Diese eine Sache solltest du für deine Kinder jeden Tag tun

Ich sollte, ich könnte noch, ich müsste... Eltern sind der Inbegriff des schlechten Gewissens. Doch unsere Autorin spart sich mittlerweile die Selbstvorwürfe und hält ein einziges To Do des Tages heilig: Das Vorlesen. 

von Christine Rickhoff

Ich war das zweite von vier Kindern. Meine kleine Schwester kam zwei Jahre nach mir mit dem DiGeorge Syndrom zur Welt, das verschiedene körperliche und geistige Behinderungen mit sich bringt. Mein Vater arbeitete hart und viel, Kinderbetreuung gab es bei uns auf dem Land für maximal drei Stunden täglich. Es ist also nicht besonders schwer, sich auszumalen, wieviel Zeit meiner Mutter blieb für jedes einzelne Kind. Trotzdem kann ich heute völlig überzeugt sagen: Ich habe alles bekommen, was ich brauchte. Nein, mehr als das. Denn meine Mutter hat uns das größte Geschenk gemacht, das man Kindern meiner Meinung nach machen kann: Sie hat uns jeden Abend vorgelesen. Jeden einzelnen Abend. Wenn ich an früher denke, dann sehe ich immer das gleich Bild. Wir vier, aneinandergekuschelt in einem Etagenbett, während meine Mutter uns im Dämmerlicht vorlas. Diese 15 Minuten nahm sie sich jeden einzelnen Tag und das werde ich ihr nie vergessen.

Was die Wissenschaft übers Vorlesen sagt

Es gibt eine Menge Studien über den Wert des Vorlesens. Jedes Jahr zum Bundesweiten Vorlesetag führt das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen gemeinsam mit DIE ZEIT und Deutsche Bahn Stiftung eine Studie zu verschiedenen Themen rund um das Vorlesen durch. Dabei fand man heraus: Kinder, die regelmäßig vorgelesen bekommen, lernen zum Beispiel viel leichter selber lesen. Sie können sich außerdem in der Schule besser konzentrieren, haben einen größeren Gerechtigkeitssinn und sprechen offener mit ihren Eltern über Themen, die sie beschäftigen. Die New York University hat sogar herausgefunden, dass der IQ messbar erhöht wird. Was Studien bisher nicht gemessen haben, wovon ich aber absolut überzeugt bin: Vorlesen macht Kinder zu glücklicheren Menschen. 

Was Vorlesen mit Glück zu tun hat

Das Problem an den wirklich guten Kinderbüchern ist: Zu dem Zeitpunkt, zu dem man sie gut brauchen könnte, kann man sie meist noch nicht selbst lesen. Ich hätte es nicht geschafft, mit Sechs schon Ronja Räubertochter zu lesen. Aber genau in dieser Zeit kam die Angst vor Räubern auf. Zu wissen, dass die Räuber auch Menschen sind, die Töchter wie Ronja und Söhne wie Birk haben, hat mir sehr geholfen. Ich habe schon mit Vier verinnerlicht, dass es ok ist, ganz man selbst zu sein, so wie das kleine Ich bin Ich. Und noch heute denke ich oft an Frederick, die kleine Dichter-Maus, wenn mir jemand auf Facebook für einen Artikel dankt. All die Geschichten, die ich in meinem Kopf und meinem Herzen trage, die haben mir Dinge beigebracht, die mich glücklich machen. Vor allem eines: Ich bin nicht allein. Niemals! Ein schöneres Geschenk kann man einem Menschen nicht machen.

Warum ich Vorlesen liebe

Heute habe ich selbst drei Kinder und unsere Bücherregale quellen über. Schon als die Kinder Babys waren, haben wir jeden Abend mit ihnen Bücher angesehen, das war unser Ritual zum Runterkommen nach einem aufregenden Tag. Heute sind sie oft gar nicht mehr so scharf drauf. Viel lieber würden sie in Endlosschleife Paw Patrol oder Mia and me im Fernsehen suchten. Dass es unklug ist, dem jeden Tag nachzugeben, hab ich mittlerweile gelernt. Klar sollen sie auch mal auf einem Tablet rumdaddeln und Fernseh gucken (Ehrensache!), aber erstens kann man davor oder danach immer noch lesen und zweitens bestimmen in diesem Fall zum Glück die Eltern das Maß. Ich für meinen Teil bin froh, dass es so viele tolle Bücher gibt. Nicht nur weil sie klug, gerecht und empathisch machen, sondern weil wir jeden Abend zusammen Abenteuer erleben. Wir sind Ritter und Elfen, Drachen und Helden. Und vor allem: Wir sind nicht allein.

10 tolle Bücher zum Vorlesen für jedes Alter, die auch Eltern Spaß machen

1. Die Eule mit der Beule von Susanne Weber und Tanja Jacobs (0 - 3 Jahre) ist ein hervorragender Einstieg in die Bücherwelt. Kinder lieben die Reime und die süßen Illustrationen. Ein tolles Tröstebuch, das bald alle mitsprechen können. 

2. Wenn ich aber nicht muss von Charlotte Habersack und Henning Löhlein (3 - 5 Jahre) bringt Kinder und Eltern zum Lachen. Allein das Cover ist zum Schießen. Wie doof, wenn man in Ritterrüstung auf Toilette muss...

3. Prima, Monster!: Oder: Schafe zählen ist doof von Markus Heitz und Joelle Tourlonias (3 - 6 Jahre) eignet sich perfekt als Abendlektüre für ängstliche Kinder. Schon mal ein Monster Ballett tanzen gesehen? Nein? Nach diesem Buch hat jedenfalls keiner mehr Angst vor Monstern.

4. He duda von Axel Scheffler, Jon Blake und Salah Naoura (3 - 6 Jahre) ist ein Vorlesevergnügen der Extraklasse. Nichts macht mehr Spaß als mit der Gruselstimme von Lange Luda "Ich fresse Kaninchen wie..." zu wispern und dann die Kinder mit einem lauten "...DICH" zu erschrecken. Dass das Kaninchen Lange Luda dann so einen richtig schönen Haken verpasst, anstatt sich fressen zu lassen, macht die Sache noch viel besser!

5. Das kleine Ich bin Ich von Mira Lobe und Susi Weigel (4 - 99 Jahre)... hach, das kleine Ich bin Ich. Was noch mehr Spaß macht als es zu hören? Es selber vorzulesen. Ist doch klar. "Wer das nicht weiß, ist dumm. Bumm!" Sagt der Frosch. 

6. Borst vom Forst von Yvonne Hergane und Wiebke Rauers (4 - 6 Jahre) ist ein mutiges kleines Wildschwein, das schöner nicht illustriert sein könnte. Ein tolles Buch für Eltern und Kinder mit schrecklichschönem Fernweh und großen Träumen.

7.Ein Freund wie kein anderer von Oliver Scherz und Barbara Scholz (5 - 8 Jahre) ist richtig spannend. Eine Geschichte über Angst und Mut, über Vorurteile und Güte. Viel tiefgründiger als sie am Anfang erscheint. Achtung, Nebenwirkung: Interessante Gespräche nach der Vorleserunde.

8. Ziemlich beste Schwestern - Mit Karacho in den Winter von Sarah Welk und Sharon Harmer (5 - 9 Jahre) ist einfach nur zum Kaputtlachen komisch. Selten so mit den Kindern zusammen kringelig gelacht... tolle Winterlektüre mit Spaßgarantie für Eltern und Kinder.

9. Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn (6 - 10 Jahre) ist genau so lustig wie es klingt. Für Eltern, die die Känguruh-Chroniken lieben und Kinder, die auch noch offline Spaß haben.

10. Emil und die Detektive von Erich Kästner (ab 8 Jahre) und überhaupt jedes Buch von Erich Kästner und Astrid Lindgren (wo wir gerade dabei sind) gehört in jedes Bücherregal und vor allem jedes Kinderherz. Auch wenn man mit 8 schon selbst lesen kann, ist Vorlesen eine wirklich gute Idee. Einfach, um es selbst nochmal zu lesen und auch mit den Großen ein bisschen zu kuscheln, bevor sie sich als Pubertiere endgültig zu groß dafür finden.

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