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Vaterrollen Was man von Star Wars lernen kann

Müde, gebannt und leicht durcheinander. Hat George Lucas das gewollt?
Müde, gebannt und leicht durcheinander. Hat George Lucas das gewollt?
© Henning Kretschmer / Barbara
Unsere Autorin muss nachsitzen, denn sie hat noch nie auch nur eine Szene aus "Star Wars" gesehen. Ist das wichtig? Nur, wenn man gewisse Familienkonstellationen verstehen will

Versuchsobjekt: Lena Schindler, die genau weiß, wer der Vater ihrer Kinder ist –aber reicht das?

Testumgebung: Vom heimischen Sofa in fremde Galaxien –manchmal sogar bei Sonnenschein

Mission: Kultstatus erlangen

"Warten du sollst", begrüßt mich meine siebenjährige Tochter nach Schulschluss. Dann: "Weiterspielen ich will." Als ich eine andere Mutter frage, wie sie sich die grammatikalischen Irrwege meines Kindes erklärt, sagt die nur: "Yoda!" Das Bild eines grünen Wesens mit markanter Ohrenpartie entsteht vor meinem inneren Auge, eine Verbindung zum Satzbau von Erstklässlern sehe ich jedoch nicht. Mein Gegenüber schaut mich mitleidig an. Weil mein Unwissen verrät, dass mir eine Welt verborgen geblieben ist, die für andere eine Religion bedeutet. ",Star Wars‘, ,Krieg der Sterne‘, Lena!", sagt sie flehend. "So spricht doch Jedi-Meister Yoda. Hast du die Filme nicht gesehen?"

Wie kann man das verpasst haben?!

 Nein, keinen einzigen. Fassungslose Eltern gesellen sich dazu wie Katastrophentouristen. "Ich bin dein Vater", werde ich weiter auf die Probe gestellt: "Das kennst du aber!?" Schon, aber ich hätte nicht mal gewusst, woher. Noch weniger, wer der Vater von wem ist. Sollte es nicht reichen, dass ich weiß, wer der Vater meiner Kinder ist? Immerhin bin ich so weit Herrin der Lage, dass ich nicht versuche, mit Details aus "Dirty Dancing" dagegenzuhalten.

In diesem Moment der Bloßstellung fasse ich einen trotzigen Entschluss: Ich werde mein Versäumnis nachholen. Systematisch. Die Heldensaga von George Lucas studieren, das Weltraum-Märchen vom Kampf des Guten gegen das Böse. Nach den Marvel-Filmen ist "Star Wars" die erfolgreichste Filmreihe aller Zeiten. Wird es mich packen wie Millionen andere, die nicht genug be-kommen können von Filmen, Serien, Comics und Computerspielen? Oder bin ich einfach zu spät dran, um ein popkulturelles Phänomen nachzuholen und in den Kult einzusteigen?

Und dann geht's los

Zwei Etagen unter uns lagert mein Nachbar alle neun Hauptfilme, veröffentlicht zwischen 1977 und 2019. Und die ziehe ich mir jetzt rein. Doch schon wird es kompliziert. Da die Handlung nicht fortlaufend erzählt wird, muss ich entscheiden, in welcher Reihenfolge ich gucke: nach Veröffentlichungsdatum oder inhaltlich chronologisch oder nach "Machete Order", die Jedi Luke Skywalker in den Mittelpunkt rückt. Als zwanghaft ordentlicher Mensch wähle ich die erste Variante. "Möge die Macht mit dir sein", verabschiedet mich mein Nachbar intergalaktisch korrekt. "Tschüs", antworte ich.

Chips und Kurkuma-Tee stehen bereit, ich bin allein zu Hause und starte mit den ersten drei Filmen, der Original-Trilogie. Die größte Space Opera aller Zeiten, meine Güte! Der Druck lastet schwer, Begeisterung zu empfinden. Fantasy und Science-Fiction mochte ich zwar nie, doch ich weiß um die Spezialeffekte mit Puppen und Miniaturen, die Ende der 70er eine Sensation waren und vor denen ich niederknien müsste. Schon weil die Weltraum-Militärdiktatur Uniformen trägt, die denen der Nazis aus dem Zweiten Weltkrieg ähneln, ist mir bewusst, dass es hier nicht nur um oberflächliches Geballer geht, sondern sich jemand Gedanken gemacht hat. Schnell wird allerdings klar: Meine Sehgewohnheiten sind versaut, ich bin mehr Tempo gewohnt, mehr Thrill. Sind es die nostalgischen Kindheitserinnerungen, die mir fehlen, um richtig einzutauchen? Ich finde das Ganze (vergebt mir!) ziemlich langatmig. Irgendwann werde ich von Kampfgeräuschen geweckt. Mein Kopf ist mir auf die Brust gesackt, und ich frage mich verwirrt, ob mich ein Betäubungsgeschoss getroffen hat. Ich bin ernsthaft bei dieser Filmlegende eingeschlafen. Geht es noch?

Begegnung mit "dem Vater"

Das passiert mir nicht noch mal. Die nächsten zwei Filme gebe ich mir bewusst tagsüber. Die Sonne brezelt durch die Fenster, ich ziehe die Gardinen zu und schalte ein. Viereinhalb Stunden am Stück verfolge ich den Kampf zwischen der hellen und der dunklen Seite der Macht. Mit dabei: Luke Skywalker, Leia, Han Solo und die Droiden R2-D2 und C-3PO. Obwohl ich die Filme verpasst habe, sind sie alle mir seltsam vertraut. Durch Lego-Figuren, die ich mir in Kinderzimmern in die Fußsohle getreten habe, durch Zitate, durch Fasching. Mir fällt ein, dass ich selbst bei akuter Seitenstrangangina schon den Satz "Ich klinge wie Darth Vader" gesagt habe. Der Typ mit der keuchenden Stimme und der schwarzen Rüstung, der den Helm nie abnimmt. Apropos: Der ist der Vater! Und zwar der von Luke Skywalker, die Ähnlichkeit ist nur verblasst, seit Papa sich vom Jedi Anakin in den dunklen Lord verwandelt hat. "Dein Vater er ist. Unerwartet das ist", sagt Yoda. Für mich tatsächlich.

Mein Wecker klingelt, ich muss zurück ins echte Leben, Dinge erledigen. Es ist, als hätte ich tief geträumt. Meine Augen tränen, die Glieder sind steif. Auf dem Fahrrad klingt mir die Filmmusik im Ohr, die getriebenen Märsche und Fanfaren. Ausweichmanöver einleiten, denke ich, als mir ein kleiner Junge mit seinem Laufrad den Weg abschneidet.

Langsam komme ich rein

An den nächsten drei Abenden, die Kinder friedlich schlafend, mein Mann auf Businessreise, hänge ich vor der Glotze. Die Prequel-Trilogie geht an den Anfang der Saga zurück, erzählt die Geschichte von Anakin Skywalker. Was wohl die Nachbarn angesichts der ständigen Explosionsgeräusche aus meiner Wohnung denken? Ich stelle leiser. Der computeranimierte Dauerbeschuss langweilt mich sowieso. Ich nutze diese Szenen, um Thrombosen vorzubeugen, stehe auf, hole mehr Chips aus der Küche, widerstehe dem Drang, doch mal kurz zum "Bachelor" umzuschalten. Dafür mag ich die Slapstick-Elemente, die schrägen Charaktere, den wiederkehrenden Vater-Sohn-Konflikt und die Frauen in Führungspositionen. Ich verliere mein Herz an Yoda, trauere, als er mit 900 Jahren (viel zu früh!) von uns geht.

Es ist, als führte ich ein Doppelleben

Nachts im Gefecht zwischen Protonentorpedos und E-Flügel-Sternjägern, tagsüber zwischen Umsatzsteuer-Voranmeldung und dem Bonusprogramm der Krankenkasse. Doch auch im Alltag begegnet mir "Star Wars" plötzlich überall. "Unsere Personalerin meint, wir sollen uns nicht vom Betriebsrat auf die dunkle Seite der Macht ziehen lassen", erzählt eine Freundin. Auch wird mir bewusst, dass Bekannte ihren Sohn Luke nach Skywalker benannt haben. Und in Anspielung auf die Situation in der Ukraine steht auf der Tafel meines Friseurs ein wunderbarer Spruch von Yoda: "Ein großer Krieger? Groß machen Kriege niemanden!"

Zurück im Paralleluniversum: Obwohl ich mit dem Plot dauernd durcheinanderkomme und wünschte, chronologisch begonnen zu haben, fühle ich mich nun gut unterhalten. Warum der Stoff allerdings tiefe Leidenschaften weckt, bleibt mir verborgen. Bis ich Timo Röske gegenübersitze. Der 36-jährige Qualitätsfachmann ist Fan, seit sein Vater ihm mit drei Jahren erlaubte, die Filme zu sehen. Er organisiert regelmäßig das "Star Wars Dinner" in Hamburg, zu dem viele in Kostümen erscheinen. Kindliche Begeisterung leuchtet in seinen Augen, als er erzählt, dass er je-den Dialog mitsprechen kann. Jetzt schäme ich mich noch mehr für den Moment, in dem mir die Augen zugefallen sind.

Ich bin ein lieber, treuer Mensch, aber ich verkörpere gern das Böse.

"Es ist dieses große Abenteuer, die Vorstellung, mit dem Raumschiff durchs All zu rasen, bei der ich immer ein Kribbeln im Bauch bekomme", erzählt Timo über die Flucht in andere Welten. Aber es sind auch die Abgründe in uns selbst, die ihn faszinieren. Darum schlüpft er auf Hochzeiten und anderen Events ins Darth-Vader-Kostüm, gerade lässt er sich einen originalgetreuen Helm plus Brustpanzer anfertigen, dazu einen Anzug aus echtem Leder, 3000 Euro hat er dafür gespart."Ich bin ein lieber, treuer Mensch, aber ich verkörpere gern das Böse", sagt er und nimmt einen Schluck Pfefferminztee.

Beides kann ich nachvollziehen. Doch obwohl ich das "Star Wars"-Feuer direkt vor mir habe lodern sehen, bleiben mir bei der finalen Sequel-Trilogie, in der sich die weibliche Hauptfigur Rey zum Jedi ausbilden lässt und Luke eins mit der Macht wird, die Figuren fern. Die einprägsamste Szene ist für mich die, als sich ein vermeintliches Raumschiff als Dampfbügeleisen der Weltraum-Wäscherei entpuppt.

Brauche ich erst mal Abstand von der Macht, um ihre Anziehung zu spüren? Vielleicht kommt es dann doch noch zum Äußersten, und ich bestelle den R2-D2-Schnellkochtopf, ziehe meine Rote-Bete-Sprossen in Keramiktöpfen in Yoda-Optik und wünsche mir ein Lichtschwert mit Soundeffekten zum Geburtstag. Ob dann noch irgendjemand mit mir sein wird, weiß ich nicht.

Barbara

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