Warum mich als Lesbe die #ehefüralle verwirrt!

Am Freitag Morgen wurde die „Ehe für alle“ beschlossen. (Fast) alle haben gefeiert. Aber warum eigentlich genau? Unsere Autorin stellt Fragen, die viele haben, aber sich wieder keiner zu stellen traut.

von Johanna Gabriella

Freitag, der 30. Juni 2017. Bei meiner morgendlichen Facebook-Runde begegnet mir als erstes folgender Text: „It's a yes! #ehefüralle“.

Ok, cool! Oder? Ich bin ein Mensch, Anfang Dreißig, eine Frau, die seit über 15 Jahren auf Frauen steht. Damit könnte ich als „lesbisch“ klassifiziert werden. Find ich aber irgendwie doof. Den Begriff und auch das Label. Zudem habe ich auch schon so manches raue, männliche Gesicht geknutscht. Also bin ich jetzt bisexuell? Mir Wurst, ich bin ich. Und genauso verwirrend wie die Labels und Rollen meiner Person, finde ich diese „Ehe für alle“-Diskussion.

Die Ehe: Rechten und Pflichten

Bislang konnten sich gleichgeschlechtliche Paare „verpartnern“. Komisches Wort. Klingt so nach Bio-Unterricht, ein bisschen wie „verpaaren“. Es bedeutet: Ihnen werden damit alle Pflichten auferlegt, die auch für Ehepaare gelten:

  • Anstreben einer gemeinsamen Haushaltsführung (sonst besteht Verdacht auf Scheinehe)
  • Beistand und Fürsorge (bezieht sich auf den Ehepartner, Kinder und auch auf das Vermögen)
  • Pflicht aufeinander Rücksicht zu nehmen (die Würde und Ehre des anderen zu achten)

Darüber hinaus gibt es noch den Hinweis, dass früher das Kinderkriegen als der eigentliche Ehezweck angesehen wurde. Heutzutage sind gewollt kinderlose Ehen jedoch etwas Alltägliches. Damit können auch gleichgeschlechtliche Paare in meinen Augen alle Voraussetzungen für eine Ehe erfüllen.

Wenn zwei Frauen schwanger werden

Im Unterschied zu heterosexuellen Paaren, gibt es für gleichgeschlechtlich „verpartnerte“ Paare allerdings einige Hürden im Adoptionsrecht. Davon habe ich in meinem direkten Umfeld auch schon gehört: Zwei „verpartnerte“ Freundinnen möchten selbst nicht schwanger werden. Kann man verurteilen, muss man aber nicht. Zwei lesbische Däninnen in meinem Freundeskreis wurden mal zeitgleich schwanger. Da war was los. Wenn zwei Frauen gleichzeitig prä-menstruell sind, wird es manchmal ja schon dramatisch. Aber zwei Schwangere im Hormontaumel? Wahnsinn, dass die das überlebt haben.

Wer Kinder erziehen sollte

So oder so finde ich es weder zeitgemäß noch menschlich oder rational nachvollziehbar, dass gleichgeschlechtliche Paare es bei der Adoption deutlich schwerer haben. Es geht doch darum, dass Kinder in liebevollen und förderlichen Umfeldern aufwachsen. Da finde ich Faktoren wie Geschlecht, Hautfarbe oder Alter der Eltern nur sehr bedingt relevant. Den homophoben Gastartikel der FAZ unter dem Pseudonym „Johannes Gabriel“ fand ich daher total daneben. Selbst die christlich-sozial orientierte Kanzlerin hatte im Brigitte Live Talk am 26. Juni bekannt: „Wenn der Staat einem homosexuellen Paar Kinder zur Pflege gibt, kann ich nicht mehr mit dem Kindeswohl argumentieren.“ Am Freitag kam es dann zur Abstimmung und zum Beschluss der „Ehe für alle“ im Bundestag.

Was es ist – also wie ich es verstehe

Es geht also darum, das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einzuräumen, oder? Warum hat die Frau Merkel dann mit „Nein“ gestimmt? Weil die „Ehe“ laut Grundgesetz Mann und Frau vorbehalten sei. Übrigens ein Argument der Gegner der „Ehe für alle“. Die AfD schreibt schon eifrig an der Klageschrift. Auch irgendwie verrückt, weil doch AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel bekennende Lesbe ist. Hat die eigentlich mal jemand nach ihrer Meinung zur„Ehe für alle“ gefragt?

Geht es denn nicht eigentlich um Integration oder besser: Gemeinschaft und Gleichheit. Der Begriff „Ehe für alle“ lässt dies zumindest vermuten. Alle? Irgendwie ist dieser Begriff ja immer noch inkorrekt. Schließlich darf weiterhin nicht einfach jeder jeden heiraten, zum Beispiel Geschwister einander. Aber das sind Einzelfälle, vielleicht führt diese Diskussion einfach zu weit.

Tatsächlich ist das Thema Adoption sehr komplex und voller Einzelschicksale. Im Rahmen der „Ehe für alle“ entfacht unter anderem gerade die Diskussion, dass lesbische Frauen bei der Stiefkindadoption benachteiligt sind: 
Bei Kindern, die in eine Ehe hineingeboren werden, ist der Ehemann der zweite rechtliche Elternteil des Kindes, gleichgültig ob er tatsächlich der biologische Vater des Kindes ist oder nicht. Aber diese Vorschrift ist nicht um die „Ehefrau der Mutter“ erweitert worden. Die Lebenspartnerin der Mutter kann deshalb weiterhin nur im Wege der Stiefkindadoption der zweite rechtliche Elternteil des Kindes werden.
Klingt kompliziert und bürokratisch – und ist es auch.

Und was ist eigentlich mit den Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen können oder wollen? Bei Facebook zum Beispiel kann man sein Geschlecht inzwischen ja auch selbst definieren. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hat ein Positionspapier „Regenbogenfamilien im Recht“ entworfen, um möglichst viele Menschen zu integrieren. Persönlich bin ich mit diesen vielfältigen Identitätsausprägungen überfordert. Menschen sollen leben wie sie möchten, solange sie niemandem dabei schaden. Aber brauchen wir dazu wirklich so viele Label und werden wir jemals alles abbilden können? Doch ein Schritt nach dem anderen. 

Die Ehe als emotionales Konzept

Am Anfang war das Wort. So heißt es ja auch in der Bibel. Hatte ich gesagt, dass ich durchaus gläubig bin, wenngleich auch die Bibel nur von Mann und Frau als Paar spricht? Jedenfalls ist das Wort „Ehe“ für viele ein Signalwort. Für manche ist es heilig, für andere eher die Hölle. Die einen legt es in Fesseln, die anderen haben das Gefühl durch sie ihren Platz zu finden und anzukommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Homosexuelle gibt, die jetzt etwas panisch reagieren. Diese neue Möglichkeit kann eben auch für Druck und Zugzwang sorgen. Immer schön geschmeidig bleiben lautet hier die Devise. Abgesehen davon, dass nicht alle, die heiraten können, es auch tun oder tun sollten, wird die erste gleichgeschlechtliche Eheschließung wohl kaum vor dem 1. November 2017 stattfinden können. 

„Ehe für alle“ – was es für mich persönlich (und eigentlich alle) wirklich ist

Der Beschluss der „Ehe für alle“ ist doch vor allem eins: ein weiterer Schritt für mehr Gleichberechtigung und Toleranz. Nicht mehr und nicht weniger. Der Gesetzesentwurf mag nicht perfekt sein. Es wird immer Bedenken von unterschiedlichen Seiten geben. Wir können uns fragen, gar wundern, warum Kanzlerin Merkel gegen die „Ehe für alle“ stimmte, obwohl sie die Lockerung des Adoptionsrecht befürwortet. Und es ist auch klar, dass noch lange nicht alles geregelt, integriert und manifestiert ist. Es geht auch nicht nur um gleichgeschlechtliche Paare und deren Rechte in meinen Augen. Es gibt noch so viele Menschen, die benachteiligt werden und es ist gut, dass sich etwas bewegt. Und das können und sollten wir gern einen Moment feiern.

Alle.