Von wegen "alles gut"! Warum es besser ist, wenn wir endlich sagen, was wir meinen

Warum tun wir so, als wäre alles super, wenn es das gar nicht ist? Das macht nämlich wirklich nur ganz selten Sinn. Und es lässt sich vor allem schnell ändern. 

von Theresa König

Ich beobachte es oft an mir selbst: Jemand fragt mich, wie es mir geht und ich antworte reflexartig "alles gut" oder "alles prima". Das entspricht dann in 90 Prozent der Fälle keineswegs der Wahrheit, aber ich bin schnell fertig mit dem Geschäft. Manchmal muss man auch gar nicht episch erklären, warum nicht alles gut ist. Manchmal aber eben doch. Es gibt nämlich Situationen, in denen es sehr sinnvoll ist, mal direkt zu sagen, dass was nicht stimmt. 

Wenn andere echt nerven, hilft es zum Beispiel einfach ehrlich zu sein. Falls der Chef ein Arsch ist, die Freundin unsensibel bis beleidigend agiert oder der Kellner gnadenlos unhöflich, nützt es nun mal auf die langfristige Perspektive nicht "alles gut" zu antworten. Ist es ja nicht. im richtigen Moment zu sagen "Mir geht es gerade nicht besonders, es wäre schön, wenn du darauf Rücksicht nimmst" ist zumindest eine Option. Und vielleicht hilft es sogar.

"Alles gut!" ist der optimale Satz um zu gefallen 

Wenn alle denken, man habe ein Herz aus Stahl und Nerven aus Drahtseilen, hilft einem leider auch keiner. Leute, die auf die Frage immer fröhlich "alles prima" flöten, auch wenn sie sich gerade beschissen fühlen, wirken vielleicht sehr glücklich, aber eben auch unnahbar. mal ganz davon abgesehen, dass es einfach praktisch unmenschlich ist, wenn es jemandem immer total super geht. Muss es übrigens auch nicht. Ich selbst neigte sehr lange sehr dazu, immer so rumzutun, als wäre "alles total spitzenmäßig. Als Frau und Mutter wird man ja gesellschaftlich so ein bisschen darauf geeicht, immer schön zu lächeln, auch wenn einem das Wasser bis zum Halse steht. Alles andere wäre so unbequem und auch irgendwie unattraktiv und nicht angebracht. Deswegen sagen wir so oft "alles gut!", es ist der optimale Standardsatz, um schön allen zu gefallen. 

Aber dann ging es mir mal wirklich nicht so richtig super – und eine Mutter in der Schule fragte, ob alles okay sei. Ausnahmsweise sagte ich nicht reflexartig "alles gut", sondern "Ich bin gerade etwas überfordert, weil ich in die Reha muss und immer erst spät nachmittags zuhause bin. Ich weiß gar nicht, wie ich das mit den Kindern organisieren soll". Diese Frau, mit der ich vorher etwa zweimal gesprochen hatte, sagte einfach nur: "Ich kann dir da helfen, mir macht das gar nichts aus deine Tochter mitzunehmen." So einfach war das. Als sie mir am Nachmittag noch mal schrieb, ich könne sie jederzeit um Hilfe bitten, erleichterte mich das so sehr, dass ich fast anfing zu heulen. Seitdem sehen wir uns öfter – ohne meine ehrliche Antwort damals, hätte ich dieses Angebot aber nie bekommen. Ein "alles gut" hätte mich um  diese wirklich schöne Erfahrung beraubt. 

Ehrlichkeit kann sehr viele Türen öffnen

Das will jetzt übrigens nicht heißen, dass man jedem dahergelaufenen Spaziergänger im Park von vorn bis hinten erzählen muss, wenn einem ein Pups quersitzt. Auch ausuferndes Gejammer finde ich persönlich nicht immer angebracht. Das interessiert keinen und bringt einen auch nicht weiter. Aber Leuten aus dem Umfeld, die man mag, darf man gegenüber  ruhig mal ehrlich sein und richtig geradeaus. Ein aufrichtiges "Läuft gerade semioptimal" kann einem eine ganze Fabrik voller Türen öffnen. Muss man einfach nur mal ausprobieren.