Was eine Notaufnahme-Schwester über die Corona-Panik denkt

Für die meisten von uns ist Corona noch ein abstrakter Begriff. Nele, Krankenschwester in der Notaufnahme eines Krankenhauses, trifft Tag für Tag Patienten. Wie geht sie mit der Angst um? Versteht sie Hysterie? Wir haben nachgefragt.

Nele, alle versuchen sich von Corona-Patienten fernzuhalten, ihr geht jeden Tag genau dorthin, wo sie aufschlagen. Macht dir das keine Angst?

Mh, Angst ist zu viel gesagt. Ich glaube auch, dass irgendwann ein Gewöhnungseffekt eintritt, Angst bleibt selten konstant hoch. Nennen wir es also besser Respekt, vor allem, da wir seit einigen Tagen keine FFP-Masken mehr zur Verfügung gestellt bekommen, sondern nur einen ganz normalen Mundschutz wie ihn auch besonders vorsichtige Menschen in Bussen tragen. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich unverantwortlich und ich kann nur hoffen, dass da schnell nachgerüstet wird.

Das klingt ja nicht wie Jens Spahns "Deutschland ist bestens vorbereitet"...

Nein, so klingt es nicht und ich würde Herrn Spahn an dieser Stelle – mit Verlaub – auch gerne widersprechen. Wir sind nicht bestens vorbereitet. Wir wurschteln uns ganz gut durch. Noch. Aber ein Gesundheitssystem, das mit dem Personal so auf Kante arbeitet, wird ein Problem bekommen, wenn wir hier irgendwann Fallzahlen wie in Italien haben. 

Gehst du davon aus, dass wir hier bald auch so viele Todesfälle haben wie in Italien?

Nein. Im Rahmen meiner Ausbildung haben wir mal eine Fahrt in ein italienisches Krankenhaus gemacht, um auch ausländische Einrichtungen zum Vergleich zu sehen. Ich war damals schon extrem erschrocken über die Zustände dort. Arbeitszeitgesetze waren schon damals längst ausgeknockt, die Pfleger schoben auch ohne Corona regelmäßig 24-Stunden-Schichten. In Italien haben wir eine noch desaströsere Situation im Gesundheitswesen als in Deutschland. Und das schlägt sich dramatischerweise letzten Endes sicher auch in Todesfällen nieder. 

Ist es deiner Meinung nach sinnvoll, dass Schulen schließen und das öffentliche Leben fast brach liegt?

Ja! Nicht, weil der Einzelne in großer Gefahr schwebt, denn das ist de facto für die meisten Menschen nicht der Fall. Es geht bei diesen Maßnahmen darum, die Dynamik zu verlangsamen. Und das ist wichtig, damit wir nicht doch irgendwann – wie in Italien schon geschehen – abwägen müssen, wen wir beatmen können und wen nicht. Wenn zu viele Patienten gleichzeitig intensivmedizinisch versorgt werden müssten, wäre das fatal. Die Maßnahmen, die Vielen vielleicht unverhältnismäßig vorkommen mögen, sind sozusagen ein Schutz unserer humanitären Werte und die empfinde ich für absolut schützenswert. Aber die Betreuung der Kinder von Pflegepersonal und Ärzten muss gewährleistet werden, auch wenn Schulen und Kitas dicht sind. Das ist klar. 

Das klingt ja doch irgendwie heftig. Kannst du die Corona-Panik der Bevölkerung verstehen? 

Total! Man hört ja auch aus allen Ecken etwas anderes und das verunsichert ja enorm. Das geht uns übrigens nicht anders... der eine Arzt hat die Meinung, der nächste eine ganz eigene. Ich hangele mich weitestgehend an den aktuellen Informationen des Robert-Koch-Instituts entlang und halte mich so gut es geht aktuell informiert. Aber auch wenn ich die Menschen, die Angst haben, gut verstehen kann, ist es mir unbegreiflich, dass jemand Desinfektionsmittel stiehlt oder ganz ohne Symptome hysterisch zum Abstrich in die Notaufnahme rennt. Das bindet Zeit und Ressourcen, die wir dringend an anderen Stellen brauchen. Pro Abstrich brauche ich mit allem administrativem Drum und Dran etwa 30 Minuten. Das ist in der Krankenpflege eine enorm lange Zeit. 

Will dich denn irgendwer privat treffen momentan?

(lacht) Geht so, aber keiner will es offen zugeben. Um ehrlich zu sein, bin ich aber auch aktuell nicht so viel privat unterwegs. Der Alltag in der Notaufnahme schlaucht momentan ganz schön. 

Wenn dir morgen Jens Spahn als gute Fee erschiene und du drei Wünsche frei hättest, welche wären das?

Erstens, dass er das Feenkostüm auszieht...

Nein, Spaß beiseite:

Ich würde mir ordentliche Schutzkleidung für Pflegekräfte und Ärzte wünschen. Außerdem Medizinstudenten, die zumindest die Telefone auf Station übernehmen, weil die permanent klingeln. Und drittens würde ich mir wünschen, dass er endlich der Tatsache ins Auge sieht, dass wir generell ein Problem haben, dass sich jetzt einfach deutlicher zeigt als sonst. Seit Jahren sprechen wir von Überforderung. Jetzt sind wir darüber hinaus. Die Krise sollte auch als Chance erkannt werden, uns insgesamt besser aufzustellen.