Die Kinder gehen, die Liebe auch – warum viele bleiben, die nicht mehr lieben

Die Trennung der Gottschalks dieses Jahr hat viele Menschen erschrocken. Warum das so war? "Weil viele Paare sich durch diese späte Trennung in ihrem eigenen Konstrukt bedroht fühlten", sagt Paartherapeut Eric Hegmann im Interview.

BARBARA: Herr Hegmann, warum hat die Gottschalk-Trennung so viele Leute bewegt?

Eric Hegmann: "Ich denke, da spielte eine gewisse Nostalgie mit rein, schließlich waren die Gottschalks ja irgendwie Vorbilder für viele. Man hatte Respekt vor der Leistung der beiden, so viele Jahre und dann noch unter dem Druck eines öffentlichen Lebens zusammenzuhalten. Dass sich ein solches Paar dann jenseits der 70 noch trennt, hat sicher vielen Menschen Angst gemacht. Weil viele Paare sich durch diese späte Trennung auch in ihrem eigenen, möglicherweise seit Jahren eher lieblosen Konstrukt bedroht fühlen."

Aber ist es nicht verrückt, an der Ehe festzuhalten, wenn da längst keine Liebe mehr ist?

"Ich finde das gar nicht so verrückt. Man muss sich auch mal vor Augen führen, dass die Liebesheirat eine vergleichsweise neumodische Erfindung ist. Bis vor 200 Jahren gab es Liebe als Heiratsgrund gar nicht. Im Gegenteil: Da vermied man es tunlichst, eine Liebesehe einzugehen, denn Liebe war nun einmal ein Sicherheitsrisiko. Vernunftsehen waren die stabilere Alternative und gerade Frauen waren auf Stabilität angewiesen. Schließlich hingen Leib und Leben davon ab, dass die Ehe erhalten blieb."

Unsere Großeltern und Eltern waren da aber doch schon etwas romantischer, oder?

"Das kann man so pauschal nicht beantworten, manche bestimmt. Und es gibt ja auch viele Paare, die definitiv bis ins hohe Alter eine erfüllende Liebesbeziehung führen. Fakt ist aber auch, dass die Unabhängigkeit der Frau ein sehr neues Gut ist und auch noch immer in der Entwicklung. Auch die Rechte unverheirateter Paare sind relativ neu. Es ist noch gar nicht so lange her, da machten sich Hoteliers strafbar, wenn sie Paaren ohne Trauschein ein gemeinsames Zimmer vermieteten. Damals war der Druck dann natürlich höher, schnell zur Tat, beziehungsweise vor den Altar zu schreiten. Heutzutage ist die Partnersuche viel komplizierter geworden, eine Ehe wird nicht so schnell geschlossen wie früher. Denn die Wunschvorstellung, eine lebenslange liebevolle Beziehung zu führen, bringt mit sich, dass man immer befürchtet, mit einem anderen Partner vielleicht doch noch glücklicher zu werden. Deshalb scheitern heutzutage Beziehungen oft schon in den ersten sechs Monaten. Eine Ehe als Zweckgemeinschaft ist für jüngere Paare oft keine Option."

Ganz anders als in der Generation der jetzt 50- bis 80-Jährigen?

"Ja, ich denke, es gibt in dieser Altersspanne viele Paare, bei denen die Ehe irgendwann eine Zweckgemeinschaft ist.“

Ist das nicht irgendwie unfair dem Partner gegenüber? Ist es dann nicht besser, sich zu trennen?

"Das kommt darauf an, wie glücklich oder unglücklich beide mit diesem Arrangement sind. Die Alternativen sind ja ehrlich gesagt auch nicht ganz einfach. Sich im Alter nochmal auf Partnersuche zu begeben, ist zwar nicht unmöglich, aber sehr anstrengend. Und auch eine Paartherapie ist ab einem gewissen Alter wirklich schwierig, weil die Dynamik eines Paars mit der Zeit immer festgefahrener wird. Alleinsein ist auch nicht jedermanns Sache. Unterm Strich fahren manche Paare also vergelichsweise gut mit getrennten Leben in getrennten Schlafzimmern unter ein und demselben Dach. In diesem Konstrukt können die Vorteile für beide durchaus überwiegen. Oft wird das Auseinanderleben auch gar nicht so klar benannt oder problematisiert. Gerade die Nachkriegsgeneration kommuniziert über solche Dinge eher wenig. Und wenn das Thema doch mal angegangen wird, dann eher rational und vernünftig. 

Das klingt echt unromantisch.

Ist es ja auch, wobei ich da die Wertung rausnehmen würde. Die romantische Liebe als alleinstehender Eheschließungsgrund ist wie gesagt ein ganz neues Modell. Wir befinden uns da auch gerade noch in einer Testphase. Ich bin selbst gespannt, ob das Konzept "Alles für einen für immer" trotz steigender Lebenserwartung wirklich langfristig aufgeht. Bisher sieht es ganz gut aus. Die Scheidungsraten sind in den letzten Jahren gesunken. Wir werden sehen, wo uns das hinführt.

Aber wäre es nicht angemessen, den erwachsenen Kindern dann wenigstens reinen Wein einzuschenken und zu sagen: Hört zu, wir wohnen zwar noch zusammen, aber das hier ist keine Beziehung mehr, an der ihr euch orientieren solltet?

Ich bin skeptisch, was die Ansprüche der Kinder in Bezug auf die Beziehung ihrer Eltern angeht. Inwiefern sollte es ihnen zustehen, darüber zu urteilen, ob diese Form von Beziehung vorbildlich ist oder nicht? Es ist eigentlich ganz amüsant, wie das Wunschdenken irgendwann kippt. Erst haben viele Eltern eine genaue Vorstellung, wie ihre Kinder zu sein haben. Später haben Kinder eine Vorstellung, wie ihre Eltern zu sein haben. Ich finde das beides nicht richtig. Als Sohn oder Tochter sollte man sich auch immer klar machen, dass man gewisse Dinge erst verstehen kann, wenn man sie selbst erlebt hat. Wie sollte also ein Dreißigjähriger wissen, wie eine Ehe nach vierzig Jahren auszusehen hat und wie eine angemessene Kommunikation darüber stattfinden sollte?

Naja, man orientiert sich ja auch irgendwie am Leben der Eltern, oder?

"Auf jeden Fall, aber das passiert ja eh nicht auf der kognitiven Ebene, also könnte das auch ein klärendes Gespräch mit den Eltern nicht beeinflussen. Wir übernehmen unbewusst so oder so eine gewisse Dynamik, die wir als Kinder bei unseren Eltern und Großeltern erlebt haben und suchen uns einen Partner, mit dem eine solche Dynamik funktioniert. Wir fühlen uns geborgen in diesen als Kind erlernten Beziehungsmustern."

Können wir es dann überhaupt schaffen, eine erfüllte Beziehung zu führen, wenn unsere Eltern das nicht geschafft haben?

"Da bin ich mir ganz sicher. Das größte Problem bei den jetzt noch jungen Beziehungen sehe ich gar nicht so sehr in den alten Mustern, sondern vielmehr in einer Überromantisierung. Der Anspruch, mit einer Person jahrzehntelang guten Sex, die Freizeit, den Alltag und das eigene monogame Lebenskonzept zu teilen, ist gewaltig. Unsere Vorfahren würden uns fragen, ob wir noch ganz sauber sind. Unser schlechtes Gewissen frisst uns trotzdem sofort auf, wenn das Leben sich phasenweise halt mal nicht nach Disney anfühlt. Ich glaube, es ist wichtig, im Streit oder in Krisen auch mal sagen zu können: Ja, ich liebe dich, nur nicht gerade jetzt. Und das ist ok so."

Was können wir tun, um unsere Beziehung trotz der Nicht-ganz-so-Disney-Phasen romantisch zu halten?

Romantik ist so eine Sache. Ich denke, Dankbarkeit ist eine besonders weise Form der Romantik. Sich jeden Abend drei Dinge zu sagen, die man an diesem Tag am anderen geschätzt hat, ist eine gute Übung, um sich wieder anzunähern oder die Nähe zu erhalten. Ganz wichtig: Das dürfen nicht jeden Tag dieselben drei Dinge sein, man muss schon Tag für Tag etwas Neues am Partner entdecken, das einen mit Dankbarkeit erfüllt. Wenn die offensichtlichen Stärken des Partners irgendwann alle schon genannt wurden, erfordert das Finden der weniger offensichtlichen kleinen Gesten und Freuden große Achtsamkeit. Man muss die Augen offen halten, sich bewusst auf das Positive des anderen konzentrieren. Und wenn es trotzdem mal nicht so läuft, hilft es, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen: Perfektion gibt es nun mal nicht. Und man darf sich auch mal gepflegt übereinander aufregen.


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