Wer im Regen tanzt, ist ein wahrer Held!

Na, auch schon Angst vor dem Herbst? Vor grauen Wolken, matschigen Wegen und nasskalten Tropfen, die Dir in den Nacken triefen? Nix da, sagt unsere Autorin und singt ein Loblied auf Menschen, die keine Angst vor Schmuddelwetter haben. Loblieder auf sich selbst singen, das macht man ja eigentlich auch viel zu selten.

von Marie Stadler

Ich liebe den Herbst. Wirklich. Das war schon immer so und nicht erst, seit Sommerklamotten immer auch einen offeneren Umgang mit Problemzönchen erfordert. Als Kind des Südens war ich die Hitze irgendwann einfach leid. Nach drei Monaten Sonne war ich des Sommers überdrüssig. Ich freute mich auf warme Wollsocken, gemütliche Kakaoabende und auf Regen. Ja, richtig gehört: auf Regen!

Angst vor Regen ist anerzogen

Letztens war ich bei einer Freundin. Ihre kleine Tochter klebte mit der Nase an der Fensterscheibe und sah sehnsüchtig auf die großen Pfützen, die sich stetig füllten. "Kann ich bitte bitte bitte bitte raus?", fragte sie und ich begann schon, innerlich zu jubeln. "Ach Luisa! Siehst du nicht, dass es regnet?", entgegnete meine Freundin aber genervt. DAS war es also. DESHALB mag keiner den Regen! Luisa und ich guckten beide sehnsüchtig zu der pinkfarbenen Regenhose in Größe 116 und der dazu passenden Jacke, die tatenlos am Haken herumbaumelten. "Aber wir können doch kurz ...", wagte ich flüsternd noch einen Vorstoß. "Aber Marie! Es regnet!", wiederholte meine Freundin, so als würde das hier irgendwas erklären.

Regenscheu sein ist längst überholt

Ja, die Angst vor Regen hat mal Sinn gemacht. Damals, als es weder Regenschirme, Regenjacken, Regenhosen, Gummistiefel, Hustensaft und gesetzlich geregelte Kinder-Krankheitstage gab. Als eine Erkältung noch "der Tod" genannt wurde, weil es oft darin endete und als Kleidung noch so rar war, dass es nicht drin war, die Hose einfach zu wechseln nach einem überraschenden Guss. Aber so ist es heutzutage ja definitiv nicht mehr. Klar - ich versteh das. Wenn ich mich grade in Schale geworfen habe und auf dem Weg zu einem wichtigen Termin bin, will ich auch nicht unbedingt wie ein nasser Pudel ankommen. Aber Hand aufs Herz - wir scheuen den Regen doch auch, wenn es völlig Wurst ist, wie wir danach aussehen.

Schnee ist auch nur die kalte kleine Schwester vom Regen

Ganz anders sieht es aus, wenn es schneit. Kaum ist das Wasser, das vom Himmel kommt, gefroren, flippen alle aus. Dabei ist Schnee doch auch irgendwie nichts anderes als Regen, wenn man mal ganz ehrlich ist. Aber nix da - Schnee wird geliebt. Weil man dann ja so schöne Dinge machen kann. Schneemann bauen und so. Echt jetzt, seid ihr mal bei Regen durch den Wald gelaufen? Habt ihr mal bei Regen den Zoo besucht, ward ihr mal im Freibad, am Strand oder in einem Tretboot, wenn es pladdert? Ich wage jetzt einfach mal die Behauptung, dass ihr überrascht wärt, wie cool das ist. Gegen das Prasseln auf Baumblättern, menschenleere kilometerlange Strände und einen beherzten Sprung in eine Pfütze ist der Schneemann jetzt auch nicht das Ultimo!

Wofür sind wir die Könige der Funktionsklamotte?

Uns Deutschen erkennt man im Ausland angeblich daran, dass wir so praktisch gekleidet sind. Voll outdoor. Gepaart mit der Angst vor Regen ist das aber doch irgendwie einfach nur peinlich, oder? Mit Prada-Highheels, Armani-Kleidchen und Louis-Vitton-Täschchen hätten wir ja wenigstens noch ne halbwegs passable Ausrede. Aber Berlin ist nicht Rom. Und Prada nicht North Face. Ich fänd es ja super, wenn man uns in Zukunft daran erkennt, dass wir die sind, die im Regen tanzen. Dann bin ich auch bereit, stolz zu sein auf unsere Jack Wolfskin Jacken, unsere Trekking-Schuhe und meinetwegen sogar die wasserabweisenden Outdoor-Hosen. Also raus jetzt! Tanzen! Im Regen! Und wenn ihr lieber unter dem Regenschirm geduckt ins Museum geht: Zieht Euch doch wenigstens ein hübsches Kleidchen an...