VG-Wort Pixel

Weil ich KEIN Mädchen bin – Coming-out in der Provinz

Weil ich KEIN Mädchen bin – Coming-out in der Provinz
© Getty Images.
von Barbara Remmerbach

 "Mein Name ist Leo." Für einen solch einfachen Satz hat dieser Junge lange gebraucht, denn geboren wurde er als Mädchen. Die Geschichte über ein Coming-out im allertiefsten Bayern.Es war alles andere als eine spontane Idee. Was er sagen wollte, und wie, das hatte er sich genau überlegt. Seine Eltern, sein Bruder, seine engsten Freunde wussten bereits Bescheid, nun sollten es alle anderen erfahren. An dem Morgen, an dem aus Leoni Leo wurde, setzte er sich in seinem Zimmer im bayerischen Internat an den Computer und postete diese Nachricht auf Facebook: „Ich habe mich schon lange nicht mehr mit mir selbst wohlgefühlt, und ich kann dem jetzt endlich einen Namen geben. Ich habe gelernt, dass Glück nicht von anderen abhängt und dass ich tun muss, was das Beste für mich ist. Ich kann nicht länger Tochter, Schwester oder Freundin sein, aber, verdammt, ich werde der beste Sohn, Bruder und Freund sein, der ich sein kann. Darf ich mich noch einmal vorstellen: Ich bin Leo.“ Leo wurde vor 18 Jahren als Kind deutscher Eltern in Washington geboren und wuchs als Mädchen auf. „Aber ein typisches Mädchen war ich nie“, sagt er. In Amerika gibt es einen Begriff für Mädchen, die lieber auf Bäume klettern als rosa Kleidchen zu tragen: „Tomboys“. Leo war ein typischer Tomboy, seine Eltern haben noch heute vor Augen, wie er mit fünf grimmig auf einer Ballettaufführung im rosa Tutu stand und nicht mitmachte. Und wie er mit acht auf eine Palme klettern wollte, die dafür viel zu hoch war. Aber Leo war zäh. Irgendwann hatte er sich bis zur Krone hochgehangelt. Stur, eigensinnig, zielstrebig. Wie bei allem, was Leo tut. Er denkt nach, fasst einen Entschluss und macht. Sein Facebook-Post war keine unüberlegte Aktion, der Post war folgerichtig. „Ich bin transsexuell“, sagt Leo, „und das sollen ruhig alle wissen.“ Es hat lange in Leo gearbeitet, bis er diese Wahrheit aussprechen konnte, bis er überhaupt wusste, was mit ihm los ist. „Ich war nie glücklich in meinem Körper“, sagt er. Der Leidensdruck fängt für Leo mit der Periode und seinen wachsenden Brüsten an. Während die anderen Mädchen stolz ihren Busen in engen T-Shirts präsentieren, verhüllt Leo seine Weiblichkeit unter Jungsklamotten. „Dennoch wollte ich dazugehören, wollte nicht anders sein“, sagt er. Leo lässt sich die Haare lang wachsen, kauft sich Skinny Jeans und tuscht sich die Wimpern. Er hat zwei kurze Freundschaften mit Jungs und macht mit denen das, was man eben mit 14 so macht. Gut angefühlt hat es sich nicht. Er ist unglücklich, zweifelnd und fängt damit an, sich zu ritzen. So stark, dass sein Internat keine Verantwortung mehr für ihn übernehmen will. Seine Eltern sind weit weg – der Vater ist zu dieser Zeit in Berlin, die Mutter in Buenos Aires – und glauben, ihr Kind vermisse einfach seine Eltern. Doch das ist nicht der Grund für die Selbstverletzungen. Leo schafft es aus eigener Kraft, mit dem Ritzen aufzuhören, aus Angst davor, das sichere Internatsumfeld verlassen zu müssen. Die Narben an seinen Unterarmen und Beinen sind geblieben. "This Book Is Gay" Leos Suche nach seiner sexuellen Identität führt ihn schließlich zu Mädchen. Diese Erfahrungen fühlen sich schon richtiger an. Und Leo hat Erfolg bei den Mädchen, hat bald seine erste richtige Freundin: Sophie. In der Schule denken alle, er sei lesbisch. Aber Leo ahnt: Das stimmt so nicht. Es ist Sophie, die ihm schließlich ein Buch schenkt, das sein Leben verändert. „This Book Is Gay“ heißt es. Leo findet darin Antworten auf seine Fragen, auf seine widersprüchlichen Gefühle. Lesbisch hat sich Leo auch als Leoni nie gefühlt. Sein Bauch sagte etwas anderes, und das schon seit einer ganzen Weile: Du bist nicht homosexuell. Du bist auch keine Transe. Du bist im falschen Körper. Aber erst das Buch macht es wirklich klar, schwarz auf weiß. Danach geht es Leo zuerst sehr schlecht: „Ich wollte das nicht. Ich wollte keiner dieser Transtypen sein.“ Sophie war und ist es egal, was Leo ist. Sie sieht in ihm einfach einen Menschen, der sich zu dem verwandelt, was er eigentlich ist. Sein öffentliches Outing hat der neuen Situation Freiheit gegeben. Seine Mutter sagt: „Es ist wie ein Pfropfen, der ihn verschlossen hat und nun weg ist.“ Leo lebt auf, alle wissen jetzt Bescheid – und niemand scheint sich daran zu stören. Mitschüler, Lehrer, Verwandte akzeptieren die Wandlung. Für die meisten war sie nicht wirklich eine Überraschung. Natürlich gibt es Befangenheit, das schon, aber Leo geht in die direkte Konfrontation und nimmt der Situation das Ungelenke. Ab jetzt also Leo und nicht mehr Leoni. Macht Sinn. Keine blöden Sprüche, kein Lästern, noch nicht mal blöde Fragen. Und das im tiefsten Bayern. Wie kann das sein? Er sei eine coole Socke, sagt Leos Mutter Leo ist einer, den man mögen muss. Einer, dessen Nähe die anderen suchen, der Verantwortung im Internat übernimmt. Er hat einen schnellen, trockenen Humor, mit dem er sich auch über sich selbst lustig macht. Seine Mutter nennt ihn eine coole Socke und sagt: „Leo ist so gut drauf – so beieinander und reif, der wird seinen Weg machen.“ Das bedeutet nicht, dass es leicht ist. Auch nicht für seine Eltern. Sie sind liebevoll, liberal und verständnisvoll, aber trotzdem tut es weh, wenn das Kind sich für einen so harten Weg entscheidet. Leo möchte jetzt auch äußerlich so schnell ein Mann werden, wie es geht. Er will so aussehen, wie er sich fühlt. Er will endlich diese Testosteronspritzen, damit die ungeliebte Stimme tiefer wird, das weiche Gesicht Kanten bekommt, vielleicht ein Bart wächst. Bis dahin versucht er so männlich auszusehen, wie er kann. Trägt Chinos, Hemden, Turnschuhe und Bomberjacken wie alle anderen Jungs auch. Hat ratzekurze Haare. Und drückt sich die Brüste mit einem Spezialhemd platt an den Körper. Auf den ersten Blick gelingt ihm seine Metamorphose, dennoch ist noch viel Weibliches da, vor allem im Gesicht. Leomuss noch ein paar Monate durchhalten, dann hat er ein Jahr offiziell als Mann gelebt und kann endlich mit der Hormontherapie anfangen. Das ist die Voraussetzung: ein Jahr Männerleben. Herrentoiletten, Herrenfriseure, Herrenabteilungen. Er hasst das, denn natürlich kriegen jedes Mal alle mit, dass er noch eine Frau ist. Auf dem Friseurstuhl, in der Umkleidekabine. Im Sportunterricht muss er bei den Mädchen mitmachen „Spätestens wenn ich den Mund aufmache, wissen alle Bescheid und gucken mich komisch an“, sagt er. Seine Stimme ist zu hoch, seine Schultern zu schmal, sein Hintern zu mädchenhaft. Das Internat unterstützt ihn so gut es eben geht. Aber bei den Mädchen wohnen muss er trotzdem. Auch beim Sportunterricht muss er bei den Mädchen mitmachen – er hasst diese Stunden. Wenn Leo sein Abitur hat, wird er mit der Hormontherapie beginnen. Wie weit er letztlich gehen wird, weiß er jetzt noch nicht. Er hätte später gern eigene Kinder. Wie das alles gehen soll und ob er sich irgendwann aus Teilen seiner Unterarme einen Penis bilden lässt, steht noch nicht fest: „Ich fürchte, mit meiner vernarbten Haut wird das schwierig“, sagt er nüchtern. Leos Freunde, Sophie, seine Eltern, sein Bruder – sie alle wollen ihn auf diesem Weg begleiten und unterstützen. Das ist vor allem für die Eltern auch ein Kraftakt. Der Vater spricht nicht viel über die neue Situation, Leos Coming-out war für ihn aber kein Schock – er hatte es sich schon eine ganze Weile gedacht. Er steht fest hinter seinem Sohn und sagt, er würde ihm selbstverständlich auch die nötigen Operationen bezahlen, wenn die Krankenkasse das nicht übernehmen sollte. Die Mutter kämpft mehr: „Ich trauere richtig um meine Tochter. Ich habe mir immer so sehr eine Tochter gewünscht. Aber wenn dieser Trauerprozess vorbei ist, dann feiern wir Leos Geburt als Mann.“ Der emotionale Verlust schmerzt, aber Leos Mutter vertraut auf ihr Kind – und dass seine Entscheidung die richtige ist. Neulich hat sie zum ersten Mal einer Nachbarin ihre Kinder vorgestellt und gesagt: „Das sind meine beiden Söhne Yannick und Leo.“ In dem Moment schickte ihr Leo einen Blick – danke, Mami.


Neu in BARBARA