Verbindlichkeit: Warum wir mehr davon brauchen

Sie ist notwendig, um starke Beziehungen zu führen. Allerdings wird sie auch immer rarer. Warum tun wir uns heute so schwer damit, einfach mal Dinge zuzusagen und einzuhalten?

von Tina Epking

Letzte Woche in der Whatsapp-Chatgruppe „Freundinnen“:

Mira: „Bleibt es bei morgen?“

Ella: „Ich melde mich noch mal gegen Nachmittag, ich habe im Büro so viel zu tun?“

Nadine: „Ich habe mich mit einem Termin vertan. Sorry. Vielleicht komm ich aber spontan noch.“

Mira war irritiert. Der Termin stand seit zwei Wochen fest, sie hatte sich darauf gefreut ihre drei Freundinnen zu sehen. Wenn sie etwas zusagte, hielt sie sich daran. Allerdings hatte sie in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, dass sie damit ziemlich alleine da stand.

Wir sind darauf konditioniert, ständig umzudenken

Nicht nur sie fragt sich „War das schon immer so?“ Rund 76 Prozent der Deutschen sagen, dass der Umgang der Menschen untereinander oberflächlicher und weniger verbindlich geworden ist. Nicht umsonst nennt man die heute zwischen 20- und 30-Jährigen „Millenials“, „Generation Y“ oder „Generation Maybe“. Alles muss und soll heute spontan und flexibel sein. Schließlich wartet die nächste, vielleicht bessere Option um die Ecke. Vielleicht. Wahrscheinlich. Eventuell. Eigentlich. Alles Füllwörter, die uns Möglichkeiten offen halten. Aber wie soll man sich auch entscheiden in Zeiten von 1000 möglichen Tinder-Dates und 80 verschiedenen Schokoladensorten im Supermarkt?

Wir sind darauf konditioniert, ständig umzudenken. Die Welt um uns verändert sich so schnell, wir müssen uns anpassen um klarzukommen. Aber sind wir tatsächlich so viel unverbindlicher geworden? „Wir als Menschen nicht. Was allerdings passiert ist, ist dass wir mit einer neuen Kommunikationstechnologie konfrontiert worden sind, erst lernen müssen mit dieser umzugehen - und somit kurz der Eindruck entsteht, wir hätten die zwischenmenschliche Verbundenheit verlernt“, sagt Trendforscher Tristan Horx vom Zukunftsinstitut in Frankfurt.

Facebook uns Instagram: das Gegenteil von Verbindlichkeit 

Tatsächlich kann man bei Facebook an Veranstaltungen interessiert sein – und sich dann noch schnell für fünf andere zu entscheiden. Im allerletzten Moment. Bei Instagram sieht man Stories nur ein paar Stunden, dann sind sie verschwunden. Es ist das Gegenteil von Verbindlichkeit. Die scheint nämlich leider out zu sein. Dabei ist sie etwas Wunderbares. Wenn ich etwas zusage und einhalte, zeige ich meinem Gegenüber damit, dass er sich auf mich verlassen kann, dass er mir wichtig ist.

„Verbindlichkeit bedeutet, sich zum anderen zu committen, loyal zu sein. Verbindlichkeit heißt, zu der Verbindung zu stehen. Verbindlichkeit fängt beim Worthalten an, geht über die Treue zur Loyalität, bis hin zum Unterstützen in schwierigen Lebenslagen“, erklärt Paartherapeutin Vera Matt aus Berlin schon mal grundsätzlich den Begriff. Zusammenfassend bedeutet das auch, dass eine große Portion Verbindlichkeit zu jeder glücklichen Beziehung gehört. Oder umgekehrt: Ohne Verbindlichkeit gibt es keine echte Verbindung. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass jeder sofort heiraten, sich lebenslang festanstellen lassen und zu allem „Ja und Amen“ sagen soll. Auch ein „Nein“ kann sehr verbindlich sein.

Es ist schön, wenn es etwas gibt, auf das wir uns verlassen können

So unzeitgemäß das Wort „Verbindlichkeit“ nämlich klingt: Gerade in Zeiten, in denen uns unkalkulierbare Phänomene wie der Klimawandel, Donald Trump oder die AFD beschäftigen, ist es doch schön, wenn es etwas gibt, auf das wir uns verlassen können. „Versprochen heißt versprochen und wird nicht gebrochen“, sagen kleine Kinder gern, wenn sie sich etwas versichern wollen. Und die haben meistens recht. Mal davon abgesehen, dass dieser Slogan absolut zeitlos ist.

Übrigens ist es ganz leicht, verbindlich zu sein. Man muss einfach nur ein paar „Vielleichts und „Wahrscheinlichs“ aus seinem Leben streichen und daraus ein „Definitiv“ machen. Man kann das üben und merkt in der Regel schnell, dass es sehr erfrischend ist, sich für eine von 1000 Möglichkeiten zu entscheiden – und dann auch dabei zu bleiben. Zwei echte eingehaltene Verabredungen fühlen sich nämlich besser an als 15, die man hätte haben können. Verbindlichkeit wirkt auf den ersten Blick, als würde sie die Freiheit einschränken, tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Sie macht das Leben leichter, sie lässt uns fokussierter sein, eine Sache abhaken, nicht mehr damit hadern, ob, wenn und wie wir anders hätten und könnten. Außerdem gibt sie uns die Chance, echte, ernste und starke Beziehungen zu anderen zu knüpfen.

„Verbindlichkeit hat immer etwas mit Wertschätzung zu tun"

„Verbindlichkeit hat immer etwas mit Wertschätzung zu tun. Wenn wir unsere Beziehungen nicht respektieren, dann schätzen wir uns selbst auch nicht. Und wir werden erleben, dass andere Menschen uns auch immer weniger vertrauen oder unsere Nähe suchen. Enge Beziehungen zu leben, ist das größte Geschenk, das wir haben. Denn in diesem gemeinsamen Raum kann zwar viel Leid, aber auch sehr viel Glück entstehen“, sagt Coach und Buchautorin Christine Dohler aus Hamburg dazu. Und bringt damit genau auf den Punkt, warum wir vor allem mehr Verbindlichkeit brauchen: Weil sie uns glücklich macht.

Dieser Artikel erschien zuerst im Fogs Magazin:




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Verbindlichkeit: Warum wir mehr davon brauchen

Sie ist notwendig, um starke Beziehungen zu führen. Allerdings wird sie auch immer rarer. Warum tun wir uns heute so schwer damit, einfach mal Dinge zuzusagen und einzuhalten?

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