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Wochenendbeziehung Endstation Liebe?

Frau einsam auf einer Schaukel
© Antonio Guillem / Shutterstock
Jede zweite Woche dasselbe: ein Abschied am Gleis. Unser Kolumnist führt seit drei Jahren eine Fernbeziehung und nimmt uns diesmal mit in die Bahn. Abfahrt!

Blick aus dem Fenster, das sich nicht öffnen lässt. Sitze im Zug, mal wieder im Zug in die falsche Richtung. Hin zu mir nämlich, und weg von dir. Je näher ich meinem Zuhause komme, desto weiter entferne ich mich von deinem. Berlin, Hamburg, Hamburg, Berlin. Jedes zweite Wochenende. Mit. Der. Bahn.

Sänk ju for träwelling – darüber mache ich mich schon lange nicht mehr lustig.

Auch nicht über die Klamotten, in denen Zugbegleiter lange Zeit aussahen, als wären sie darin geschrumpft. Die neuen dunkelblauen Uniformen sind geschmackvoll wie das Essen im Bord-Bistro auf meinem Hinweg. Auf dem Rückweg ist alles grau, habe ich keinen Hunger, gibt es höchstens mal ein Bier. Oder zwei.

Ist doch keine Strecke, sagen Freunde. Ginge doch auch schlimmer, viel schlimmer ginge es. Könnte in Frankfurt wohnen, in München oder Stuttgart. Das wäre fies. Auch wegen der Distanz. Und überhaupt: Sich länger nicht zu sehen, das habe auch Vorteile. Sagen Kumpels, die zu Hause nur Zeit für sich haben, wenn sie auf dem Lokus sitzen.

Heuballen liegen auf den Feldern, sehen aus wie auf den Rand gedrehte Dame-Steine. Spielen neuerdings Schach, nicht sehr gut, aber mit Leidenschaft. Was ist unser nächster Zug? Du zu mir oder ich zu dir? Meine nicht die nächste Fahrt im ICE, mein Schatz. Meine den nächsten Schritt: zusammenziehen. Wenigstens in dieselbe Stadt. Sind beide keine 20 mehr. Haben jeder eine Ehe hinter uns und neben uns zwei wundervolle Mädchen – unterschiedlich alt und mit demselben Namen. Klingt lustig, ist es auch.

Spaß fehlt uns nicht, nur die Perspektive. Nur…

Haben beide schon laut über Trennung nachgedacht, obwohl wir uns lieben. Gibt diesen Kalenderspruch mit dem Ende und dem Schrecken und dem Schrecken und dem Ende. Stimmt schon: Unsere Streits zum Beispiel wiegen schwerer durch die Entfernung. Beim Schwimmen im Fluss der Auseinandersetzungen sind die Kilometer Beton in unseren Schuhen.

Dürfen uns eben nicht festklammern. Weder aneinander beim Paddeln noch an alten Idealen. Im Leben läuft nun mal nicht immer alles nach Plan. Das weiß jeder, der viel Bahn fährt. Die richtige Partnerin selten zu sehen ist mir lieber, als jede Nacht neben der falschen wach zu liegen. Echter Nähe ist die Entfernung egal.

Björn Krause ist inzwischen Bahn-Comfort-Kunde, findet aber diese verdammten Sitze nicht …

BARBARA 51/2020

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