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Umarmungen helfen Männern nicht Niemand braucht eine weitere Generation emotionaler Wracks mit Penis

Umarmungen unter Männern: Höchstens mal zur Begrüßung
Umarmungen unter Männern: Höchstens mal zur Begrüßung.
© theartofphoto / Adobe Stock
Umarmungen sind stressmildernd – zumindest bei Frauen, wie eine Studie kürzlich feststellte. Männer, umarmt euch endlich.

Im Fachjournal "PLOS ONE" wurde kürzlich eine Studie veröffentlicht, nach der bereits eine kurze Umarmung dabei helfen kann, in stressigen Situationen zu entspannen. Zumindest kann es Frauen helfen. Männer, auch bekannt als das "starke" und emotional offenbar unterentwickelte Geschlecht, blieben von der liebevollen Umarmung gänzlich unberührt. Ein daran beteiligter Forscher äußerte die Vermutung, dass die unterschiedliche Sozialisation der beiden Geschlechter ein möglicher Grund für die (ausbleibende) Reaktion sein könnte. Herrje, können wir bitte einmal kurz über diese Ergebnisse nachdenken?

"Der Mann" ist ein emotionales Wrack

Als jemand der Geschlecht mehr als etwas Anerzogenes sieht, denn eine festgelegte Check-Liste an Persönlichkeitsmerkmalen, derer sich kein Mensch entziehen kann, bin ich bei Studien mit dem Ergebnis "der Mann ist so und so, die Frau ist so und so" immer etwas skeptisch. So auch in diesem Fall, schließlich ist die Studie mit 38 untersuchten Liebespaaren auf mehreren Ebenen alles andere als repräsentativ. Und trotzdem triggert mich das Ergebnis als Mann enorm – denn ich bin nicht überrascht. 

Denn was ist denn "der Mann"? Hierzu hatte ich kürzlich ein sehr interessantes Interview mit Julian Witzel, der dieser Frage und dem jungen weißen Mann sogar ein ganzes Buch gewidmet hat. Und ich stimme seinen Gedanken zu: So richtig ist sich darüber kaum ein Mann klar. Was ihn für viele Menschen auszumachen scheint, ergibt sich aus der Abgrenzung vom "Anderen", im binären Geschlechtssystem ist das dann "die Frau". Wo sie weich ist, ist er hart, wo sie schwach ist, ist er stark, wo sie emotional ist, ist er – ein Wrack. Und schaue ich für einen Moment aus meiner recht jungen und "woken" Blase, erkenne ich immer wieder mit Schrecken, dass dieses Bild kein verstaubtes Relikt aus der Vergangenheit ist, sondern noch immer gelebt – und weitergegeben – wird. 

Neulich berichtete mir mein Liebesbeziehungsmensch, wie er:sie folgende Situation miterlebt hat: Ein Junge erzählte seinem Vater von einem mitnehmenden Erlebnis des Tages. Der Vater, ganz der "starke Mann", fragte nur: "Und hast du geweint? Da hast du bestimmt geweint, oder?" Der Junge, irritiert, antwortete: "Ja, hättest du nicht geweint, wenn dir das passiert wäre?", woraufhin der Vater wie aus der Pistole geschossen zurückgibt: "Nein. Männer weinen nicht. Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz." Was ja nun wirklich eine Antwort ist, die auf so vielen Ebenen (Sexismus, Rassismus, toxische Männlichkeit, um nur ein paar zu nennen) falsch ist, dass mir ganz schlecht wird. Leute, es ist 2022, ist das sein Ernst? Ist das unser aller Ernst?

Ich umarme, du umarmst, wir sollten umarmen

Während Menschen aller Geschlechter in der Kindheit (hoffentlich) oft und innig umarmt werden, scheint die Umarmungskultur in den späteren Jahren bei den Menschen, die einen Penis zwischen den Beinen hängen haben, nach und nach auszusterben. Das fängt bereits bei der Begrüßung an: Da gibt’s einen Check mit der Faust, einen möglichst laut klatschenden Handschlag (im Zweifel wird er wiederholt), für manche reicht ein freundlicher Händedruck oder auch nur ein Zunicken. Umarmungen? Nee, danke. Nun bin ich selbst auch nicht unbedingt ein Knuddelbär. Aber ich umarme meine Freund:innen zur Begrüßung, egal, welches Geschlecht sie haben. Und sie umarmen mich zurück, auch unabhängig ihres Geschlechts.

Bitte, Leute, bitte besonders ihr Männer: Umarmt euch, wenn es euch nicht gut geht! Es ist so eine einfache Geste. Wenn ich einen männlichen Freund vor mir habe, der in einer stressigen Situation ist, dann bringe ich keinen sexistischen, rassistischen und toxisch männlichen Spruch – ich nehme ihn in meine Arme, wenn er das denn auch möchte. Wie kann eine so simple menschliche Geste so vollkommen abtrainiert von einer Gruppe von Menschen sein, dass sie so gar nichts mehr dabei spüren? Ich für meinen Teil möchte nicht noch eine Generation emotionaler Wracks mit Penis. Also liegt es an uns allen eine liebevolle und doch so wichtige Geste wie die Umarmung auch für die Männer zu etablieren. 

Kinder sollen mit dieser Selbstverständlichkeit aufwachsen können, besonders Jungs, aber auch die älteren Generationen sollen sehen: Eine Umarmung ist etwas Wundervolles, kein Zeichen von "Schwäche", kein "Frauending", sondern ein Menschending, das jedem einzelnen menschlichen Wesen auf dieser Welt guttut. In diesem Sinne: Fühlt euch in den Arm genommen.

Verwendete Quellen: spektrum.de, journals.plos.org

Barbara

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