Warum wir Freunde brauchen, die ganz anders sind als wir

Gleich und Gleich gesellt sich gern und oft. Das besagt zumindest der aktuelle Forschungsstand. Unsere Autorin widerspricht der Wissenschaft ja wirklich nur ungern... aber was sein muss, muss sein!

von Christine Rickhoff

Ich habe zwei Freundinnen, die mir sehr ähnlich sind. Ich liebe beide von ganzem Herzen, mit ihnen ist es immer sehr einfach, weil sie meist ganz meiner Meinung sind (selbst wenn diese Meinung völlig bekloppt ist). Mit diesen beiden Menschen fühle ich mich weniger allein, sie geben mir das Gefühl, irgendwie "richtig" zu sein. So weit, so gut. Aber laut Wissenschaft müsste mein ganzer Freundeskreis nur aus solchen Freunden bestehen. Mehrere Studien legen nämlich nahe, dass man sich automatisch zu Menschen hingezogen fühlt, die einem sehr ähneln. Angeblich konnten Wissenschaftler sogar über Ähnlichkeiten bei Hirnstrommessungen nachvollziehen, wie nah sich Personen stehen. Nun... so sehr ich all die Ich-versteh-dich-so-Momente auch genieße, wie traurig wäre es denn bitte, mich privat immer nur mit Menschen zu umgeben, deren Hirnströme meinen gleichen? Eine gruselige Vorstellung, oder nicht?

Freunde, Bekannte und all die anderen

Laut einer 2018 veröffentlichten Studie des SINUS-Instituts und YouGov hat jeder Deutsche im Durchschnitt 5,3 enge Freunde und einen Bekanntenkreis, der aus durchschnittlich 42,5 Personen besteht. Keine Ahnung, was genau der Unterschied zwischen einem Freund und einem Bekannten liegt, weshalb ich hier der Einfachheit halber mal insgesamt von "Freunden" spreche. Ich glaube, dass die Grenze auch sehr fließend ist. Was aber mindestens genauso fließt in meinem Leben: Sehr unterschiedliche Hirnströme. Zum Glück! Was bin ich dankbar um meine Freundin Susanne, die mit 52 Jahren biologisch gesehen meine Mutter sein könnte. Genauso liebe ich die Mädelsabende mit der Babysitterin meiner Kinder, die gerade ihr Abi gemacht hat und als Post-Millennial (oder wie man das nennt) oft ganz andere Ansichten hat als ich. Auch will ich um alles in der Welt nicht die wenigen mir noch gebliebenen männlichen Freunde vermissen, deren Hirnströme nicht selten komplett an meinen vorbeirattern. Na und? Klar ist das auch mal anstrengend Aber ist es nicht genau das, was Gespräche und Erlebnisse mit ihnen so interessant macht?

Diversität fängt im eigenen Leben an

Ich weiß, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, Diversität auszuhalten. Ein besonders tragisch-lustiges Beispiel sind befreundete Mütter. Offensichtlich wird man besonders engstirnig, wenn es um Dinge geht, in denen man sich selbst nicht ganz so sicher sind. Es ist viel einfacher, die Erziehungsqualitäten der anderen zu zerreißen als sich mit den eigenen auseinanderzusetzen. Was mir daran aufstößt: Warum ist es denn nicht möglich, "anders" als "auch gut" zu bewerten. Oder "anders" einfach mal gar nicht zu bewerten? Ich hatte das große Glück, direkt nach der Geburt meiner ersten Tochter in eine Krabbelgruppe zu geraten, in der das geklappt hat. Da traf überzeugte Nichtstillerin auf überzeugte Langstillerin, Vorort-Spießerin auf Hipster-Mom, treue Romantikerin auf Sexting-Queen, Mindestlohnverdienerin auf Luxusgirl, G20-Demonstrantin auf Polizistenehefrau. Und wisst ihr was? Es war herrlich! Niemand sonst hat meinen Horizont je so erweitert wie diese unterschiedlichen Frauen. Nicht obwohl sie ganz anders sind als ich, sondern genau deshalb! Die Kinder krabbeln längst nicht mehr, aber wir lieben uns immer noch. 

Der Biologie muss man ein Schnippchen schlagen

Ich sehe ein, dass es biologische Gründe dafür gibt, sich ganz bequem in einen Freundeskreis zu betten, der einen ganz bequem ständig im eigenen Sein bestätigt. Bestimmt war es in der Steinzeit eine tolle Idee, einer Sippe anzugehören, die man blind versteht. Spätestens wenn der Säbelzahntiger vor einem stand, war es wahrscheinlich eher hinderlich, erst mal über die richtige Fluchtstrategie zu diskutieren mit Menschen, die komplett anders ticken als man selbst. Nun leben wir ja aber mittlerweile in einer Welt ohne Säbelzahntiger und die Probleme unserer Zeit werden wir nicht mit sekundenschneller Flucht beheben. Deshalb lasst uns der Biologie ein Schnippchen schlagen und den "ersten Eindruck" ignorieren. Es können auch Menschen echte Freunde werden, die allein in ihrer Existenz all unsere Grundsätze in Frage stellen. Völlig wumpe, ob es ein Altersunterschied, kulturelle Unterschiede oder einfach nur ganz andere Vorstellungen von einem perfekten Leben sind, die uns "anders" sein lassen. Solange man einen Menschen um vier Uhr nachts anrufen kann, sollte es völlig egal sein, wie dessen Hirnströme fließen, wie alt er ist und wie er zur Homöopathie oder zum Brexit steht. Hauptsache, die Basis jeder Diskussion ist Respekt. Ja, genau das bedeutet für mich Freundschaft. Und es ist mir ganz egal, was die Wissenschaft dazu sagt, ich sage: Anders ist toll!


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