Wie ein Mönch mir half, dem Tod zu verzeihen

Was tun, wenn das Leben von einem Tag auf den nächsten ein anderes ist, fragte sich unsere Autorin nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters. Anhalten? Weitermachen? Weglaufen? Die Veränderung umarmen, sagte man ihr. Eine Asien-Reise als Selbstversuch.

von Carla Cabeus

Es gibt Zeiten im Leben, da hören die Gedanken einfach nicht auf zu kreisen. Irgendwo dort im Nebel zwischen Kopf, Herz und Bauch tauchen immer wieder die gleichen Fragen auf – aber nie die dazu passenden Antworten. Alles ist unsicher. Eine endlose Suche, die zum anhaltenden Krampf wird, auch körperlich: Blockierte Schultern, Schmerzen im Magen, Tag und Nacht glühende Nervenbahnen. Plötzlich ist da dieses Gefühl, mich zwischen all dem Ungelösten verloren zu haben. Ja, ich vermisse mich.

„zul. Online gestern um 11:04“. Es sind keine 24 Stunden vergangen, seitdem meine Welt für immer eine andere ist. Und jetzt? Weiter, immer weiter, irgendwas tun. Arbeiten, Sport, Freunde treffen. Mein Hirn besitzt keine Software fürs Anhalten. Dabei fühle ich mich doch verpflichtet vor Schmerzen gelähmt zu sein, nicht fähig irgendwas zu tun. Jetzt, wo mein Vater nicht mehr da ist, fühle mich schuldig, unendlich schuldig, mich mit Alltagsbanalitäten abzulenken. Ihnen Wichtigkeit einzuräumen. Denn sie tummeln sich, wo eigentlich nur Trauer sein sollte: Im Kopf, im Herz, im Bauch. Kann das, verdammt nochmal, bitte mehr weh tun?

Sechs Wochen später. Am bisher dunkelsten Tag des hereinbrechenden Winters verlasse ich die graue Großstadt. Allein am Flughafen folgt der Zusammenbruch: „Verdammt, was mache ich hier?“. Die letzten ereignislosen Tage haben meine Nerven endgültig zerschlissen. Hatte weitergemacht, immer weiter, bis es nichts mehr zu tun gab und mir dann ein Abenteuer gesucht, das mir jetzt viel, viel zu groß erscheint. Eine Flucht auf die andere Seite der Erde – jetzt? Ich war tatsächlich verrückt geworden.

Der schöne Traum von "Eat. Pray. Love.“

„Reisen zu sich und anderen“ hatte mir der Reiseveranstalter mit dem exotisch anmutenden Namen Lotustravel versprochen. Und dabei einen Nerv getroffen. Denn genau jetzt hier allein am Flughafen wird mir klar: Ich habe mich verloren. Zwischen Palmenblättern und buddhistischer Philosophie will ich zurück zu mir selbst finden. Und weiß gleichzeitig: Jetzt hat er mich, der schöne Traum von Eat. Pray. Love. Julia-Roberts-Hollywood-Fernostromantik.

Der November ist ein Regenmonat auf Koh Samui. Seit Tagen rauscht es wasserfallartig auf die festen, großen Blätter des saftig-grünen Tropenwaldes, in den das Kamalaya Resort nahezu ursprünglich hinein zu wachsen scheint. Regen, so laut, dass er einen mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen kann. Ich jedoch wache am ersten Morgen meines Aufenthalts gekitzelt von Sonnenstrahlen an nackten Fußspitzen auf. Im Schlafanzug tapse ich vom Bett auf den Balkon – und sehe nichts als blauen Himmel, türkisfarbenes Meer und die grün-bunte Farbpracht der tropischen Vegetation, die in der Sonne unwirklich strahlt.

Trotz Koh Samuis Rufs als Pauschalurlaubermagnet ­­– von Touristenmassen fehlt hier jede Spur. Ganz im Gegenteil habe ich das Gefühl allein zu sein auf diesem durchsonnten Eiland. Ich bin ein kleiner Teil dieses sakralen Mikrokosmos. Mini-Villen, natürliche Pools, in den Hängen verwurzelte Yogatempel, ein dicht bewuchertes Sport- und Wellnesscenter und eine resorteigene Traditionelle-Chinesische-Medizin-Praxis (TCM), die ich allein nie als solche erkannt hätte, entdecke ich bei einem ersten Spaziergang. Genau wie ein Café namens „Amrita“, in den altindischen Veden ein lebensverlängerndes Elixier, und ein Restaurant mit dem Namen „Soma“, was aus dem Sanskrit übersetzt „Rauschtrank der Götter“ bedeutet. Organisch fügt sich all das in die Hänge der leuchtend grünen Steilküste, die in eine paradiesische Bucht mit weißem Sandstrand mündet. Ein flaches, scheinbar ständig schlafendes, Korallenriff. Das gleißende Sonnenlicht, die türkisblaue Bucht, die exotische Geräusch- und Geruchskulisse und diese über alledem liegende Ruhe: „Surreal!“, denke ich während ich auf der hängenden Terrasse des Somas meinen Blick über das Areal schweifen lasse.

"Embracing change" – zu deutsch: Umarme die Veränderung. Dies ist der Titel meines von buddhistischen Coaches und Heilmedizinern begleiteten Programms, das ich hier in der nächsten Woche durchleben werde. Denn nicht nur ein Jobwechsel, ein Umzug oder eine Trennung gilt hier als Lebenswandel. Auch der Tod wird im Kamalaya als einschneidende Veränderung betrachtet. Und ihn zu umarmen wird wohl, wenn überhaupt möglich, die größte Herausforderung meines bisherigen Lebens sein.

Kein Begriff für Trauer

Am ersten Tag meines Aufenthalts erklärt mir meine Wellness-Trainerin, wie man im Kamalaya dem erhofften Neubeginn begegnet. Marissa, eine um die vierzigjährige Kanadierin lacht so warm, dass es mir leicht fällt, ihr vom Grund meines Besuchs zu erzählen. „Grief“ fasst sie verständnisvoll meine Ausführungen zusammen. Barfüßig in ihrem tropenhölzernem Büro sitzend, begegnet mir das erste Mal in meinem Leben der englische Begriff für Trauer. Von nun an wird er für immer Teil meines Wortschatzes sein. Die siebentägige Reise zurück zu mir, so kündigt es mir Marissa an, bestehe aus einer Mischung aus Yoga und Meditation, fernöstlichen Kopf-Hand-Fuß- und Ganzkörpermassagen, einer eigens auf mich abgestimmten Bachblüten-Medikation, chinesischer Akupunktur und einer Art Gesprächstherapie mit einem in Indien ausgebildetem Mönch. Ein bis zum Rand gefüllter Soul-Cocktail, der sich nahezu der gesamten Klaviatur alternativer Heilmethoden bedient. „Vielleicht zu viel Entspannung um zur Ruhe zu kommen?“, fragte ich mich bei Übergabe meines mit Terminen durchstromten Tagesplans. Ich lasse es auf mich zukommen.

Ein Schrei nach Stille

Doch tatsächlich: Die ersten zwei Nächte im Kamalaya schlafe ich trotz zahlreicher Massageanwendungen, Yoga und der Ruhe des Ressorts weiterhin schlecht. Ja, mehr noch: Ich bin aufgewühlter als je zuvor. Pausenlos drehen sich meine Gedanken. Rechte Seite, linke Seite, rastlos wälze ich mich hin und her und es kommt hoch, was ich mit aller Kraft unter Kontrolle behalten will. Laut wie nie zuvor schreit es nach Stille in mir. Je stärker der Ruf wird, desto tosender der Rausch der Gedanken. Bis wir am dritten Tag mit traditioneller chinesischer Akupunktur beginnen.

Bernie, mein persönlicher TCM-Arzt, spricht ein sympathisch verwaschenes Aussie-Deutsch. „Duuuu“, flötet er, während er mir eine Nadel in mein linkes Knie klopft. Ein Blitz in meinen Fuß lässt mich zusammenzucken. „Energieentladung“, wiegelt Bernie ab. Beflissen tastet er weiter und stellt mit entrücktem Blick fest: „Du versuchst grade mit aller Kraft deine Boarders, wie sagt man, deine Grenzen zu schützen, oder?“. „Ja“, sage ich überrascht, so hatte ich es noch nicht betrachtet, doch es traf zu. „Du hast das Gefühl du weißt nicht mehr, was gut oder schlecht für dich ist, richtig?“. Richtig. Bernie kann tatsächlich die Sprache meines Körpers lesen. Er schreibt ein Protokoll und reicht es später weiter für die nächste Behandlung.

Denn in der Dämmerung des gleichen Abends treffe ich das erste Mal auf meinen mir zugedachten Mentor. Sujay, ein selbst noch junger Mann mit braun-milchiger Haut und rabenschwarzem Haar, erzählt mit lebensfrohen, blauen Augen, weshalb er hier ist. Schon als 14-jähriger wusste er, dass er den Menschen zeigen will, was er nach einem Streit mit einem Freund über den Schmerz gelernt hat. Bevor er ins Kamalaya kam, reiste er als Mönch einige Jahre durch Indien, um sein Wissen über den Menschen, die Liebe, und den Schmerz zu erweitern.

Die Sonne vor Sujays Behandlungszimmer sinkt viel schneller ins Meer als Zuhause. Gemeinsam gehen wir in seine kleine, klimatisierte Praxis. Ein Kämmerchen, mit einem Liege-Sessel, einem Schreibtisch und zwei Stühlen. Auch Sujay bittet mich meine Geschichte zu erzählen. Diesmal habe ich keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Ja, da war ein Job, der mich vergessen ließ, was ich konnte. Und eine Liebe, deren Sprache ich nicht mehr verstand. Aber am Ende dieser Reise stand der Tag, der auch all dies in den Schatten stellte: Mein Vater, der Anker in meinem Leben, war von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Es waren nur wenige Sekunden, die alles für immer veränderten. Ein einziger, heftiger Aufprall.

Er trägt meinen Schmerz mit mir

Mein Leben völlig auf links gedreht, total aus dem Ruder binnen weniger Monate. Sujay hört zu, lauscht und nickt. Und als ich mich endlich traue auszusprechen, was jedes Mal einen kalten Schauer durch die Menschen jagt, denen ich es erzähle, bleibt Sujay sanft. Er spiegelt meinen Schmerz nicht, nein. Er trägt ihn mit mir. Er nimmt, was ich sage und hält es mit seiner Sanftheit fest, statt es wegzuschicken. Ohne Druck, ohne Richtung, ohne Ziel. Meine Worte, sie hängen einfach im Raum. Zwischen uns, um uns, in uns. Ganz ohne Wertung. 

Gemeinsam üben wir in den nächsten Tagen Pranayama, eine Atemtechnik, die hilft die tosenden Nervenbahnen zu beruhigen und das Gedankenchaos zu endschleunigen. Und wir sprechen darüber, wie Schmerz entsteht. Es seien unsere eigenen nicht erfüllten Erwartungen, glaubt Sujay, und die damit einhergehenden Enttäuschungen die Hauptursache für all unsere inneren Konflikte sind. Den Schmerz in etwas Gutes zu verwandeln gelinge nur, wenn wir die Dinge annähmen wie sie sind, statt sie zu bekämpfen. Mit Veränderung zu leben, seinen Frieden mit dem Geschehenem zu finden und aufzuhören mit dem Schicksal zu hadern, bedeute zu verzeihen. Schmerz zu verdrängen führe zu Bitterkeit, glaubt Sujay, ihn anzunehmen beschere Befreiung. „Verzeih‘ ihm, dass er dich allein gelassen“, ermuntert mich mein Mentor. Und ich nehme seine Worte mit nach Hause.

„Wir brauchen die Antworten auf unsere Fragen nicht zu suchen“, gibt Sujay mir noch mit auf den Weg, „sie liegen längst vor uns“. Alles was wir bräuchten, so sagt es seine Philosophie, sei das Vertrauen, dass das Gute bereits in allem und um uns ist.

Sogar in der Veränderung.

 Das Kamalaya, ein ganzheitliches, preisgekröntes 5-Sterne Wellness- und Healing-Resort auf der Insel Koh Samui in Südthailand, wurde von einem ehemaligen buddhistischen Mönch und seiner Ehefrau gegründet. Sie wollten einen Platz schaffen, der Menschen aus der ganzen Welt zum „Zu-sich-kommen“ anzieht. Im Angebot sind spezielle Programme zu verschiedenen Schwerpunkten wie Stress & Burnout, Detox, Fitness, Gewichtsreduktion oder emotionales Gleichgewicht. „Kamalaya“ bedeutet  übrigens „Land des Lotus“.


 *Lotustravel wurde in der Zwischenzeit von FitReisen übernommen. Das Angebot bleibt erhalten.

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