Wenig Sex: Das rät die Paartherapeutin

Mal im Ernst: Wir hatten alle schon mal langweiligen oder zu wenig Sex – sogar mit dem Menschen, den wir lieben. Warum das kein langfristiges Problem sein muss und wie man das ändert, hat uns eine Expertin erklärt. 

von Tina Epking (Interview)

Die meisten über 40-Jährigen sind schon länger mit ihren Partnern oder Partnerinnen zusammen – was ja grundsätzlich sehr schön ist. Allerdings führt das manchmal zu einem Problem: Wenig Sex. Oder langweiligem Sex. Oder manchmal auch gar keinem Sex mehr. Ist das alles nur eine Phase? Kann eine sexlose Ehe glücklich sein? Was tut man, wenn es im Bett nicht mehr läuft? Und ist es vielleicht ganz einfach möglich, alte Leidenschaft neu zu entfachen? Wir haben die Paartherapeutin Vera Matt aus Berlin gefragt – und sehr erhellende Antworten erhalten. 

Barbara.de: Kommen oft Paare zu ihnen, die keinen Sex mehr haben?

Vera Matt: Ja, das kommt häufig vor, vor allem in langjährigen Beziehungen. Diese Paare fühlen sich sehr allein, die denken, dass sie etwas falsch machen. Dabei ist das eine ganz normale Entwicklung und logisch erklärbar. Es ist absehbar, dass solche Phasen kommen. Das hat nichts damit zu tun, dass ein Paar komisch oder prüde ist.

Aber ist es auch normal, wenn ein Paar, das lange zusammen ist, gar keinen Sex mehr hat?

Ja. Am Anfang möchte man als Paar nur allein sein, die Hormone spielen verrückt. Bei einer Computertomografie könnte man sehen, dass bei einem verliebten Paar dieselben Areale im Gehirn aktiv sind wie im Drogenrausch oder einem akuten Wahnanfall. Verliebtheit ist krass. Im Laufe der Beziehungsanbahnung ändert sich das und man fragt sich "Wer bin ich, wenn ich nicht gerade wir bin?". Das sind extreme Pole, eine gelungene Partnerschaft schwimmt zwischen diesen beiden Polen. Da ist man ganz bei sich, man ist authentisch, weiß, wer man ist, aber man hat den anderen im Herzen. Das ist ein höchst fragiles Gebilde, weil viele Paare den Überhang auf der Nähe haben, die rutschen in eine Symbiose und in eine Brüderlich- und Schwesterlichkeit hinein, die einen Teil des Problems erklärt. Dort verschwindet die Libido zugunsten der Vertrautheit. Dauerstreitereien tragen natürlich auch dazu bei, dass man keine Lust mehr hat oder wenn jemand nicht weiß, wer er ist. Die andere Möglichkeit ist, dass einer die Bestätigung, die er in der Beziehung nicht bekommt, außen sucht und sich fremdverliebt.

"Man muss sich fragen: Warum haben wir wenig Sex?"

Kann es eine Lösung sein, sich die Lust außerhalb der Beziehung zu holen?

Das muss man differenziert sehen. Es gibt Paare, bei denen funktioniert das: Solche, die schon vorher in Swingerclubs waren und Partnertausch gemacht haben. Wenn ein Paar aber streng monogam lebt und sich von außen eine Frischzellenkur für das eigene Liebesleben holen möchte, fällt ihm das meistens auf die Füße. Dann ist es oftmals Gift zu sehen, dass man vielleicht selbst nicht begehrt wird, aber der Partner andere begehrt. 

Aber was tue ich denn praktisch, wenn ich schon viele Jahre mit meinem Partner zusammen bin und es läuft nichts?

Das ist die spannende Frage. Da muss man den Kontext größer machen, sich fragen: Was ist passiert? Warum läuft nichts mehr? Warum haben wir wenig Sex? Ist Sex zur Routine geworden? Fordert der eine Sex ein und der andere will deswegen nicht? Kann es sein, dass sich die Bedürfnisse geändert haben? Kann es sein, dass der Sex als schlecht und langweilig empfunden wird? Gibt es vielleicht Machtspielchen? Es gibt ja auch einen verklärten Blick auf sich selbst, dabei gibt es in jeder Beziehung langweiligen Sex. Die Erwartungen sind oft viel zu hoch. Wenn man sich das alles fragt und weiß, was los ist, wenn man dann noch neue Praktiken, Spielzeuge, Gleitöle, Massage und Tantra und so weiter hinzufügt – dann findet man irgendwann die Lösung. 

Ist der erste Schritt also immer reden?

Zu viel reden ist allerdings auch schlecht. Es gibt Paare, die reden nur darüber. Es ist meistens ein Teufelskreis: Einer verweigert, der andere fordert, weil der Partner ihn verweigert. Da muss eine Lockerheit rein.

"Sexualität findet immer in der Spannung statt"

Aber wie kriegt man die? Wo fange ich am besten an?

Das Rezept ist zu klären, was Sexualität für das Paar bedeutet. Geht es um den Orgasmus, darum Spannung abzubauen? Oder sucht man die Begegnung. Man muss gucken, wie man sich begegnet. Bin ich nur noch Mobiliar geworden? Sieht der Partner mich noch als Mensch? Und wie selbstverständlich sehe ich meinen Partner. Wenn das so ist, ist meistens der Sex auch wenig und langweilig. Es geht nicht nur darum, netter zu sein, manchmal ist es auch heiß zu schreien. Es geht darum, vor allem authentischer und achtsamer zu sein. Darauf zu gucken, was fühlt der andere, wer ist er gerade. Sexualität findet immer in der Spannung statt, nicht in der Symbiose und nicht im Streit. Frauen wollen meistens wahrgenommen werden, die wollen eine Begegnung. Sex wird oft über Quantität abgerechnet, dabei geht es auch um Qualität. Die Nachfrage regelt den Markt, deswegen ist der schwächere der, der mehr will.

Und wenn wirklich gar nichts mehr in einer Beziehung läuft: Kann das auf Dauer funktionieren?

Es gibt Paare, die einigen sich darauf, dass sie Supereltern, ein Superteam und eine Super-WG sind. Die treten als beste Freunde auf, das kann man machen. Aber es gibt Paare, die haben einen anderen Anspruch. Deswegen ist das erste was man tun muss die Identitätsarbeit, die Wertearbeit. Was will ich hin? Wo will hin? Authentizität ist wichtig für eine Beziehung.

"Ich freue mich über jedes Paar, das frisch verliebt zu mir kommt"

Wann helfen die Fragen nicht mehr? Wann braucht man einen Therapeuten?

Ich bin dafür, dass es schon vor der Sexualkunde in der Schule Beziehungs-und Liebeskunde macht. Einfach, damit man sich über bestimmte Dynamiken im Klaren ist. Je schneller, je früher man, das macht, desto besser kennt man die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten. Ich finde es besser, wenn man frühzeitig ein, zwei Stunden macht als später zehn oder mehr Sitzungen aus dem Schmerz heraus. Ich freue mich über jedes Paar, das frisch verliebt zu mir kommt, damit es intensiv und schön bleibt.  Diese Paare wollen nicht enden wie ihre Eltern, die sich getrennt haben oder dauernd streiten. Das ist ein Trend, der weiter zunimmt. Da kann man eine ganze Menge tun, über Distanzen und Werte reden und so vorbeugen. Jedes Paar ist ja individuell und braucht individuelle Lösungen.

Apropos individuelle Paare: Es sind ja nicht immer nur Frauen, die keine Lust haben. Stimmt es, dass immer mehr Männer sich verweigern?

Ja, ich hatte letzte Woche sogar einen jungen Mann in den Dreißigern hier sitzen, der nicht mehr wollte. Frauen sind tief gekränkt und verletzt und fühlen sich unweiblich, weil sie es nicht schaffen ihn zu verführen. Das ist für Frauen extrem, weil sie es meist nicht kennen und denken, sie wären schlecht oder hässlich.

Was können Sie solchen Frauen raten?

Sie fragen, ob sie wirklich authentisch Lust auf Sex haben oder ob sie das tun, weil sie die Beziehung festigen oder die Fluchtgefahr dämmen wollen. Oft kommt dabei raus, dass sie selber keinen Bock haben, aber es andere Themen gibt. Zum Beispiel, dass der Mann sie nicht sieht, nicht aufmerksam ist oder zu viel arbeitet.

Kriegt man das wieder hin?

Klares Ja. Die Grundfrage müssen geklärt sein, dann entsteht wieder ein Spannungsfeld, eine Grundlage, um sich neu zu begegnen und zu entdecken. Dann kann auch wieder Lust entstehen. 



Vera Matt ist Paartherapeutin, Heilpraktikerin, Fachtherapeutin für klinische Hypnose, Mediatorin, Supervisorin und Coach. Sie ist seit 2000 in Stuttgart und Berlin mit ihrer Praxis für Coaching und Psychotherapie selbstständig. 


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