Warum Opportunisten glückliche Menschen sind (und besser als ihr Ruf)

Unsere Autorin ist bekennende Opportunistin. Sie hat es satt, sich zu schämen für ihr Talent, glücklich zu sein. 

von Marie Stadler

Ich bin Opportunistin. Ich weiß das seit dem Tag, an dem ich mir beim EM-Endspiel 2008 zwei Minuten vor Abpfiff die deutsche Flagge von der Wange wischte und eine spanische aufmalte. Einfach, weil ich keine Lust hatte, zu verlieren. Ich lernte von meinen spanischen Freunden schnell den Satz "Mañana me casare con Fernando Torres" – auf deutsch: "Morgen heirate ich Fernando Torres", obwohl der ja gerade den deutschen Traum vom EM-Sieg zunichte gemacht hatte. War mir vollkommen wumpe, ich wollte einfach eine Spanierin sein in diesem Moment. Ich fand das extrem klug von mir. Denn ich hatte einen verdammt tollen Abend mit den Spaniern in meiner Stadt, musste nicht bei dem Rumgeheule der Deutschen mitmachen und hatte meinen internationalen Geist bewiesen. Soweit meine Meinung. Die (nicht ganz ernst zu nehmende) Meinung meines Mannes: Hätte er das vor der Hochzeit gewusst, hätte er niemals JA gesagt. Nein, so viel Opportunismus kann er nicht gutheißen. Das geht ihm zu weit, sagt er. Und ich verstehe nur Bahnhof.

Warum ich Opportunismus nicht verwerflich finde

Mal ganz ehrlich: Habe ich irgendwelche Prinzipien an diesem Tag verletzt? So ein Unsinn! Ich bin aus Zufall Deutsche, im Herzen auch ein bisschen spanisch und hatte einfach mehr Lust zu den Lustigen zu gehören als zu den Heulsusen. Klar hätte ich mich auch mit deutscher Flagge und ohne Torres-Liebesschwüre mit den Spaniern freuen können, aber so war es nunmal witziger. Ich würde mich heute nicht mehr an den Abend erinnern, wenn ich es nicht genau so gemacht hätte wie in diesem Moment. Und wir reden hier über einen kleinen Spaß auf der Reeperbahn, nicht über Wahlmanipulation oder Hochverrat! Ich glaube, solange man die Regel einhält, niemandem wehzutun und seine eigenen Ideale nicht zu verraten, ist so ziemlich alles erlaubt. Ich sehe es nämlich so: Menschen, die das Leben so nehmen und feiern wie es ist, sind mir viel lieber als alle, die immerzu beharrlich auf ihrem Standpunkt beharren und nicht davon abweichen können. 

Dein Ur-Ur-Ur-Opa war Opportunist

Woher ich weiß, dass wir alle von Opportunisten abstammen? Weil in der Geschichte der Menschheit nicht die Sturrsten gewonnen haben, sondern die Angepasstesten. Das Ganze nennt man Darwinismus. In diesem Sinne hab ich direkt auch mal drei Kinder in die Welt gesetzt und erziehe sie zu glücklichen Opportunisten. Ich sage ihnen, dass der Kopf rund ist, damit man auch mal seine Meinung ändern kann. Ich erkläre ihnen, dass es der Welt guttut, wenn sie so leben, dass es sie selbst und andere glücklich macht. Und ich würde ihnen ohne mit der Wimper zu zucken eine spanische Flagge auf die Wange malen, damit sie einen schönen Abend haben. Zur Beruhigung aller: Die Kleinen haben zum Glück einen Vater, der sie ihnen wieder abwischen würde.

Kehrt vor eurer eigenen Tür

Gestattet mir noch ein mahnendes Wort zum Abschluss: Ehe sich nun alle Fußballfans zusammenrotten und mir mit der Ausbürgerung drohen, überlegt euch gut, ob ihr nicht im Glashaus sitzt. Sind wir letzten Endes nicht alle ein bisschen opportunistisch? Zum Beispiel wenn wir "Fridays for future" gut finden und einen SUV fahren? Wenn wir bei "Ein Schweinchen namens Babe" heulen und dabei ein Wurstbrot futtern? Wenn wir Body Shaming hassen, aber unsere eigenen Röllchen nicht ausstehen können? Es gehört wohl ein wenig zur Natur des Menschen, den Kopf in Richtung Sonne zu strecken. Ich tue es jedenfalls. Denn ich bin Opportunistin und gebe das gerne zu. 

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