Weihnachststress: Weihnachten ohne Stress – macht das Sinn?

Einmal ganz entspannt durch die besinnliche Zeit kommen. Ohne Stress. Wäre das nicht schön? Unsere Autorin hat es versucht – und gemerkt: ist auch doof!


von Karina Lübke

Alle Jahre wieder nimmt man sich vor, dass es nicht wie alle Jahre wieder werden soll – nämlich derart anstrengend, dass man sich hinterher fühlt wie von einem Rudel klingelnder Pferdeschlitten im vollen Galopp überfahren.

Stattdessen: froh, friedlich und festlich! Aber dennoch mit allem, was dazugehört. Deswegen hat man im November für die Weihnachtsplanung auch noch mehr gute Vorsätze als zu Neujahr. Etwa einen wiederverwendbaren Kalender zu basteln – dafür 24 einzelne Säckchen nähen, diese dann mit goldenen Bändchen an einen weiß angemalten Zweig hängen, der mit einer LED-Lichterkette ummantelt an unsichtbaren Nylonfäden im Fenster baumelt. Auch auf dem Plan: sämtliche Geschenke früh zu kaufen, am besten abends, im Internet. Doch dann verbummelt man die Netzzeit wieder lieber auf Instagram und Youtube – und will plötzlich kleine Rentiere im Schneewald aus Zuckerguss auf Kekse malen. Sieht im Video gar nicht schwer aus. Klappt aber natürlich ebenso wenig wie die Idee, vegane Energiekugeln zu rollen statt, wie sonst immer, Vanillekipferl zu backen. Geschenke? Gucke ich später! Und schon ist der ganze Plan dahin.

Dass die Amerikaner die Weihnachtsfeiertage „Holidays“ nennen, muss daran liegen, dass man fünf Wochen Ferien bräuchte, um alles wintertraum schön herzurichten. Dabei möchte man diese magische Zeit doch eigentlich so gern intensiv genießen, statt sie nur gehetzt durchzustylen! Aber bei aller Liebe und verständlicher Sehnsucht nach perfekten Weihnachtstagen, die alles gutmachen sollen, was der Rest des Jahres zwischenmenschlich verbockt hat: Besinnlichkeit, Schnee und Frieden sind um diese Zeit selten. Wunder auch, also werde ich Ende November wieder nur den Schoko-Adventskalender kaufen. Denn bis alternativ 24 Kleinteile als Füllmaterial gefunden sind – die auch noch unter fünf Euro kosten, keine Süßigkeit und kein Radier-, Haar- oder Kaugummi sind –, sind die Nerven völlig am Ende. Und das Jahr sowieso. Natürlich werde ich mich auch wieder am letzten Samstag vor Weihnachten durch die Innenstadt drängen, um „noch ein paar Kleinigkeiten“ zu besorgen. Dazu noch Schleifenband und Geschenkpapier, die – dann doch eines der großen Weihnachtswunder – immer fehlen.

Wenn also wieder alles wie alle Jahre wieder ist: Warum sich zusätzlich noch damit stressen, sich keinen Stress zu machen? Gehört der denn nicht zur Vorweihnachtszeit wie Glühwein zum Weihnachtsmarkt?

Und: Würde ohne ihn nicht sogar etwas fehlen? Zum Beispiel wäre ohne Anspannung die Entspannung in der Rekonvaleszenzzeit „zwischen den Jahren“ nur halb so tief. Mal ehrlich: Alle haben Jahresendstress, auch Helene Fischer und die perfekt inszenierten Instagramerinnen mit ihren Zuckerguss-Rentieren und Hashtags wie #tradition #blessed #family. Da darf man sich nur nicht vom Heiligenschein der Perfektion blenden lassen! In diesem Sinne: Wenn schon Stress, dann bitte die volle Packung! Wer ohnehin vorhat, die Küche zu renovieren, backt vorher mit den Kindern. Immer noch entspannt? Versuchen Sie einfach mal, Mitte Dezember einen Friseur- oder Kosmetiktermin zu bekommen!

Die schönste Weihnachtszeit ist ohnehin die unperfekte mit perfekten Momenten zwischendurch. Etwa, das erste Mal wieder „Last Christmas“ zu hören, um sich dann die nächsten tausend Male zu beschweren, dass man es echt nicht mehr hören kann. Oder: Küsse, auch ohne Mistelzweig. Glänzende Kinderaugen, die nicht vom Fieber des letzten Schulvirus kommen.

Für eine seelisch befriedigende Advents- und Weihnachtszeit gilt im Grunde die gleiche Regel wie für guten Sex: Je weniger man auf die Außenwirkung bedacht ist, desto mehr fühlt man selbst.

Spätestens beim Baumschmücken kehrt sowieso die große Ruhe vor dem finalen Gefühlssturm ein. Dabei „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ schauen. Anschließend „Der kleine Lord“. Weinen, wenn Alec Guinness die Mutter hinter dem Weihnachtsbaum hervorzaubert. Alle verfügbaren Familienmitglieder umarmen. Und den Hund. Besinnlich etwas weiterweinen. Weil es den ganzen Stress endlich wegschwemmt. Und weil plötzlich so schnell alles wieder vorbei ist …



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