VG-Wort Pixel

Was nun, Mama? Verschwörungstheoretiker in der Familie

Verschwörungstheoretiker in der Familie: Eine ältere Dame sitzt vor einem Laptop und guckt nachdenklich
© fizkes / Shutterstock
Ihre Mutter wittert überall Verschwörungen, lässt darüber nicht mit sich reden. Unsere Autorin hält den Kontakt – wie macht sie das?

Sommer 2021, ein Biergarten am Wasser, Oma, Mama und ich, endlich wieder vereint. Es ist das erste Treffen unserer kleinen Drei-Generationen-Familie nach eineinhalb Jahren, und ich freue mich. Das war nicht immer so.

Der Rosé steht noch nicht mal auf dem Tisch, da entdeckt meine Mutter den blau-gelben Fleck auf meinem Oberarm. Sie erstarrt und unterbricht das Gespräch auf der Stelle: "Hast du dich impfen lassen?" – "Ja", antworte ich. – "Und dein Freund?" – "Auch." – "Und deine Schwester?" – "Auch." Sie schüttelt den Kopf: "Ihr seid doch alle verrückt." Meine Mutter ist Verschwörungsideologin.

Zwei Welten

Mama und ich wohnen mehrere Hundert Kilometer voneinander entfernt, unsere Beziehung aber ist alles andere als oberflächlich. Was uns beschäftigt, kommt auf den Tisch. Wir sprechen über Liebeskummer, Lebensphilosophien und Sexualität. Unser einziges Tabu: Small Talk. So war es immer. Bis meine Mutter 2016 anfing, mir Youtube-Videos mit Titeln wie "Fünf verschwiegene Fakten zur Flüchtlingskrise" zu schicken. Darin wurde alles genannt, nur keine Fakten, und ich verstand die Welt nicht mehr: Wie konnte sie auf diese plumpen und hetzerischen Falschinformationen reinfallen? Nach dem ersten Schock dachte ich, ich müsste ihr nur begreiflich machen, wie das Internet funktioniert, um sie wieder zur Vernunft zu bringen. Ich erklärte ihr, dass diese "Fakten" entweder gelogen oder aus dem Zusammenhang gerissen waren und der Algorithmus von Youtube ihr immer ähnliche Videos anzeigen wird, damit sie weiterklickt. Es interessierte sie nicht, sie klickte trotzdem weiter.

Sie war wie besessen, und mit jedem neuen Video wurde ich wütender. Ich fühlte mich, als müsste ich meine Mama vor dem Ertrinken retten, während sie sich mit Händen und Füßen gegen meine Hilfe wehrte. In meiner Verzweiflung machte ich die großen Anfängerfehler im Umgang mit Verschwörungstheoretikern: Ich überhöhte mich moralisch, wurde beleidigend und widerlegte tagelang ihre Artikel und Videos. Es war so sinnlos wie endlos, sie sendete einfach den nächsten Link. Die Themen reichten vom "Märchen der geplanten Flüchtlingskrise" bis zu Chemtrails. "Wie kannst du dich so blenden lassen", schrieb ich. Und sie schrieb genau dasselbe zurück.

Die meisten werden jetzt ein sehr falsches Bild von meiner Mama haben. Berichtigung: Sie ist schlau, emanzipiert und liebt mich über alles. Sie lebt allein in einem großen Haus, sie hat einen angesehenen Job, interessiert sich für Kunst, lebt ihre Kreativität beim Gärtnern und Gestalten aus. Aber sie war anderen Menschen gegenüber schon immer misstrauisch eingestellt. Ihre Welt ist ein feindseliger Ort, wo jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Da fügten sich diese grausamen Clips gut ein – sie wurden ein Real-Life-Thriller, der ihr Leben aufregender machte und nach dem sie süchtig wurde.

Der Laptop ist ein ständiger Begleiter

Und süchtig ist sie ohne Zweifel. Wenn ich einmal im Jahr an Weihnachten nach Hause komme, steht der Laptop immer neben ihr: Während sie mir morgens Pfannkuchen macht, wenn sie abends ins Bett geht – immer sind da die kleinen Youtube-Fenster, die mit bedrohlicher Musik wortwörtlich den Weltuntergang vorhersagen. Wenn ich mir vorstelle, was es mit einem Kopf macht, der über Jahre hinweg mit so etwas gefüttert wird, bekomme ich Angst.

Nachdem ich ein Jahr lang versucht hatte, gegen ihre Fake News anzukommen, resignierte ich. Ihre weitergeleiteten Videos landeten nun direkt in meinem Papierkorb. Ich brauchte Abstand, um Luft zu holen, das war auch ihr bewusst. Die wenigen Telefonate, die wir in jenem Jahr führten, eskalierten schnell – Small Talk konnten wir immer noch nicht, aber wenn sie mir jetzt sagte, was sie beschäftigte, ging ich an die Decke. Sobald wir Kontakt hatten, verletzten wir uns ständig gegenseitig.

Sie sagte Dinge, die ich bei niemandem sonst toleriert hätte – die ich auch nicht zitieren möchte. Während ich mit aller Macht versuchte, diese Sätze zu verdrängen, wiederholte meine Mutter sie immer und immer wieder. Es fühlte sich an, als müsste ich meine Werte verraten, damit sie Raum zum Reden hat. Gleichzeitig sagte sie, sie wüsste nicht mehr, wie sie mit mir sprechen sollte, und hätte Angst, dass ich den Kontakt abbrechen würde. Tatsächlich kam das für mich nie infrage. Auch wenn es phasenweise eine Erleichterung gewesen wäre: Das konnte ich ihr nicht antun. Das hätte sie zerstört, und damit auch mich. Also hielt ich es aus.

Zeit für einen Strategiewechsel

Um in Kontakt bleiben zu können, suchte ich nach Erklärungen und Entschuldigungen für ihre Einstellungen. Ich trennte das Problem von meiner Mutter und hob es auf die gesellschaftliche Ebene. Fast schizophren redete ich fortan nicht mehr nur mit ihr über diese Dinge, sondern sah uns beispielhaft für die Spaltung der Gesellschaft. Ich wechselte regelmäßig die Perspektive, las ihre und meine Medien, um zu verstehen, wie sie funktionierten und meine Mutter jetzt tickt. Die Metaebene wurde meine Flucht. Und wenn das hier alles ungewöhnlich abgeklärt klingt: Ja, ich brauche diese Distanz, um weiterzumachen. Ich kann in dieser Beziehung nicht mehr Kind sein, auch wenn sie mich genauso behandelt: Wie ein "liebes Kind", das zu naiv ist, um die Welt zu verstehen.

Seit sechs Jahren leben wir mittlerweile in zwei unterschiedlichen Welten. Sie in der Welt, in der Wissenschaft und Politik einem übergeordneten, bösen Plan folgen, und ich in der Welt, in der der Zufall regiert und Wissenschaft und Politik versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Aber wir gewöhnten uns daran, richteten uns in unserer Fernbeziehung ein. Unser jährlicher Familienurlaub war extrem wichtig dafür, uns nicht völlig zu verlieren. Nach ein paar Tagen zusammen auf neutralem Boden sind wir nicht mehr nur zwei Feinde, sondern werden wieder zu Mama und Tochter. Wir schaffen es sogar, Witze darüber zu machen. Wenn wir uns danach verabschieden, sind wir beide erfüllt von Liebe und Dankbarkeit. Gefühle, die in unserer Alltagsbeziehung tief unter Angst, Wut und Sorge verschüttet sind.

Dann kam Corona. Ihre weitergeleiteten Youtube-Videos wurden wieder mehr, der jährliche Urlaub fiel flach, und die alten Kämpfe kamen wieder hoch. In unseren Chats nannte sie mich linientreu und sich rebellisch. Wir sprachen kaum noch direkt miteinander. Sie rief mich sogar nur noch "indirekt" an – fortan hatte immer Oma das Telefon in der Hand. Und plötzlich ging es um Leben und Tod. Natürlich versuchte sie alles, um mich vom Impfen abzuhalten. Aber nicht nur mich: auch meine über 80-jährige Oma, für die sie die engste Vertraute ist. Ich konnte es nicht fassen: "Wie kannst du es verantworten, deine Mutter dieser Krankheit auszusetzen?" Ihre Antwort: "Wie kannst du es verantworten, sie einem nicht erforschten Medikament auszusetzen?" Mir drehte sich der Magen um. Wir wollten dasselbe, aber was für mich die Rettung war, war für sie das Gift.

Zwei Köpfe, ein Gedanke

So dramatisch die Situation war, wurde mir dadurch aber auch bewusst: Wir machten uns beide im gleichen Maße Sorgen um Omi. Es klingt paradox, aber unsere Konflikte basieren im Grunde immer auf Liebe und Fürsorge. Sie finden ständig statt, weil und nicht obwohl wir uns lieb haben. Vor einigen Wochen schrieb sie mir, dass Oma von der Impfung Gürtelrose bekommen hätte. Sie wollte damit ihren Punkt von der unsicheren Impfung unterstreichen, aber mir fiel ein Stein vom Herzen: Oma hat sich impfen lassen.

Und so war meine Mutter bei unserem ersten Treffen in dem Biergarten die Einzige, die nicht geimpft war, und als es wieder auf das Thema kam, sagte sie selbst: "Lass uns das Fass nicht aufmachen." Nach so langer Zeit wollten wir beide unsere kostbare Zeit nutzen. Und mir fiel wieder auf, wie synchron unser Lachen klingt.

Experten und Psychologen erklären zum Thema Verschwörungstheorien, dass es ab einem gewissen Punkt für die meisten Menschen keine Umkehr mehr gibt. Aber bevor sie sich bewusst dazu entscheiden, die Welt der Fakten hinter sich zu lassen, gibt es eine Zeitspanne, in der sie "nur" darüber reden wollen. Hier kann man sie erreichen. Nicht mit Faktenbingo, sondern über gemeinsame Werte, Zuhören und Zusammenhalt. Das Schlimmste, was man in dieser Zeitspanne tun kann, ist, sie zu verspotten, "Covidioten" zu schreien oder den Kontakt abzubrechen.

Trotz allem: durch dick und dünn

Ich habe diese Fehler gemacht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass meine Mutter jemals wieder Politikern, Medien oder offiziellen Statistiken glauben wird. Unsere Faktenlage wird nie wieder die gleiche sein, unsere Ängste nicht und unsere Art, damit umzugehen, auch nicht. Das werden wir aushalten müssen. Und trotzdem können wir Mama und Tochter bleiben und gemeinsam laut lachen – wenn wir nicht gerade im Stillen streiten.

Barbara

Mehr zum Thema