VG-Wort Pixel

"Hilfe, ich hab zu viele Freunde": Wenn die Liebsten zum Stressfaktor werden

Zu viele Freunde: Freundschaftsarmbänder
© Lisa Gutierrez / Getty Images
Zu viele Freunde? Das ist ja der pure Luxus. Oder der pure Stress-Faktor, wie unsere Redakteurin es empfindet … 
von Marie Markowski

Ich weiß schon, was du jetzt denkst. Ich kann die Adjektive, mit denen du mich in diesem Moment gedanklich beschreibst, in mein Ohr flüstern hören: Arrogant. Verwöhnt. Weltfremd. Trotzdem bist du noch da und liest diesen Text. Vielleicht bist du nur neugierig, was für ein Mensch es wagt, sich über zu viele Freunde zu beschweren, wo andere doch vor Einsamkeit vergehen (glaub mir, das geht auch trotz Riesenfreundeskreis). Oder aber du findest dich wieder. Vielleicht geht es dir ja genauso.

Hast du manchmal das Gefühl, als wärst du eins dieser Slimy-Spielzeuge, das so schön flexibel ist und an dem man von jeder Seite ziehen kann – bis sein Kern zwischen den Kräften immer dünner und durchsichtig wird?

Willkommen in meinem Kopf. Ich bin Slimy.

ich bin immer da, nehme die Form an, die du gerade brauchst – und verliere mich dabei manchmal selbst. Dann habe ich das Gefühl, zu viele Freunde zu haben. Ich komme nicht hinterher. Und manchmal sind mir die Bedürfnisse meiner Mitmenschen wichtiger als meine eigenen. Dann wird ein großer Freundeskreis, den andere als Luxus empfinden, zum Problem.

Das erste Mal zu spüren bekam ich das Problem mit Ende meines Studiums. Als ich anfing zu arbeiten, lebten meine Freunde noch in einer ganz anderen Blase. Während ich am Schreibtisch saß, ploppten auf meinem Handy immer wieder Nachrichten unseres Gruppenchats auf. Wer Lust auf eine Runde Tischtennis habe, fragten sie. Wer nach der Uni noch in den Park kommen und grillen würde. Meine Freunde machten sich ein Kaltgetränk auf. Ich den nächsten Artikel. 

Freundschaft, das Geschäft mit dem schlechten Gewissen

Ich hatte weniger Zeit als die anderen. Was meine Freunde mich mit lieb gemeinten, aber vorwurfsvollen Sticheleien spüren ließen. Da fühlte ich es das erste Mal: Das schlechte Gewissen. Der Zeitplan meiner Freunde passte sich langsam meinem an. Die Gefühle blieben.

Ich hatte schon immer einzelne Freunde neben meinem Freundeskreis. Menschen, die ich neben der Gruppe auch alleine treffen möchte. Um mit ihnen über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen. Aber dafür braucht man Zeit. Und die fehlt mir.

Versteh mich nicht falsch: Ich liebe zwischenmenschliche Beziehungen. Wahrscheinlich sogar ein bisschen zu sehr, denn das ist mein Problem: Ich möchte jedem meiner Freunde alles geben. Und ein bisschen mehr. Ich möchte die Freundschaften pflegen, alles mit ihnen teilen, ein offenes Ohr haben, Höhen und Tiefen zusammen erleben. Jeder meiner Freunde verdient so viel von der Zeit, von der ich nur so wenig habe – so dass ich durchgehend das Päckchen schlechtes Gewissen mit mir trage, das ich nach Studienende schulterte.

Gibt es eine Erwachsenen-Anleitung für gute Freundschaftspflege?!

Ich weiß, was du jetzt sagst: Dann jammer nicht, sondern priorisiere. Das versuche ich. Wäre da nicht das Problem mit meiner zweiten Leidenschaft, die da heißt Gerechtigkeit. Aber ja, ich versuche es. Trotzdem gibt es Abende, an denen ich auf die unbeantworteten Nachrichten meines Handys starre und mich frage: Wie zur Hölle schafft man es als erwachsener Mensch, jedem ein guter Freund zu sein?! Hat da jemand einen Fahrplan für mich? Dann immer her damit! Für den Anfang werde ich jetzt diesen Text jedem meiner Freunde schicken. Denn dann wissen sie, dass der Grund dafür, dass ich sie manchmal verfluche, einfach nur der ist, dass ich sie zu lieb habe, um ihnen so viel Zeit zu schenken, wie ich es gerne würde.


Mehr zum Thema