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Verliebtheit So kann man sie sich bewahren

Verliebtheit: Pärchen in der Wanne
© Getty Images
Verliebtheit ist ja nur eine Phase. Paarberater Florian Klampfer rät, dranzubleiben – um sogar mehr über sich als über den Partner zu erfahren. 

Verliebt ist wohl jeder gern, was ist eigentlich so toll daran?

Ja, wir baden regelrecht in diesem Gefühl. Geben uns einem Zustand hin, in dem wir nicht hinterfragen, was davon wirklich mit dem Partner zu tun hat oder ob wir uns nur in die Liebe verliebt haben. Manche Menschen bleiben über Monate in diesem Gefühl. Schön – aber man lebt in einer Illusion, denn das eigentlich Spannende beginnt erst danach.

Und das wäre?

Die Differenzierung. In der ersten Verliebtheit gibt es kein Du oder Ich. In der Übergangsphase zur Liebe nehme ich mich selbst wieder wahr und fange an, auch meinen Partner, meine Partnerin wahrzunehmen. Da wird dann deutlich: Oh, wir haben doch unterschiedliche Bedürfnisse!

Klingt nach Knatsch.

Diesen Schritt scheuen viele, denn da wird es anstrengend. Weil man tiefer schauen müsste, wie man auf einer neuen Ebene klarkommt. Im Extremfall führt das an dem Punkt zur Trennung. Oder es folgt die zweite Differenzierung: Was suche ich in der Beziehung mit dir? Was habe ich unbewusst in dir gesehen und will es für mich integrieren?

Sieht man in dem anderen denn anfangs nur, was man sehen will?

Es ist nicht nur eine Illusion, aber doch reduziert auf das, was wir voneinander gerne hören. Aufregend wird es, sobald wir im anderen Dinge erkennen, die wir ablehnen. Darin liegt eine heiße Spur.

Die wohin führt?

Sie deutet auf etwas in uns hin, das wir nicht wahrhaben wollen. Schon die Sprache zeigt das: Du bist so träge. Du bist schlampig. Eine klare Zuschreibung: DU bist… Wenn mich aber etwas am anderen über die Maßen ärgert, hat das mit mir zu tun, sonst würde ich mich ja nicht so ärgern. Ich selbst habe jahrelang nicht verstanden, warum mich faule Menschen wahnsinnig machen. Bis ich begriff, dass es in mir die Sehnsucht gibt, mal nix zu machen – habe ich mir nie gestattet, sondern den faulen Teil auf andere projiziert.

Wie entlarvend!

Aber noch mehr: Mit dieser Erkenntnis könnten wir es schaffen, uns nicht wegen störender Charakterzüge des Partners von ihm zu trennen. Also statt "Du bist so langweilig“ zu sagen, frage ich mich selbst, wo in mir der langweilige Teil ist, den ich niemals zulassen möchte.

Können Paare dieses Spiegeln allein schaffen oder besser mit Therapeut?

Therapeuten können einen Raum öffnen, zum Sprechen anstiften: Was von dir lehne ich ab, was möchte ich integrieren? Das Einlassen darauf bleibt Aufgabe des Paares. In der Psychologie gibt es den Begriff der "Herzkohärenz“: die Bereitschaft, das Herz zu öffnen und all das, was ich beim Partner ablehne, erst mal reinzulassen. Das heißt nicht, dass ich all seine Macken gut finden muss. Vielmehr betrachte ich diese Macken: Was davon löst etwas aus?

Was, wenn einem klar wird, dass man die störende Eigenschaft bereits von Ex-Lieben kennt?

Das ist vielleicht die Einladung, sich die Fragen zu stellen: Was von meiner Persönlichkeit ist mir heilig? Was stelle ich nicht mehr zum Verkauf? Dann kann man überlegen, ob man den neuen Partner als Zen- Meister einladen will, um das tagtäglich auszuprobieren. Ob das aus- reicht, eine Beziehung zu gestalten, ist dann eine ganz andere Frage.

Mit der Aussicht könnte man fast die Freude am Verliebtsein verlieren…

Aber nicht doch! Stellen Sie sich vor, Sie bekommen ein Paket geliefert, das Sie nicht bestellt haben. Doch Ihr Name steht drauf, und der Postbote wirkt charmant und sympathisch. Nehmen Sie das Paket an?

Denke schon.

Ähnlich verhält es sich mit den Lektionen im Leben – sie kommen häufig in unerwarteter Form. Der nette Postbote hilft dabei, uns auf Dinge überhaupt einzulassen, auf die wir keine Lust haben. Er wird quasi zum Entwicklungshelfer an dieser Stelle. Seine Freundlichkeit hilft uns, auch unangenehme Botschaften anzunehmen.

Was ist mit denen, die sich sehr oft und auch schnell verlieben?

Bei dieser Variante kann man sich fragen: Habe ich Angst vor neuen Erfahrungen? Will ich meine Lebensenergie in ein ewiges Versuchsstadium stecken?

Ich fasse zusammen: Verliebtheit ist eine Illusion und hoffentlich nur eine Phase – bevor es anstrengend wird. Finden Sie einen schönen Schluss?

Der Sinn von Verliebtheit liegt darin, dass das Leben mir automatisch Lektionen wie diese liefert: Auf wen wirke ich anziehend? Und was mache ich damit? Verliebtheit ist eine Entscheidung.

Florian Klampfer ist Paartherapeut und in Berlin tätig. Weitere Infos unter: beratungspraxis-klampfer.de

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BARBARA 05/2020

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