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Uwe Ochsenknecht & Barbara: "Das Weihnachten meiner Kindheit war nicht so toll"

Weihnachten und die ganz eigenen Rituale
© Norman Konrad
Barbara braucht es traditionell-alpin, Schauspieler Uwe Ochsenknecht hingegen kommt Weihnachten nicht nur aus geografischen Gründen spanisch vor. Was beide lieben: ihre ganz eigenen Rituale.
von Stephan Bartels (Interview)

Barbara: Uwe, du lebst die meiste Zeit des Jahres auf Mallorca. Für eine, die es nicht kennt: Wie ist denn so Weihnachten da unten?

Uwe: Erstaunlich weihnachtlich, ehrlich gesagt. Mal abgesehen vom Wetter. Schon schön, wenn man am ersten Weihnachtstag einen Strandspaziergang machen kann, ohne sich die Ohren abzufrieren. Nachts allerdings ist es dann auch wie in Deutschland – nass und kühl bei sechs bis sieben Grad. Aber sonst … Fühlt sich schon ein bisschen wie zu Hause an. In unserem Dorf wird sogar angemessen geschmückt.

Richtig schön? Oder mehr so wie in Frankreich?

Wie ist es denn da?

Ach, da wechseln sich blaue LED-Leuchten mit grünen LED-Leuchten mit pinkfarbenen LED-Leuchten ab.

Also, bei uns im Dorf arbeiten sie stark mit Lametta und so weißem Zeug, das so tut, als sei es Schnee. Ist zwar nicht wie auf dem Ku’damm am dritten Advent, aber atmosphärisch definitiv stimmig. LED ist allerdings auch dem Spanier nicht fremd. Ist das ein Problem für dich?

Total. Weihnachten ist nicht mehr dasselbe, seit die LED-Leuchte erfunden wurde.

Stören die dich in jeder Form? Oder nur als Kerzen im Baum?

Vor allem im Baum, keine Frage. Da gibt es im Baumarkt alle möglichen Töne, Warmweiß, Gelbweiß, Was-auch-immer-Weiß. Am Ende sind aber alle doch so grell, dass es den ganzen Baumschmuck überstrahlt.

Aber du hast sie offenbar alle ausprobiert. Und das bringt uns doch zur entscheidenden Weihnachtsfrage überhaupt.

Und die wäre?

Wachskerzen oder elektronische Lichterketten?

Du zuerst.

Na ja, klar, echte Kerzen sind schon schöner. Aber ich bin durchaus für Lichterketten zu haben. Da gibt es doch welche mit sehr warmem Licht. Aber wie ist es denn jetzt bei dir?

Ich als absolute Beleuchtungsexpertin sage dir: weder noch.

Sondern?

Einzeln an den Baum zu klipsende Elektro-Leuchtkerzen mit Akku, die über Fernbedienung – und jetzt kommt’s …

Ja?

… in den Stufen "ganz an", "flackernd an" und "aus" einstellbar sind.

Nein!

Doch. Und es sieht geil aus. Aber wo wir diese entscheidende Frage geklärt haben: Was bedeutet Weihnachten für dich?

Für mich ist es eine magische Zeit, weil alles so anders ist. Es gibt Sachen zu essen, die es im Rest des Jahres nicht gibt, alles riecht anders, alles schmeckt anders, alles sieht anders aus …

Wegen der LED-Leuchten!

Genau! Aber es hört sich auch alles anders an. Weihnachtslieder gibt es nur einen Monat im Jahr zu hören. Leider auch das von Wham!

Ach komm. Irgendwann mag jeder "Last Christmas". Aber in Sachen Musik bin ich bei dir, die ist vielleicht das Weihnachtlichste an Weihnachten. Ich höre wahnsinnig gern Männerchöre, die amerikanische "Christmas Carols" singen. Aber nur einen Monat lang? Ich beginne damit im November und höre erst im März wieder auf.

Bei mir sind es Trompetenwerke. So festlich! Bach und so! Höre ich auch rituell! Und dazu Stollen! Wie geil ist bitte Stollen? Den brauche ich auch jedes Jahr!

Ich sehe schon: Du bist ein Freund von Ritualen.

Du nicht?

Je älter ich werde, desto mehr weiß ich sie zu schätzen. Früher dachte ich immer, ich würde das ganze Fest revolutionieren. Immer alles spontan, immer alles anders machen. Heute freue ich mich darauf, wie jedes Jahr am 28. November die beiden leuchtenden Sterne rauszuholen und wie jedes Jahr vergessen zu haben, wie man sie noch mal genau installiert.

Für wen ist denn deine Freude? Die Kinder?

Habe ich mir eine Zeit lang eingeredet. Mittlerweile weiß ich: Ich mache das alles auch für mich.

Und weißt du, warum? Weil diese Rituale dir erlauben, dich auch mal wieder wie ein Kind zu fühlen. Du hast so viel erlebt und gelernt und musst ständig neue Entscheidungen treffen, aber indem du die Rituale deiner Kindheit reproduzierst, führst du dich zurück in die Zeit, als du noch nichts musstest.

Interessant. Aber wenn Weihnachten für dich so eine Ausnahmesituation darstellt: Ist deine Familie im Dezember anders als im Rest des Jahres?

Ich denke, alle Menschen sind im Dezember anders, insofern, dass sie sich aus verschiedenen Gründen mit Weihnachten beschäftigen. Wir feiern mal mit meinen Schwiegereltern, meiner Schwester und Kikis Schwester mit Familie. Mal auf Mallorca, wo dann auch meine Kinder anreisen. Aber auch mal nur zu zweit. Auch gemütlich. Wie ist es bei euch?

Für mich ist Weihnachten im Laufe der Jahre ganz anders geworden.

Wieso?

Ich komme aus einer kleinen Familie – Vater, Mutter, Kind – und habe in eine Großfamilie eingeheiratet und mittlerweile das Gefühl: Keiner weiß dieses Konstrukt mehr zu schätzen als ich.

Wie äußert sich das?

Mir ist es immer total wichtig, alle dabeizuhaben. Jeder wird eingeladen, ich fordere die Leute auf, noch jemanden mitzubringen, ignorierend, dass das Haus gewisse Kapazitätsgrenzen hat.

Das mache ich auch. Je mehr, desto besser. Und es ist dann zum Glück nicht so wie früher, als ich klein war.

Huch. Zum Glück?

Ja, zum Glück. Das Weihnachten meiner Kindheit war nicht so toll. Okay, es gab Geschenke, es gab zu essen, aber … es war eigentlich nie so richtig festlich.

Warum?

Mein Vater saß meist unbeteiligt vor dem Fernseher und hat kein Wort gesagt, meine Mutter wollte das kompensieren und ging uns mit ihrer übertriebenen Stimmungsmache fürchterlich auf die Nerven. Deshalb habe ich, als meine Kinder noch klein waren, das Ganze sehr bewusst anders zelebriert. Die sollten Weihnachten so erleben, wie ich es als Kind nicht kannte.

Das lässt ja deinen Vortrag über Rituale vorhin in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Ja, ich erinnere mich eher an das Weihnachten, wie es in meiner Kindheit hätte sein sollen. Das wusste ich damals nämlich schon ganz genau. Gab ja Zeitschriften und Filme, und von meinen Freunden habe ich gehört, dass man auch gemeinsam Weihnachtslieder singen kann … Wir sind höchstens mal für die Außenwirkung in die Kirche gegangen. Bei dem, was hinter unserer Haustür passierte, spielte das klassische Weihnachten dann keine Rolle mehr. Wie klassisch ist deins?

Wir gehen als Familie immer alle zusammen in Österreich in die Kirche, wo ein Krippenspiel in einem mir unverständlichen Dialekt aufgeführt wird. Es ist jedes Mal dasselbe: Wir kommen zu spät, machen ein Mordsremmidemmi, und dann kannst du die Uhr danach stellen, dass die Hälfte unserer Reisegruppe nach drei Minuten einschläft. Besonders die Frauen, die dann doch den größten Teil der Vorbereitung übernommen haben. Ist das klassisch?

Glaub schon. Aber sagtest du Österreich?

Ja.

Mit Schnee?

Im letzten Jahr vier Meter.

Mit wie vielen Leuten?

So zwischen 20 und 25, aus vier Generationen.

Aber genau das ist doch Weihnachten! Wie toll! Mögen es denn alle, wie es ist?

Ja, und das Tolle ist: Die Kinder sind die größten Traditionalisten dabei. Die sind total empört, wenn auch nur einen Millimeter vom herkömmlichen Ablauf abgewichen wird. Aber ich fürchte, dass auch das kleinste Kind inzwischen verstanden hat, dass die Sache mit dem Christkind nicht wirklich stichhaltig ist.

Ist das herrlich. Und ganz anders ist es bei mir ja auch nicht, jedenfalls dann, wenn wir nicht wie letztes Jahr zu zweit auf Mallorca feiern. Ich habe mit meiner neuen Frau auch noch mal ordentlich Familie dazugewonnen. Nicht in den Mengen wie bei dir, aber Schwiegereltern, Schwägerin samt Mann, die wiederum zehnjährige Zwillinge haben. Herzliche, liebe Menschen mit viel Humor. Das finde ich super.

Wie reagieren die auf dich?

Ach, die lieben ihren Onkel Uwe. Aber es ist für sie nicht wichtig, ob ich bekannt bin.

Sondern das, was an Heiligabend auf den Tisch kommt.

Und das ist bei euch …?

Ein Buffet. Eine Art schwedische Variante. Das ist toll: Alles wird morgens in Ruhe vorbereitet und kommt in großen Teilen kalt auf den Tisch. Das entlastet die Hausfrau, die dann nicht mit der Schürze über dem Festkleid zwischen Küche und Tafel hin- und herpilgern muss.

Und trotzdem schlafen dann alle in der Kirche ein. Muss ja wohl doch ein Stressfaktor dabei sein.

Bei dir nicht?

Versuche ich zu vermeiden. Ich habe da so meine Tricks. Zum Beispiel bei Geschenken. Ich schreibe mir das ganze Jahr über auf, wenn mal jemand etwas beiläufig erwähnt. Meistens haben die bis Weihnachten schon vergessen, was sie im Frühjahr so gern haben wollten. Gibt dann immer ein großes Hallo. Und ich habe die Liste lange vorher entspannt abgearbeitet und bin besinnlich.

Ach komm. Machen wir uns doch nichts vor: Die besinnliche Zeit gibt es nur in Magazinen. In Wirklichkeit haben wir zu keiner Phase im Jahr so viel zu tun wie im Dezember. Weihnachtsfeier hier, schnell noch den Job erledigen dort, Sachen kaufen, Plätzchen backen …

Und wann setzt bei dir die Entspannung ein?

Dafür habe ich ein persönliches Ritual, das mir heilig ist.

Ich bin gespannt.

Ich mache beruflich Mitte Dezember den Laden dicht. Dann lade ich das Auto voll mit Geschenken und Lebensmitteln und fahre ganz allein ein paar Tage vor allen anderen in das Ferienhaus.

Allein? Den ganzen Weg von Berlin in die Alpen?

Allerdings. Ich koche mir morgens eine große Kanne Kaffee, und dann fahre ich glücklich die A9 herunter. Die schönste Fahrt des Jahres! Ab Ingolstadt rufe ich meine Freundinnen an, zwischendurch mache ich schon Pläne, wo die Amaryllis hinkommt und wie viele Pakete Kaffee ich aus dem Supermarkt ums Eck hole.

Und wenn du da bist?

Ziehe ich die gemachten Pläne durch. Wurschtel so vor mich hin, bereite vor, bin einfach nur für mich, ein paar Tage lang. Das ist das allerschönste Geschenk für mich.

Apropos: Meine Geschenktaktik kennst du jetzt ja. Wie sieht deine aus?

Na ja, bei den Kindern: normal. Bei den Erwachsenen allerdings … Weißt du, ich habe alles, was ich brauche, und noch viel mehr. Und das geht doch den meisten von uns so. Ich brauche nicht noch ein Buch, das ich nie lesen werde, und keine Kette, die es nie an meinen Hals schaffen wird. Und ich weiß ziemlich genau, welche Schals und Mützen ich im Winter …

Verstehe. Also?

Also habe ich durchgesetzt, dass wir Erwachsenen uns nichts mehr schenken.

Gar nichts?

Gar nichts. Ich weiß nicht so genau, ob ich mir damit nur Freunde gemacht habe.

Na gut, aber irgendwann ist ja auch die Sache mit dem Schenken oder dem Nichtschenken vorbei. Alle sind wieder wach aus der Kirche zurück, euer Buffet ist abgegrast und unsere Gans komplett abgepult … Weißt du, was dann kommt?

Na?

Dann kommt das, was mir an Weihnachten am liebsten ist. Der Teil, bei dem du das Gefühl hast, dass nicht nur wir selbst zur Ruhe kommen. Sondern das ganze Land, ach was, die ganze Welt – alles fährt runter, alles wird ein bisschen leiser, ein bisschen langsamer, ein bisschen weniger getrieben.

Frohe Weihnachten, mein lieber Uwe.

Dir auch, liebe Barbara.

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UWE OCHSENKNECHT, geboren 1956, wuchs in Mannheim auf. Auf dem Gymnasium entdeckte er seine Liebe zum Schauspiel, vernachlässigte aber den Rest – nach drei Nichtversetzungen wurde er mit 15 von der Schule geworfen. Kein Beinbruch: Knapp zehn Jahre später hatte er erste Film- und Theatererfahrungen gesammelt, wurde mit "Das Boot" ein Star und 1985 mit "Männer" echter Kult. Aktuell ist er in "Ich war noch niemals in New York" im Kino zu sehen. Ochsenknecht hat vier Kinder, ist in zweiter Ehe mit der Visagistin Kiki Viebrock verheiratet und lebt mit ihr auf Mallorca.


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