Heul doch! Warum wir alle mal wieder richtig weinen sollten!

Unsere Autorin schämt sich immer ein bisschen dafür, wenn sie weint. Vor allem, wenn andere es mitkriegen. Dabei ist es doch gar nicht schlimm, wenn man mal die Heulsuse raushängen lässt! Ein Plädoyer für gepflegtes Flennen

von Tina Epking

Früher habe ich mich immer gefragt, was eigentlich mit meiner Mutter los ist, denn sie ist das, was man gerne mal "nah am Wasser gebaut" nennt. Egal, ob der Freund der Freundin der Nachbarn schwer erkrankt war, die Tochter der Verwandten von Nachbarn ein Bein gebrochen hatte oder im Fernsehen jemand starb: Sie weinte bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Damals fand ich das etwas absurd, als Teenager fast peinlich. Heute versteht niemand sie besser als ich.

Vor allem seitdem ich Mutter bin, muss ich nämlich selbst dauernd weinen. Eine Psychologin hat mir mal erklärt, dass viele Mütter besonders häufig weinen, weil Menschen mit Kindern einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen haben. Den habe ich aber grundsätzlich auch so. Was ich allerdings gar nicht mag (und auch fast nie mache): Heulen in der Öffentlichkeit oder im Beisein anderer. Ich schäme mich für Tränen. Egal, ob sie aus Wut, Trauer oder Verzweiflung entstehen, sie sind mir unangenehm. Ich habe mich vor ein paar Jahren mal im Büro in einem Druckerraum versteckt, weil ich weinen musste. Und natürlich auch schon mal auf der Toilette. Manchmal versuche ich aber auch, vor Freunden oder meiner Familie Tränen zu unterdrücken. Dabei gibt es doch Schlimmeres, als mal gepflegt ein bisschen zu flennen. Das befreit die Seele. Sieht man schon bei kleinen Kindern. Die heulen und schreien alles mal ordentlich raus – und danach sind sie wieder fröhlich. Ich bin allerdings fast 40 und weine trotzdem noch wegen Kleinigkeiten: Das ist mir peinlich.

Es sind oft Nichtigkeiten

Wenn ich weine, dann meist wegen Nichtigkeiten. Weil eine Freundin unbedacht etwas Verletzendes gesagt hat. Weil ich schon 10.000 Mal darum gebeten habe, die dreckige Wäsche nicht einfach irgendwohin, sondern in den Wäschekorb zu werfen, aber mir nie jemand zuhört. Weil es einfach so traurig ist, wenn die Schwiegermutter Sissi im Film das Kind wegnimmt und so schön, wenn sie sich wiedersehen. Neulich habe ich angefangen zu schluchzen, weil ich mich krank und müde zur Kita geschleppt hatte, um die Kinder abzuholen und dann der Schlüssel im Schloss klemmte und wir vor der Wohnungstür saßen. Weil es die kleine Sache war, die das Fass buchstäblich zum Überlaufen brachte. 

Das war eine von den Situationen, in denen meine fünf Jahre alte Tochter gesehen hat, dass ich traurig bin. Sie reagierte leicht schockiert – und vor allem sehr empathisch. Sie versuchte, mich zu trösten. Noch vor zehn Sekunden war es mir unangenehm, dass ich so neben der Spur war. Aber als sie ihre Arme um mich schlang und meine andere Tochter auch noch versuchte, uns beide zu umarmen, kamen noch mehr Tränen. Das war ein sehr schöner, inniger Moment, auch wenn das jetzt irgendwie komisch klingt. Danach haben wir gelacht, und es ging es mir besser. Es hat gezeigt, wie Nähe entstehen kann, wenn man auch mal vor anderen weint. Ich glaube es war gut, dass ich meinen Kindern in diesem Moment gezeigt habe: Es ist nicht schlimm zu weinen. Auch nicht, wenn man erwachsen ist. 

Eigentlich bin ich ganz tough

Normalerweise wirke ich nicht so, als ob ich bei allem in Tränen ausbreche. Das möchte ich nämlich nicht. Aber warum eigentlich?  Heulen ist 2017 absolut gesellschaftsfähig. Bei jeder Oscarverleihung fließt mehr Wasser auf der Bühne als täglich den Rhein runter. Auch im deutschen Fernsehen ist das Weinen vor Rührung absolut salonfähig geworden: Als Dunja Hayali zum Beispiel vergangenes Jahr ihre emotionale Rede gegen Fremdenhass mit Tränen in den Augen gehalten hat, war das nicht peinlich, sondern nur berührend. Ohnehin finde ich es bei anderen nie schwierig, wenn sie weinen. Deswegen sollte ich auch bei mir damit aufhören. Schließlich ist Heulen was ganz Wunderbares: Es baut nämlich laut Studien Stress ab. Außerdem steckt in Tränen ein Enzym, dass knapp 90 Prozent aller Bakterien vernichten kann. Und es verbindet: Gemeinsames Weinen kann sehr hilfreich sein. Selbst wenn es nur bei einem traurigen Film ist. Als ich neulich meine Tochter ins Bett brachte und ihr sagte, dass ich stolz auf sie sei, weil sie irgendwas gut gemacht hat, antwortete sie: "Ich bin auch sehr stolz auf dich, Mama!" Natürlich kamen mir da mal wieder die Tränen. Ich habe sie diesmal einfach nicht versteckt, ihr erklärt, dass ich diesmal vor Freude heule – und kurz an meine Mutter gedacht. Die hat mir schließlich mal beigebracht, dass Weinen wirklich nichts Schlimmes ist. Ich hatte es nur kurz vergessen.