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Zeitforscher im Interview "Zeit gibt es eigentlich gar nicht "

Zeitgefühl: Sanduhr
© Min C. Chiu / Shutterstock
Nichts gibt unserem Leben mehr Struktur als diese Erfindung, die wir verfluchen, wenn morgens der Wecker klingelt. Dass uns aber ganz viel fehlen würde, fiele dieser Rhythmus weg, erklärt Zeitforscher Jürgen P. Rinderspacher.
von Jessica Braun

BARBARA: Herr Dr. Rinderspacher, tragen Sie eine Uhr oder haben Sie ein so gutes Zeitgefühl, dass Sie keine brauchen?

Herr Dr. Rinderspacher: Ich habe beides. Für konkrete Verabredungen wäre mir ein Leben ohne Uhr zu unsicher, auch weil ich es wichtig finde, pünktlich zu sein. Das ist eine Frage der Höflichkeit, die Zeit des anderen zu achten.

Zeit ist ja eine Einheit, die unsere Tage ordnet, Struktur in unsere Leben bringt. Aber was genau ist eigentlich das Zeitgefühl?

Es ist nicht angeboren, sondern das Ergebnis eines langen Sozialisationsprozesses. Bei Babys beginnt dieser etwa, wenn von den Eltern regelmäßige Zeiten fürs Füttern vorgegeben werden. Später dann in Kita und Schule lernen die Kinder, jegliche spontanen Bedürfnisse zugunsten zeitlicher Vorgaben aufzugeben. Man richtet sich mehr und mehr nach der Außenwelt. Daneben gibt es aber noch eine andere Art von Zeitgefühl. Dafür benötigt man keine Uhr, aber Empathie, etwa um in Gesprächen zu wissen, wann man mal eine Pause machen muss, damit der andere auch zu Wort kommt, oder wann ein Telefongespräch zu Ende ist. Auch das ist nicht angeboren, sondern im Umgang mit anderen erlernt.

Was hat es mit der oft zitierten inneren Uhr auf sich? Ist die der vorherrschende Taktgeber?

Dabei handelt es sich um komplexe biochemische Prozesse in den Zellen, die alle möglichen Funktionen in unserem Körper beeinflussen. Zum Beispiel die Körpertemperatur, wie wach oder müde wir uns fühlen oder wie gut wir Essen verwerten. Ich glaube, dass wir neben diesen biologisch-chemisch getriebenen Rhythmen aber auch durch unsere sozialen Kontakte getaktet werden: Die Menschen, mit denen wir leben und arbeiten, funktionieren ebenfalls als Zeitgeber. Wir vergleichen uns mit ihnen und passen uns ihrem Rhythmus an. Als Student fand ich es beispielsweise schwierig, morgens zur Arbeit zu gehen, während meine WG-Mitbewohner alle noch schlafend im Bett lagen. Oder nehmen Sie die Zeitumstellung: Die fällt einem leichter, weil sie alle betrifft.

Gibt es überhaupt noch Kulturen, die völlig anders ticken als unsere?

Nur ganz selten. Im brasilianischen Urwald lebt angeblich ein Stamm in einer Region, in der bei Tag viele Mücken unterwegs sind. Weil das so schwer auszuhalten ist, haben die Menschen dort ihre Aktivitäten in die Nacht verlagert. Man könnte sagen, sie haben sich alle gemeinsam dem Rhythmus der Mücken untergeordnet.

Klingt irgendwie schöner als unser Nine-to-five-Rhythmus.

Der uns aber Orientierung gibt. Was passiert, wenn wir die verlieren, haben wir in dem Ausnahmezustand der vergangenen Wochen erlebt. Jede Krise, ob das nun eine Pandemie ist oder eine persönliche Krise wie eine Trennung oder der Jobverlust, bringt einen meist auch zeitlich aus dem Takt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den 30er-Jahren wurde eine Studie im österreichischen Marienthal durchgeführt, ein Industriedorf mit einem großen Stahlwerk. Als dieses schloss, wurde fast das ganze Dorf von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Wahrscheinlich hatten die Menschen zuvor über ihre langen Arbeitszeiten geflucht. Ohne diese fehlte ihnen aber die Orientierung. Ihre Welt war wie auf den Kopf gestellt. Mit der Zeit fanden sie andere Taktgeber, die Fütterung der Tiere zum Beispiel. Aber die Umstellung war schmerzhaft, ein langwieriger Prozess.

Mehr Zeit ist also nicht immer ein Geschenk?

Nein. Zeitfragen sind immer auch Sinnfragen. Dem Leben einen Sinn geben heißt ja nichts anderes als: Womit verbringe ich meine Lebenszeit? Geld allein macht nicht glücklich. Dasselbe gilt auch für die Zeit.

Statistisch gesehen haben wir viel mehr Freizeit als unsere Großeltern. Trotzdem klagen wir wie keine Generation vor uns über zunehmenden Stress. Wie geht das zusammen?

Früher war man vielleicht insgesamt mehr Stunden im Büro, aber wenn zum Beispiel jemand Geburtstag hatte, wurde dort einen halben Tag lang gefeiert. Heute besteht ein Arbeitstag aus acht Stunden viel intensiverer Arbeit. Um das abzufedern, genügen acht Stunden Erholung oft nicht mehr. Die Folge sind wachsende Krankenstände und zunehmende Frühverrentung. Gleichzeitig gibt es ein gesteigertes Anspruchsdenken, was in der Freizeit alles passieren muss: hier der Fitnesskurs, da ein Theaterbesuch, und die Kinder werden zum Fußballtraining oder Klavierunterricht durch die halbe Stadt gefahren. Der Versuch, durch besonders intensive Planung mit dem Zeitproblem umzugehen, führt nur dazu, dass die Zeit noch knapper wird. Sie scheint einem durch die Finger zu gleiten.

Manchmal wirkt das Stöhnen über ach so viele Termine aber auch ein bisschen lustvoll.

Weil ein voller Terminkalender etwas darüber aussagt, wie gefragt seine Besitzerin ist. Viel Zeit haben nur Rentner, Arbeitslose und vielleicht noch Studenten – gesellschaftliche Randgruppen, die im Grunde nichts mehr oder noch nichts zu sagen haben.

Dabei wäre es sinnvoller, sich damit zu brüsten, wie viel Zeit man hat.

Wie die Flaneure zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Menschen, die es sich leisten konnten, den ganzen Tag durch die Stadt zu schlendern, das unterstrich damals die gehobene gesellschaftliche Stellung. Aber dafür braucht man viel Geld, ererbt oder erarbeitet.

Seit wann können wir Menschen überhaupt Zeit messbar greifen?

Schon die alten Ägypter kannten regelmäßige Zeitzählungen. Solche frühen Zeitbegriffe beruhen aber nicht auf linearen Zählsystemen wie unsere heutigen Kalender, die mit der fiktiven Geburt Christi beginnen und unabhängig von konkreten historischen Ereignissen von Jahr zu Jahr einfach immer so weitergezählt werden. Die frühen Zählweisen denken in vollendeten Zyklen und beginnen dann von vorn. Im ganz alten China zum Beispiel hat man anfangs einfach mit dem Regierungsantritt eines neuen Kaisers wieder von vorn angefangen zu zählen und wieder mit 1 begonnen. Seit dem Römischen Reich wird Zeit fortlaufend angegeben, allerdings nach unterschiedlichen Systemen gezählt. Die Wissenschaft ist sich wegen dieser konkurrierenden Zählungen nicht ganz sicher, ob bis ins frühe Mittelalter wirklich korrekt gezählt wurde. Danach wäre es also nicht ganz klar, ob zum Beispiel die Angaben, wann und wie lange Karl der Große lebte, stimmen.

Das passt zu der Erfahrung, die wir häufig machen, dass Zeit relativ ist.

Zu Hause habe ich ein kleines Tonstudio, in dem ich gern Musik mache. Meine Kinder wunderten sich früher immer, wie lange ich darin verschwinden konnte. Für sie verging die Zeit dann viel langsamer als für mich. Es gibt verschiedene Zustände, die einen quasi aus der Zeit hinauskatapultieren können, wenn auch nur temporär begrenzt. Der Auslöser ist hier sehr individuell: Sex, Yoga, Meditation oder auch LSD. Ich sage gern: Am schönsten ist die Zeit, wenn man sie ganz vergessen hat.

Wenn ich im LSD-Rausch das Gefühl habe, die Zeit ist eingefroren, ist das dann genauso real wie Ihr Gefühl, dass die Stunden im Tonstudio nur so vorbeirauschen?

Ja. Jedenfalls für jeden Einzelnen ist es real. Denn Zeit gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt tatsächlich nur Bewegung. Sehen wir einen Stern, der sich am Himmel bewegt, nutzen wir die Bewegung als Vergleichsmaßstab, um das einzuordnen, und können dann daraus eine kalendarische Zeitzählung ableiten. Bewusst wird uns Zeit meist erst dann, wenn wir sie "nicht haben", das heißt als Konflikt wahrnehmen. Wenn wir also mit einem Zeitgeber konfrontiert sind, der uns mahnt, dass wir etwas anderes tun müssten als das, womit wir gerade beschäftigt sind. Der Wecker ist die Inkarnation unseres industriellen Zeitsystems. Wenn wir schlafen, nehmen wir die Zeit nicht wahr. Der Wecker funkt uns jedoch dazwischen. So entsteht ein Zeitkonflikt. Wann immer wir über Zeit sprechen, ist dieser Konflikt schon da.

JÜRGEN P. RINDERSPACHER arbeitet am Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften der Uni Münster. Im Juni erscheint sein Buch "Beeilt euch!" im Oekom-Verlag.


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