehten dreistündigen Video hören. Die Smartphone-Stille nervt übrigens nicht nur mich, sondern auch die Künstler selbst. Die Lead-Sängerin der Rock-Band "The Yeah Yeah Yeahs" bat ihre Fans während eines Konzerts in New York City doch jetzt bitte mal die Handys wegzulegen. Wenigstens bin ich mit dieser Forderung nicht alleine.

 Mit Smartphone auf dem Spielplatz „Schatz, lächel mal!“

Ganz schlimm ist auch der Smartphone-Wahn auf dem Spielplatz. Da wird der perfekt güldene Sonnenstrahl auf dem perfekt ausgeleuchteten Spielgerät gefunden, der zurechtgezupfte Sprössling wie ein Promikind darauf in Szene gesetzt und dann für die Mutti-Whatsapp-Gruppe mit einem strahlenden Lächeln mit wehender Mähne in der Live-Funktion fotografiert. „Max kann jetzt alleine schaukeln!“ dürfen die besonders Glücklichen darunter schreiben. Denn wenn Max alleine schaukeln kann, dann kann Mama in Ruhe aufs Handy starren. Und wenn Max dann „Mama, guck mal, was ich kann“ ruft, dann steht Mama blitzschnell bereit und hält die Linse drauf. Damit auch ja jeder sieht, wie begabt er ist, der Max. Nur sie selbst, sie hat es leider nicht live gesehen.

Der Smartphone-Knigge braucht nur eine Regel

Dabei wäre es denkbar einfach, die Vorzüge des Smartphones zu nutzen und trotzdem für Max da zu sein, Künstlern den gebührenden Respekt zu zollen und beim Kaffee ein guter Gesprächspartner zu bleiben, und das, obwohl Whatsapp gerade auf Hochtouren läuft. Die goldene Regel könnte lauten: Mensch vor Technik. Face-to-face vor Facetime. Und schon wäre allen geholfen. Wenn das alle wüssten, dann wäre auch keiner mehr beleidigt, dass er nicht über Max´ Schaukelskills per Handy informiert wurde. Die könnte sich dieser jemand ja auch mal persönlich ansehen. Und niemand würde mehr erwarten, dass man in jeder Situation sofort verfügbar ist. Zumindest nicht digital. Viel wichtiger ist es doch, dass wir unseren Kindern verfügbar sind. Dass wir klatschen, wenn wir begeistert sind und dass wir unabgelenkt unserem Gegenüber in die Augen sehen, wenn uns etwas erzählt wird. Dann würde ich den 70-Jährigen Kopfschüttlern gerne erzählen, was für ein Gewinn Smartphones sind und dass man keine Angst vor dem Fortschritt haben muss. Doch dazu müssten wir lernen, sinnvoll mit dem Fortschritt umzugehen. Und das heißt eben manchmal auch, ihn zu ignorieren.