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Verena Carl Allein, aber immer dabei

Verena Carl: Eine Gruppe Stare sitzt auf einer Telefonleitung
© Oleksandr Savchuk / Shutterstock
Mittendrin und trotzdem für sich, so mag es unsere Autorin. Mit dieser Mittellage ist sie in guter Gesellschaft –von einer Singvogelart, zum Beispiel.

Wie bildet man eigentlich eine Bande?

Einmal in meinem Leben habe ich es mit einer Clique versucht. Ich nannte es nur anders. "Wir bilden jetzt eine Bande!", verkündete ich meinen Sitznachbarn. Davon hatte ich in einem der Bücher gelesen, die ich mir jede Woche stapelweise aus dem Bücherbus holte. Ich erklärte Ralf, Bernd und Karin aus der 3c, wie das geht: Man braucht Anführerin, Unteranführer, Fußvolk. Blöderweise hatte in meinem Buch nicht gestanden, was Banden so den ganzen Tag machen. Wir rannten also planlos auf dem Schulhof herum. Um 10:15 Uhr war mein soziales Experiment beendet. Fortan lief ich lieber wieder solo Pausenrunden, als Elementarteilchen in der Menge, und dachte mir dabei Geschichten aus. Das mag ein wenig traurig klingen, war es aber nicht.

"Ich mag das Eingebettetsein in Leben, Geräusche, Gerüche."

Wenn man die Menschheit in zwei Gruppen aufteilen müsste – Herdentiere und Solowesen –, dann stünde ich genau in der Mitte. Und da stehe ich gut. Gern mal allein, aber selten einsam, und immer wieder in meinem Element, wenn ich in guter Gesellschaft mein eigenes Ding machen kann. Damals zum Beispiel Käsebrot kauend auf dem Schulhof tagträumen und den anderen bei Gummitwist und Paninibildchentausch zusehen. Das Muster ist seither gleich geblieben: In meinen Zwanzigern ging ich gern allein in Clubs und auf Konzerte – auch wenn ich nichts dagegen hatte, angesprochen zu werden –, und ich bin immer gern auf eigene Faust gereist, am liebsten an trubelige Orte. Ich mag das Eingebettetsein in Leben, Geräusche, Gerüche. Ein bisschen so, wie wenn man als Kind abends im Bett mit angelehnter Zimmertür hört, dass bei den Eltern noch was los ist. Und es gefällt mir, spontan zu entscheiden, wann ich worauf Lust habe. Ganz ohne Gruppendruck ("Liegen bleiben? Aber wir hatten doch gesagt, dass wir heute alle schön frühstücken gehen!"). Ich wohnte mal allein, mal in WGs, aber in solchen, in denen jede und jeder sein Revier im Kühlschrank hatte. Mir reichte das Gefühl, dort auch nach Mitternacht jemanden zum Rauchen und Rotweintrinken in der schmutzigen Küche vorfinden zu können (wir reden von den Neunzigern). Zehn Jahre später habe ich gelernt, wie man mit einem Mann, einem bewegungsfreudigen Kleinkind und einem Baby auf 1,60 Metern Bettbreite ausreichend Nachtschlaf bekommt. Eine schöne Zeit, aber mindestens so schön ist es jetzt, wo wir oft alle vier an unterschiedlichen Orten der Wohnung unser jeweils eigenes Ding machen. Wahrscheinlich hat auch mein Mann dieses Zwischentier-Gen. Und wir haben es weitervererbt, doppelt dominant.

Nerdige Feldhamster und Schimpansensippen

Wenn wir schon von Genen reden: Die Abstufungen zwischen "Bleib mir vom Leib" und "Rück mir auf den Pelz" gibt’s auch unter unseren biologischen Verwandten. Da sind auf der einen Seite die nerdigen Feldhamster, totale Einzelgänger, egal ob m, w oder d. Nur zur Paarungszeit schlagen sie sich gemeinsam in die Büsche. Oder wo auch immer Hamster Sex haben, um neue kleine Nerds zu zeugen. Anderes Extrem: die Schimpansensippe, die aufeinanderhockt wie eine Urlaubsclique, die sich jedes Jahr im selben Ferienklub trifft. Da bin ich schon eher Silbermöwe (beschützt die Nester gemeinschaftlich, fängt aber in weiterem Umkreis Fische) oder, noch treffender, Star: hat quasi das Social Distancing erfunden, sitzt in höflichem Abstand zum Nachbarn auf der Stromleitung, nah genug für ein Schwätzchen ("Na, öfter hier?"), weit genug weg, um die Flatter zu machen. Bandenbildung? Die Stare würden uns einen Vogel zeigen. Genau meine soziale Gruppe.

Verena Carl sitzt auf Solo-reisen in Straßencafés und beobachtet Leute. Manchmal wird sogar ein Roman daraus.

Barbara

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