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Unerfüllte Träume Warum sie zum Leben dazugehören

Unerfüllte Träume: Pusteblume
© Lily Sab / Shutterstock
Es heißt immer, man solle sein Potenzial ausschöpfen. Klingt anstrengend. Und ist zudem unmöglich, so der Psychoanalytiker Adam Phillips. Eine Auseinandersetzung mit unseren Wünschen lohnt sich dennoch.

Mr. Phillips, von Ihnen stammt der sehr tröstliche Gedanke, dass all das, was wir uns wünschen und was sich möglicherweise nie erfüllt, genauso zu uns gehört wie die Realität. Neben dem gelebten Leben gibt es also ein zweites Leben?

Ja, wir führen eine Art Doppelleben. Wenn wir aufwachsen, gibt es immer das Selbst, zu dem wir werden. Und ein Noch-nicht, nach dem wir streben. Wir sind eine Kombination von beidem.

Ich wäre gern größer oder extrovertierter geworden. Bin ich aber nicht. Dieses vorgestellte Wesen lebt in mir und hat möglicherweise seinen ganz eigenen Glamour?

Ja, es ist glamourös, weil es anstiftet und inspiriert. Es kann uns im besten Fall dazu animieren, nach verborgenen Qualitäten zu suchen. Mag sein, dass Sie gern größer geworden wären. Gut. Viel spannender ist, was Sie sich von diesem Großsein versprochen haben. Der berühmte Psychoanalytiker Alfred Adler fragte seine Patienten im ersten Gespräch immer: "Was würden Sie tun, wenn Sie geheilt wären?" Und sagte nach ihrer Antwort: "Dann gehen Sie raus und tun es!" Unsere Träume und Wünsche können uns in die richtige Richtung locken. Sie geben uns Hinweise in Bezug auf unser Potenzial. Wir müssen sie nur richtig übersetzen. Eine Sackgasse wäre es, wenn ich darüber verzweifeln würde, klein geblieben zu sein.

Was raten Sie jemandem, der dauernd über seine unerfüllten Träume jammert?

Wie erzieht man idealerweise ein Kind? Man bringt ihm bei, unvermeidliche Enttäuschungen im Leben wegstecken zu können. Und daran zu glauben, dass aus Enttäuschungen immer etwas Neues erwächst. Ich würde deshalb dazu ermutigen, zu experimentieren und Risiken einzugehen. Jeder von uns trägt ganz individuelle Ängste vor Gefahren in sich. Sie geben uns aber einen wichtigen Hinweis. Erst wenn wir uns den Risiken annähern, die wir auf keinen Fall eingehen wollen, kommen wir dem echten Leben näher.

Wenn ich es also schaffe, den Frust einer Enttäuschung auszuhalten, könnte dieser mir neue Ideen an die Hand geben?

Ja, es ist nämlich sehr schwierig, darauf zu kommen, was man wirklich möchte. Das ist eine große Kunst, die Zeit braucht. Das große Drama unseres kapitalistischen Systems ist, dass es uns dauernd und sofort erzählt, was wir vermeintlich möchten.

Einen neuen Mantel, ein neues Auto…

Exakt. Der Kapitalismus plappert uns permanent in die Konversation, die wir eigentlich führen müssten: nämlich mit anderen Menschen. Denn was wir wirklich wollen, werden wir nie allein in unserem Kopf entdecken. Nein, es sind unsere Freunde, unsere Familienmitglieder, die Menschen um uns herum, die uns dabei helfen können, es herauszufinden.

In Ihren Büchern schreiben Sie über den modernen tragischen Helden: Am Ende seines Kampfes erkenne er immer, dass die Idee seiner Erfüllung falsch war. Seine Tragik besteht darin, dass er glaubt zu wissen, worin seine Befriedigung besteht. Wir sind uns sicher, dass wir dieses Auto oder dieses Handy haben müssen, sonst werden wir nicht glücklich. Das entspricht einem Suchtverhalten. Und ist extrem schmalspurig. Denn eigentlich sind unsere Sehnsüchte überhaupt nicht eindeutig, weil wir unfassbar komplexe Wesen sind. Wir sind viel komplizierter, als wir es ertragen können. Wir versuchen daher, die Dinge zu vereinfachen. Wenn ich sage, für mein Glück brauche ich einen Porsche, mache ich es mir zu einfach.

Aber unsere Suche nach Glück ist doch zutiefst menschlich.

Glücksgefühle sind immer nur ein Neben­effekt. Macht man sie zum Hauptziel, verschwinden sie. Also macht diese Suche keinen Sinn. Hinzu kommt: Wer besessen vom Glück ist, kann sich nie in einer Sache verlieren. Aber schon eine Tasse Tee, ein feines Gespräch, eine Himmelsfärbung können unsagbar beglücken. Wir sind je- doch so indoktriniert, dass Befriedigung nur exklusiven, schwer erreichbaren Dingen innewohnt. Es gibt unendlich viele Vergnügungen, die nichts kosten und auch keine gewichtige Erfahrung sein müssen.

Sie haben einmal gesagt, dass wir heute oft zu sehr von dem Leben, das wir verpasst haben, im Würgegriff gehalten werden. Was meinen Sie damit?

Egal, wie erfüllt ein Leben sein mag, es enthält stets ungelebtes Potenzial. Wichtig ist hier ein realistischer Blick: Du kannst nie all das sein, was du dir vorstellst oder wozu du sogar in der Lage wärst. Punkt. Tragisch wird es, wenn du permanent Trau- er trägst, weil das ungelebte Leben an dir vorbeizieht. Denn es ist eine absolut unabänderliche Tatsache, dass wir viele Vergnügen, von denen wir träumen, niemals haben werden. Damit müssen wir dealen – ohne neidisch oder bitter zu werden. Neid ist eine hochgiftige und zerstörerische Sache.

Adam Phillips ist auch Autor. Die Bücher des Briten, z.B. "Missing Out: In Praise of the Unlived Life", sind noch nicht auf Deutsch erschienen.

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BARBARA 09/2020

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