Wie es ist, nach 20 Jahren aus dem Zuhause auszuziehen

Wer nach 20 Jahren umzieht, verlässt nicht nur eine Wohnung. Es ist auch ein Abschied vom alten Leben. Karina Lübke ist mittendrin, sie packt gerade ihre Erinnerungen in Pappkisten. 

Hier schreibt Karina Lübke

Nun muss ich wirklich anfangen zu packen, aber ich packe es einfach nicht. Es ist ein warmer Sommerabend, das Fenster steht offen und die vertrauten Geräusche und fröhlichen Schreie spielender Nachbarskinder aus den angrenzenden Gärten wehen herein.

Wie immer ging die Sonne einmal durch mein Schlafzimmer und dann rechts hinter der Häuserreihe unter. Ich bin bei mir zu Hause. Sitze auf dem schönen, alten Fischgrätparkett aus Eiche neben einem Stapel zusammengefalteter Umzugskartons und fühle mich wie gelähmt. Es wird Zeit zu gehen, aber emotional stecke ich zwischen Tür und Angel und möchte die ungewisse Zukunft blockieren, wie Theresa May am Ausgang der EU. Nur noch eine kleine Auszeit, ehe ich mein Zuhause der letzten zwanzig Jahre räumen, verlassen und damit einen Schlusspunkt unter meine bisherige Familiengeschichte setzen werde.

Die Wohnung fühlte sich falsch an

Trotzdem ist es richtig so, auch wenn sich alles gerade falsch anfühlt. Es ist viel zu groß hier geworden und zu teuer. Allein die Heizkosten für die riesigen, hohen Räume mit den großen Fenstern, dieses Museum meiner Familiengeschichte, in dem mittlerweile überwiegend Erinnerungen hausen, erwischen mich jeden Winter kalt. Vor sechs Jahren ist der Mann ausgezogen, aber erst seit meine Tochter vor zwei Jahren zum Studium nach Süddeutschland gegangen ist, fühlte ich mich verlassen. Sie behielt ihren eigenen Haustürschlüssel, den ich ihr in der 5. Klasse anvertraut hatte, damit sie jederzeit nach Hause kommen könnte.

Als sie nach ihrem letzten Heimatbesuch wieder abreiste, legte sie ihn zögernd auf die Kommode neben der Eingangstür. Es sind solche kleinen Momente, die mich fertigmachen. Mein Sohn hat gerade die Schule beendet, er zieht erst einmal mit in unsere neue Wohnung, um von dort aus seinen Platz in der Welt zu suchen. „Ich kann mir das gar nicht vorstellen“, sagte das 1,95 Meter große Kind, „ich habe doch mein ganzes Leben lang hier gewohnt. Am Anfang werde ich beim Nachhausegehen bestimmt automatisch noch ein paar Mal hier vor der Tür stehen.“ Und ich dachte: Ich auch!

In jedem Raum ein Gespenst aus der Vergangenheit

Noch nie habe ich irgendwo derart lange und gern gelebt wie in diesen fünfeinhalb Zimmern. Als ich die Kündigung endgültig unterschrieben und per Einschreiben verschickt hatte, musste ich weinen. Ich bin nicht gut mit Übergängen. Ich bin keine urbane Nomadin, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – ich seit meiner Kindheit neunmal umgezogen bin, oft mit leichtem Gepäck.

Dieses Mal kostet Kraft und schmerzt, meine tiefen Wurzeln aus diesem Mutterboden zu ziehen, auch wenn ich denke, dass ich mich an einen guten anderen Ort verpflanzen werde. Aber ich weiß noch nicht genau, wie groß die angewachsene Schnittmenge zwischen meiner Persönlichkeit und diesen Räumen ist. Muss mich trennen und sehen, was mir übrig bleibt.

Ich stehe auf, öffne Schubladen und schiebe sie wieder zu. Ich wandere durch die Räume, in meiner Geschichte herum und sehe überall Gespenster: fröhliche Abende mit Freunden an dem langen Esstisch. Mein damaliges Ich, so energiegeladen, so hübsch und, ja, so jung. Meine Kinder, wie ich sie als winzige Neugeborene zum ersten Mal durch diese Haustür getragen habe.

Möbelstückweiser Abschied

Dann, im Zeitraffer, meine Kinder als Kleinkinder, Kindergartenkinder, Grundschulkinder, Teenager, wie sie durch den langen Altbauflur krabbeln, laufen, rennen, Rad fahren, Fußball spielen und sich immer wieder Dielensplitter in die nackten Füße einreißen. Wie sie am Küchentisch malen, basteln und backen. Wie sie auf Teppichen hocken und Lego und Playmobil bauen oder Schleich-Pferde herumschieben.

Wie sie zusammen schaumbedeckt in der Badewanne spielen, in ihren Betten schlafen, mit seidigen Wimpern auf Pfirsichwangen, so unendlich bezaubernd wie nur Kinder schlafen können. Wie die Wickelkommoden und Wiegen aus den Zimmern verschwanden und Hochbetten, Schreibtische und Spielkonsolen einzogen.

Ich schaue mich um: Immer noch so viele Schränke, Schubladen und Mappen voll mit selbst gemalten Kinderbildern, Spielen, Kuscheltieren, antiken iPods, kaputten iPhones und iPads. Wahnsinn. Ich nehme möbelstückweise Abschied. Einige habe ich schon verkauft oder verschenkt und wenn alles leer ist, wird meine Wohnung nur noch eine Wohnung sein. Was nehme ich mit, was kann weg? Wohin mit mir und meinem Leben?

Wir haben Jahresringe angesetzt

Beim Einzug wurde die Miete noch in D-Mark bezahlt, der Mann und ich waren zu zweit, verliebt, ambitioniert und jung. Hier waren wir an der richtigen Adresse, um unserer Zukunft ein Zuhause zu geben. Wir richteten uns ein, ich charakterisierte sämtliche Zimmer mit Farben, Möbeln, Bildern und Stoffen und bepflanzte den Garten hinter dem Haus mit Lavendel, Flieder und Rosen. Und einem Apfelbäumchen, natürlich.

Ich habe mit ihm Jahresringe angesetzt. Im Laufe der Zeit ist es ein Paradies geworden, aus dem ich mich jetzt selber vertreiben muss. Unfassbar, dass ich meinen Blumen nie mehr frühmorgens mit einem Kaffee in der Hand beim Blühen zusehen werde! Jeder Ausblick aus jedem Fenster zu jeder Tages- und Nachtzeit ist so unendlich vertraut. Der Anblick der Nachbarn aus dem Haus gegenüber samt ihrer Weihnachts- und Osterdekorationen auch. Meine vier Wände wurden meine dritte Haut und jeder Lichtschalter war auch im Dunkeln sofort zur Hand.

Wenn ich aus einem Urlaub nach Hause zurückkehrte, die Tür aufschloss, erleichtert den vertrauten Geruch einatmete, fand ich zu mir zurück. Durch den Abstand blickte ich frisch verliebt auf mein Zuhause. Dann die üblichen Wege durch mein schönes Jugendstilviertel, diesem architektonischen Rüschenrand am Kittel der Realität, um einzukaufen und den leeren Kühlschrank aufzufüllen. Die netten kleinen Gespräche mit den altbekannten Verkäufern. Hier war mein Platz in der Welt.

Jetzt wird alles neu

In zwei Wochen muss mich in der neuen Wohnung einleben und neue Wege zum Bäcker und zum Supermarkt erlaufen. Ich habe großes Glück, denn sie liegt am anderen Ende des selben Stadtteils in einer schmalen, kopfsteingepflasterten Einbahnstraße. Sie ist hell, hat zwei Balkone, auch Holzfußboden und ist groß genug für mich, meinen Sohn und meinen Schreibtisch. Da ist immer Platz für meine Kinder, und meine Tochter bekommt bald einen neuen Sicherheitsschlüssel. In ein paar Monaten wird wieder Weihnachten, auch wenn der Baum dann vor einem anderen Fenster stehen wird.

Ja, ich freue mich neben all dem Abschiedsschmerz auf einen neuen Anfang. Es bleiben aus der Endzeit meiner Ehe nicht nur gute Erinnerungen im alten Heim zurück. Und trotzdem fürchte ich mich vor dem Moment, wenn ich diese Wohnungstür endgültig zum letzten Mal hinter mir zuziehen werde.