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Wohlwollend sein: Ein Neujahrsvorsatz, der mich an meine Grenzen bringt

Neujahrsvorsatz: Wohlwollend sein
© Getty Images
Weniger Alkohol, mehr Sport, mit dem Rauchen aufhören, nicht so viel am Smartphone rumhängen, dafür mehr Familienzeit... Alles gute Vorsätze, die maximal eine Woche vorhalten. Deswegen nimmt sich unsere Autorin, etwas anderes vor. Scheitern inklusive. 
von Linda Berger

Eigentlich halte ich Neujahrsvorsätze für totalen Bullshit. Alles, was ich mir die letzten Jahre vorgenommen habe, musste kläglich nach einer Woche als gescheitert abgehakt werden. Und trotzdem versuche ich es immer wieder. Es ist wie eine Art Ritual, das Gefühl, das unberührte Jahr ganz neu zu starten, alles andere hinter sich zu lassen, ganz so, als könnte man mit jedem Jahreswechsel auch das eigene Leben in andere Bahnen lenken, Dinge besser machen, anders bewerten, mutiger sein. Eine neue Chance auf Veränderung. Natürlich hat jeder neue Tag das Potential ein Game Changer zu sein, aber ein Jahreswechsel ist anders. Er ist Abschluss und Neuanfang zugleich, Rückschau und Perspektive. Also versuche ich auch dieses Jahr wieder, eine rauchfreie, geduldigere, entspannte und unglaublich sportliche Mama zu werden. Doch nicht nur das, ich habe mir vorgenommen, wohlwollend zu sein! Allerdings bringt mich dieser Vorsatz schon zu Beginn des neuen Jahres an meine Grenzen.

Die Streithörnchen sorgen für Aufruhr

Es ist der erste Tag nach den Ferien. Ich sitze mit meiner dreijährigen Tochter in der Bahn. Wenn wir es im morgendlichen Stress nicht vergessen, haben wir ein Buch dabei und ich lese vor. Während mein Kind also aufgeregt der Geschichte der beiden Streithörnchen lauscht, fährt mich plötzlich die Frau neben mir an, ich solle doch leiser vorlesen, sie fühle sich gestört. Völlig verdattert ob dieser aus meiner Perspektive absurden Forderung, schließlich gehöre ich als vorlesende Mama schon zur aussterbenden Spezies, senke ich meine Stimme und lese leiser, während es in mir zu brodeln beginnt. Angefangen bei: "Verbietet die jetzt den anderen Menschen auch, sich zu unterhalten?" über "Habe ich die Hörnchen vielleicht wirklich zu enthusiastisch interpretiert?" bis hin zu "Die dämliche Kuh hat mir überhaupt nichts zu sagen!". Und dann: "Linda, atme, wer weiß, was heute morgen schon in ihrem Leben passiert ist, welche Sorgen oder Krankheiten sie hat."

Wohlwollend sein könnten sich alle mal vornehmen

Seinen Mitmenschen empathisch gegenübertreten, erstmal nicht vom Schlechten ausgehen, sondern davon, dass hinter der motzigen Nachricht der besten Freundin, der Absage einer Verabredung oder verschiedenen, sich miserabel anfühlenden Lebensentscheidungen keine böse Absicht steckt. Vielleicht hat unser Gegenüber einen schlimmen Tag und will sich eigentlich nur die Decke über den Kopf ziehen, ist müde oder braucht einfach mal ein wenig Zeit für sich selbst. Bei Lebensentscheidungen wie Trennungen würde man vielleicht weniger hassen, wenn man sich bewusst macht, dass der andere auch leidet, Gefühle nicht absichtlich ausgeschaltet wurden. Vielleicht braucht es erstmal Wut, Trauer und Hass, um darüber hinwegzukommen, aber es würde vielleicht weniger anhaltend schlechte Gefühle machen, wenn man dem anderen auch zugesteht, ein Mensch zu sein. Vor allem wenn Kinder im Spiel sind. 

Die größte Challenge: Wohlwollend mit mir selbst sein

2019 war für viele ein hartes Jahr, für mich auch. Ich habe mich einmal selbst verloren und versuche nun Stück für Stück, mein Ich wieder zusammenzusetzen. Für mich ist das die größte Herausforderung meines Lebens. In vielen Punkten hänge ich fest, Ängste lähmen mich und halten mich ab, Entscheidungen zu treffen. Schlechte Gefühle und die damit verbundenen Vermeidungsstrategien hindern mich am Wachsen. Dennoch macht mich diese Zeit auch demütig, davor, wie wenig selbstverständlich ein gutes, gesundes Leben ist, und dankbar, weil ich Menschen an meiner Seite habe, die mir seit Monaten zuhören und mir Hände reichen, Menschen, die mir gegenüber genau das sind: wohlwollend. Vor allem, weil ich mir selbst gegenüber überhaupt (noch) nicht wohlwollend bin, Dinge auf die Spitze treibe und sehenden Auges in die Kreissäge renne. Das übe ich jetzt aber, mir zu erlauben, Fehler zu machen, die Verantwortung für andere abzugeben, mir mehr zuzutrauen, Rückschritte zu akzeptieren und auch schlechte Gefühle ab und an auszuhalten. Ich bin ein Mensch und keine Maschine, die nach Schema F abläuft, sondern unperfekt, wie jeder andere auch. Und solange ich nichts moralisch verwerfliches tue, dürfen mir andere auch gern genau das zugestehen. So wie ich es auch versuche.

Fazit: Gut Ding will Weile haben

Mir vorzunehmen, an meiner eigenen Einstellung und mir selbst zu arbeiten, ist vermutlich das Beste, was ich tun kann. Nicht, weil es leicht ist, oder leichter durchzuhalten, sondern weil ich jeden Tag aufs Neue damit anfangen kann, scheitern gehört dazu. Trotzdem demotiviert es mich nicht, wie es beim Sport vermutlich der Fall wäre. Ich übe das jetzt, jeden Tag aufs Neue, an den Menschen, die mich um Geld in der Bahn bitten, an meinen Kollegen, Kindern, Freunden und allen anderen. Ein bisschen mehr Wärme statt genervtes Brodeln. Wenn wir alle wieder mehr davon ausgehen, dass jeder Mensch erst einmal gut ist, vielleicht würde das ja ganz viel mit uns machen. 


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