Wie es sich mit einem echten Schuldenberg lebt

Isabel hat Schulden. Eher: einen richtigen Schuldenberg. Den kann sie vor anderen gut verbergen – aber eben doch nicht vor allen.

Protokoll: Nikola Helmreich

Fünfzigtausend Euro. Das ist mein Schuldenberg in Worten. Aussprechen kann ich das nur in Gedanken. Müsste ich jemandem dabei in die Augen gucken, könnte ich den Blick vor Scham nicht halten. Denn: Für meine Schulden bin einzig und allein ich verantwortlich. Meine eigene Dummheit hat mir das eingebrockt. Mit 22 zog ich für mein Studium von der Klein- in die Großstadt. Ich hatte ein kleines Einkommen, bekam BAföG – und die ersten Kreditkarten.

Alles auf Pump

Mein WG-Zimmer musste eingerichtet werden, ich genoss das Studentenleben, ich verreiste, alles auf Pump. Irgendwann verlor ich den Überblick, machte aber weiter, gab Geld aus, das ich nicht hatte. Wird schon wieder, dachte ich. Dachte ich überhaupt? Dann brauchte ein Freund Hilfe. Ich unterschrieb einen Vertrag für ihn – mit einer Transportfirma, die seine Sachen aus Japan überführen sollte. 12 000 Euro kostete das. Irgendwann war der Freund weg, zahlte seine Raten nicht mehr, und das Fass lief über.

Und dann ging alles von vorne los

Als der Gerichtsvollzieher das erste Mal klingelte, wurde mir schwarz vor Augen. Ganz nett und ruhig erklärte er mir meine Möglichkeiten: Ratenzahlung, Offenbarungseid, also das Offenlegen meiner Zahlungsunfähigkeit – oder Haftbefehl. Ich geriet in Panik und vereinbarte eine Rückzahlung in Raten, die ich unter Schock viel zu hoch ansetzte. Schon nach zwei Monaten konnte ich nicht mehr bezahlen, und alles ging von vorne los. Da war ich Mitte 20.

Ich hatte einfach nur Angst

Briefe öffnete ich irgendwann gar nicht mehr, leerte noch nicht einmal den Briefkasten. Es fiel mir sogar leicht, das alles phasenweise zu vergessen. Völlig naiv dachte ich, das Problem würde von allein verschwinden. Vielleicht würden die Gläubiger mich sogar vergessen. Es war einfacher, als mich darum zu kümmern. Das tat ich erst, wenn der Gerichtsvollzieher wieder vor der Tür stand. Weil ich nie wusste, wann das sein würde, ließ ich Freunde nie bei mir übernachten. Eines Tages rief mich mein damaliger Chef in sein Büro. Er teilte mir mit, dass ein Teil meines Gehalts gepfändet wurde. Ein halbes Jahr später kündigte ich. Ich konnte ihm nicht mehr unter die Augen treten, dachte ständig, alle wüssten Bescheid und würden über mich reden. Ich hatte Angst, sie würden alles, was ich tue, infrage stellen, mir nichts mehr zutrauen – ich hatte ja mein Leben nicht im Griff!

Licht am Ende des Tunnels

Mittlerweile bin ich auf dem richtigen Weg. Endlich. Ein Freund half mir dabei, mich zu sortieren. Ich zahle monatlich 500 bis 600 Euro ab, führe Buch und freue mich, wenn ich einen Posten abhaken kann. Aber der Weg ist noch weit. Ich bin jetzt 34. Etwa 37 000 Euro sind noch offen.

So richtig bewusst wird mir das immer, wenn ich jemanden kennenlerne: Sag ich es, oder sag ich es nicht? Und: Wann sag ich es? Vor dem Moment, wenn ich wieder mal alles beichten, mich emotional nackig machen muss und Gefahr laufe, bewertet und vielleicht auch verurteilt zu werden, habe ich Angst. In den Augen meines Partners klein, hilflos, naiv und bemitleidenswert zu wirken ist das Härteste für mich.

Schulden sind unsexy

Negativ geprägt hat mich da meine vorletzte Beziehung: Nach etwa eineinhalb Jahren sprachen wir davon, zusammenzuziehen. Er organisierte eine Besichtigung und wollte unsere Schufa-Auskünfte mitnehmen. Mein Herz blieb fast stehen. Ich musste beichten, zitterte am ganzen Körper, weinte viel und schämte mich. Und er: schwieg. Einige Tage später trennte er sich von mir. In meinem Kopf manifestierte sich Folgendes: Schulden sind unsexy – und ich habe versagt.

Es ist paradox

Lernt man mich kennen, bin ich die, die alles wuppt, die anpackt, voller Kraft und Energie. Diese Frau will ich wirklich und in allen Bereichen sein. Für mich und auch für meinen Partner. Aber dafür müsste ich wohl beim nächsten Mann die Karten viel früher auf den Tisch legen. Das Paradoxe: Theoretisch weiß ich das. Genau wie ich damals wusste, dass man Briefe öffnen und sich um seine Schulden kümmern muss, theoretisch. Und trotzdem habe ich es sehr, sehr lange nicht getan. Dafür bezahle ich heute – und die nächsten Jahre.

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