"Zeit heilt keine Wunden. Nicht, wenn dein Kind stirbt"

Beate Großmann ist das passiert, was keiner Mutter je passieren sollte. Sie musste ihr eigenes Kind sterben sehen. 10 Jahre später hat sie ein Buch geschrieben. Nicht über den Tod, sondern über das Leben.

von Christine Rickhoff

Weiterl(i)eben - das ist der Titel des Buches, das Beate Großmann zehn Jahre nach dem Tod ihres Sohnes Philipp geschrieben hat. Fast lassen der tröstlich anmutende Titel und das lebensbejahende, herzliche Wesen von Beate erhoffen, dass der Tod des eigenen Kindes überwunden werden kann. Dass man irgendwann in allem einen Sinn erkennen kann. Dass Trauer vorbei geht, weil die Zeit doch angeblich alle Wunden heilt. Doch wer es wagt, sich dem schwierigen Thema zu stellen, der wird in Beates Worten auf die Wahrheit treffen. Und die ist für Eltern kaum tragbar. Allein die Vorstellung, das eigene Kind könne seinen 18. Geburtstag niemals erleben, lässt Mütter und Väter gleichermaßen an ihre emotionalen Grenzen stoßen. "Wenn man es sich nur vorstellt, dauert diese Grenzerfahrung zum Glück lediglich ein paar Sekunden" sagt Beate. "Betroffene Eltern aber müssen ihr ganzes restliches Leben an dieser Grenze aushalten. Nein, Zeit heilt keine Wunden. Nicht, wenn dein Kind stirbt. Die Zeit lehrt nur, mit dem Unfassbaren zu leben."

Philipp wollte unbedingt 18 werden 

Philipp war 17 Jahre alt, als der Krebs ausbrach. Viele Monate suchte die Familie bei zahlreichen Ärzten Hilfe, weil Philipp schlapp, blass und immer müde war. Die Ärzte taten die Symptome als Pubertät und ein allergisches Asthma ab. "Aber ich habe gespürt, dass etwas nicht stimmt", erzählt die zweifache Mutter. "Er ist schließlich mein Kind. Und irgendwann hatte ich die traurige Gewissheit, dass mein Bauchgefühl leider richtig war." 12 Wochen nach der Diagnose starb Philipp an einer seltenen Krebserkrankung. Obwohl die Familie wusste, dass Philipp die Krankheit nicht überleben würde, war es unerträglich, miteinander offen über seinen bevorstehenden Tod zu sprechen. „Wir sprachen über das Leben und über den Tod im Allgemeinen, doch nicht über seinen Tod. Es war zu schwer, gnadenlos und unvorstellbar. In Liebe haben wir unseren Philipp begleitet, haben seine letzten Wünsche respektiert und danach gehandelt.“  Und Philipp wollte sein Leben bis zum Schluss leben, sich mit seinen Freunden treffen und Spaß haben. Sein Leben, seine letzten Tage standen im Vordergrund, nicht der Tod. Philipp hielt bis zuletzt am Leben fest, ging ganz normal in die Schule, schrieb wenige Tage vor seinem Tod sogar die Abschlussprüfung mit. Im Mai 2007 starb Philipp, drei Monate vor seinem 18. Geburtstag, auf den er sich so gefreut hatte. 

Trauernde Eltern sind schwer zu ertragen 

Den Tod des eigenen Kindes zu verarbeiten, ist eine Aufgabe, der man eigentlich nicht gewachsen sein kann. Trauernde Eltern sind verändert. Alles ist verändert. Sie werden nie mehr die sein, die sie vorher waren. Der Tod des Kindes erschüttert das Leben, es ist ab diesem Zeitpunkt ein Leben im Ausnahmezustand. Erschwerend kommt bei trauernden Eltern die Hilflosigkeit des Umfelds hinzu. "Heute kann ich es anders nachvollziehen, warum Menschen mit trauernden Eltern so unbeholfen sind. Ich verstehe die Überforderung mit der Situation, damals hat mich der oft wenig einfühlsame Umgang unfassbar getroffen", erzählt Beate. Sie kann nicht sagen, was sie am schlimmsten verletzte: Wenn Leute die Straßenseite wechselten, wenn sie über sie tuschelten oder wenn sie mit Plattitüden um sich warfen. Nicht nur einmal hörte sie: "Naja, du hast ja noch ein Kind" oder "Du musst ihn jetzt loslassen". Nein, loslassen wird sie ihr Kind niemals, da ist sich Beate auch heute noch sicher, "Welche Mutter lässt bitte ihr Kind komplett los?" fragt sie entsetzt und macht klar: „Ich werde Philipp für immer weiterlieben, meine Kinder liebe ich beide bedingungslos.“ Besonders in Erinnerung ist ihr ein Moment mitten im Supermarkt, in dem sie gefragt wurde, ob sie etwa "immer noch" trauere. "Ja, das tue ich", war ihre Antwort. "Denn mein Sohn ist immer noch tot." Die erschrockene Reaktion ihrer Gesprächspartnerin sprach Bände. "Sie meinte das nicht so. Aber es wäre besser gewesen, bei der Wahrheit zu bleiben. Und die ist ja, dass einem in einer solchen Situation die Worte fehlen. Diese Form der Ehrlichkeit hat mir immer gut getan." In ihrem Buch hat sie aus diesen Erfahrungen heraus dem Umgang mit Trauernden ein ganzes Kapitel gewidmet. 

"Mein Kind ist tot. Für immer" 

Erst nach einem Jahr begriff Beate Großmann wirklich, dass Philipp tot war. Für immer. Seine Freunde hatten ein Benefizkonzert veranstaltet. Dort, auf diesem Konzert, kam die grausame Erkenntnis, erst an diesem Abend begriff sie die Endgültigkeit des Todes auch mit dem Herzen. Und ihr wurde klar, dass sie damit würde leben müssen. Vor diesem Tag hatte sie einfach weiter funktioniert. "Als wäre es ein Alptraum, aus dem man irgendwann erwachen wird." Beate machte eine Reha, ließ schweren Herzens für sechs Wochen ihren trauernden Mann und ihre trauernde Tochter zurück. "Das war schwer, aber eine gute Entscheidung. Ich musste lernen, weiterzuleben und vor allem weiter zu lieben. Ich spürte gar nichts mehr. war wie betäubt" In der Reha traf sie auf Menschen, die sie auf dem Weg zurück ins eigene Leben begleiteten, doch es war die Suche und der Weg zu sich selbst, der sie zu ihrer Berufung brachte. Heute ist die gelernte Erzieherin Trauerbegleiterin und steht trauernden Menschen bei. Das Wort Hilfe mag Beate in der Trauerarbeit nicht. "Was soll helfen, wenn du einen geliebten Menschen verloren hast?", fragt sie und schüttelt den Kopf. "Es gibt nur Dinge und Menschen, die dich stützen und einfühlsam begleiten. Und es gibt solche, die das nicht können. Aber das muss man erst mal aushalten und respektieren lernen." 

Weiterlieben – über den Tod hinaus 

Gestützt hat Beate auch immer schon das Schreiben. Wenn sie davon erzählt, leuchten ihre Augen. Schon immer hatte sie davon geträumt, ein Buch zu schreiben, war sich aber nie ganz sicher, worüber. Ein lustiges Frauenbuch wäre vielleicht ihr Dinge gewesen, erzählt sie, und das fröhliche Blitzen ihrer Augen lässt keinen Zweifel daran, dass sie das prima könnte. Phillip war es, der einmal zu ihr sagte: Mama, eines Tages wirst du wissen, worüber du schreiben musst. "Ich wünschte, er hätte Unrecht gehabt", fügt sie leise hinzu. Das Buch "Weiterl(i)eben. Mit der Trauer im Herzen weiterleben und weiterlieben“ hat Beate Großmann nicht nur für trauernde Eltern geschrieben, sondern für alle, die mit dem Tod oder der Trauer in Berührung kommen. Ihre Botschaft: Trauer ist so individuell wie die Beziehung zwischen den Verstorbenen und denen, die zurückbleiben. Denn auch in der Trauer bleibt am Ende doch die Liebe. Der Teil einer Beziehung, den man niemals loslassen muss. Für Beate ist ihr Sohn auch im Tod noch gewachsen, ihre Beziehung hat sich verändert, so wie das Beziehungen zwischen Kindern und Eltern tun. "Er wäre dieses Jahr 29 geworden. Ich sehe seine Freunde noch häufig und kann mir gut vorstellen, wer Phillip heute wäre", erzählt sie. Auch wenn Beate nicht im christlichen Sinne gläubig ist, glaubt sie seit Philipps Tod noch fester als zuvor an "das große Ganze". Anders kann sie sich die enge Verbindung zu ihrem Sohn nicht erklären. "Ich spüre, dass er bei uns ist", sagt sie mit der festen Stimme einer liebenden Mutter, die ein untrügliches Gespür für ihre beiden Kinder hat. Ein Gespür, dem auch der Tod offensichtlich nichts anhaben kann. 

 Den Buchtitel hat Beates Tochter Isabell ausgesucht. Auf dem Buchcover ist sie zu sehen. Sie zeigt die unendliche Liebe und Verbindung zu ihrem Bruder Philipp. Eine Liebe, die auch die Geschwister über den Tod hinaus verbindet. Für die Familie ist klar: „Wir sind für immer vier. Unsere Herzen werden sich nie verlieren, wir sind eins. Egal wie weit entfernt, wir sind uns nah, für immer in unendlicher Liebe.“


Beate Großmann: Weiterl(i)eben. Mit der Trauer im Herzen weiterleben und weiterlieben. Erschienen am 20. Oktober 2017 im Masou Verlag

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