Macht euch frei! Unentspannt im Urlaub – wieso eigentlich?

Sommerzeit, und das Leben ist leicht, behauptet ein altes Lied. Unsere Autorin erlebt immer mehr Urlaubsrückkehrer, die erst mal dringend Ferien bräuchten.

von Karina Lübke

So langsam sind alle wieder da. Was sie gemacht haben in den Sommerferien ist bekannt, schließlich hatte ich auf Instagram und Facebook täglich das Nachsehen. Da waren es bildlich die schönsten Wochen des Jahres, an den schönsten Orten der Welt.

Ferien – ein perfekt dokumentiertes Großevent 

Doch nun bräuchten die meisten wohl dringend eine beruhigende Après-Sun-Lotion für die Seele: Frauen, ganz besonders jene mit Familie, sind heilfroh, ihren strukturierten, kitagestützten Alltag wiederzuhaben und sich am Arbeitsplatz von der digitalen Berichterstattung #traumurlaub erholen zu können. Wann ist bloß aus den großen Ferien ein Großevent geworden, das perfekt vorbereitet und dokumentiert werden muss? War Urlaub früher die private Auszeit, in der man endlich mal Pause hatte vom Performen, Fremdbestimmtsein und Gutaussehen, fliegt man heute anscheinend los, um seiner sozialen Fassade einen neuen, hashtagfähigen Anstrich zu verleihen.

Der Stress mit der optischen Urlaubsplatzreife geht schon lange vorher los. Während dem Mann als Vorbereitung reicht, dass der Pass gültig und am Urlaubsort WLAN ist, legt die Frau vorab Extraschichten ein: Pediküre, Maniküre, Ganzkörperwaxing, Bikini-Body-Training, Peeling, Tanning durch Sprühpistole oder Selbstbräunerprodukte, Großeinkauf von Sonnenschutzprodukten für alle. Während der Mittagspausen wird am Computer die zum Urlaubsort stilistisch passende Ausstattung geshoppt: Ohne Caprihose kann man doch unmöglich nach Capri, und ohne Ringelshirt sieht die Bretagne auf Fotos nicht bretonisch genug aus! Drei Tage vor Abreise dann noch ein Friseurtermin für chemisch sonnengeküsste Strähnen, denn am Strand sind Sonnenschutzspray und Hut im Einsatz.

Digitales Ferienglück - Handy immer auf Empfang

Ach, Sommerferienglück. Das war in meiner Erinnerung diese heiße, helle Zeit, in der man alles und sich selber fallen lassen und den Akku für den kommenden Herbst aufladen konnte. Doch während man sich nun abarbeitet, um bereits vor der Abfahrt schön erholt auszusehen, erholen sich die Leute laut Umfragen im Urlaub selbst immer weniger. Zumal keiner richtig abschalten kann, weil das Handy immer auf Sendung und Empfang ist. Doch ehe man zugeben würde, dass einen das stresst, faken immer mehr Frauen digitales Ferienglück wie ansonsten höchstens Orgasmen.

Mein Erholungstipp: Vielleicht sollte man für den nächsten Sommer in aller Ruhe einen Fundus aus Urlaubsfotos vorproduzieren und davon dann alle paar Tage eines posten. In diesem digitalen Schutz kann man sich gemächlich und hüftspeckig und weißhäutig im alten Badeanzug am Baggersee erholen, mit einem Sixpack aus Bierdosen statt aus Muskeln. Oder auch nur gefühlte Ferien machen mit einem Stapel Zeitschriften auf dem Balkon. Analog und vollkommen unbeobachtet. Im Gegensatz zu in türkisfarbenem Wasser baumelnden braunen Beinen hat eine baumelnde Seele zwar nur inneren Unterhaltungswert. Aber der ist unbezahlbar.

Karina Lübke schreibt und erholt sich bestens in Hamburg und am Meer beim Löcher-in-die-Luft-Starren. 
 

BARBARA Oktober 2019
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