Meine Tochter ist ein Andersmädchen

Sei einfach du selbst. Diesen Satz geben Eltern ihren Kindern gern mit auf den Weg. Die 13-jährige Tochter unserer Autorin nimmt das wörtlich – gar nicht so leicht, damit dann auch klarzukommen.

Verena Carl

Wenn ich junge Mädchen sehe, denke ich an einen alten Sketch von Loriot. Darin steht eine Gruppe identisch gekleideter Herren am Flughafengepäckband und versucht, aus einer Reihe völlig gleicher Koffer den richtigen herauszufischen. Am Ausgang wartet schon die nächste Herausforderung: ein Grüppchen ebenso gleichförmiger Ehefrauen mit Föhnwelle und Seidentuch.

Meistens bin ich stolz

Was das mit 13-Jährigen im Jahr 2019 zu tun hat? Nun, wenn Pubertät ein Ringen um die eigene Identität ist, kloppen sich gerade alle um dasselbe Modell: Langhaarfrisur, Shirt mit Lama-Print, Lackkunst am Nagel. Da fragt man sich mitunter, wie die sich gegenseitig auseinanderhalten. Nur eine sticht heraus: meine Tochter. Nicht nur, weil sie fast immer die Kleinste ist, auch wegen Grunge-Boots, Kurzhaarschnitt und Karohemd. Ihre Fingernägel sind nur deshalb lang, weil sie vergisst, sie zu schneiden. Ihr Handy-Hintergrundbild ist die regenbogenbunte LGBT-Flagge, „weil’s cool ist“, und auf ihrer Playlist steht Mittelaltermusik statt Cro & Co. Meistens bin ich stolz auf mein Andersmädchen. Aber manchmal auch verstört.

Gruftie oder Softie

Als ich ein Teenager war, in den Achtzigern, gab es diverse Gruppen und Untergrüppchen: Ob man pastellfarbene Pullover um die Schultern geknotet trug oder spitze Schnallenschuhe zum langen schwarzen Mantel oder barfuß lief in Batikklamotten, war ein Statement. Manche Mädchenfrisuren sahen aus wie aus „Denver Clan“, andere wie von der Bundeswehr.

Heute ist Artenvielfalt out. Vielleicht, weil die 13-Jährigen von damals die Erwachsenen von heute sind, und gegen die lässt es sich schlecht rebellieren. Jedenfalls nicht mit Klamotten und Playlists. Dann wiederum: Vielleicht war dieses ganze Punk-Pop-Psych-Ding auch damals mehr Attitüde als echte Individualität – denn ob man einst Gruftie oder Softie wurde, hatte oft weniger mit echter Überzeugung zu tun als mit der Frage, ob man zufällig in der 8a war oder eben in der Parallelklasse.

Coole Clique 

Meine Tochter steht da drüber, und das bleibt nicht ohne Folgen. Nicht, dass sie gemobbt würde, weil sie nicht „Bibi’s Beauty Palace“ auf Youtube folgt. Aber zur coolen Clique gehört sie eben auch nicht, und es gibt Tage, da versinkt sie in ihren schlammfarbenen Rollis wie eine kleine Schildkröte, die den Kopf einzieht. In solchen Momenten steht auf meiner linken Schulter ein Engelchen in Regenbogen-Tunika und reckt die Faust: Gegen den Strom schwimmen gibt Muckis! Lamas sind uncool! Und wenn sie sich später tatsächlich in Emily verliebt und nicht in Emil: So what? Auf meiner rechten Schulter hockt derweil ein Teufelchen im Paillettentop, macht sich die Nägel und stichelt: Was ist bloß aus deiner pinkfarbenen Prinzessin vom Kita-Fasching geworden? Hättest du nicht lieber so ein kleines Mini-Me, dem du einen Lockenstab zum Geburtstag schenken kannst?

T-Shirts aus der Jungs-Abteilung

Manchmal gewinnt das Teufelchen. Dann suche ich morgens im Schrank meiner Tochter das einzige Oberteil, das mehr nach Bluse als nach Hemd aussieht, hänge es nach vorn und hoffe, sie greift danach. Aber es gibt auch die guten Tage. An denen schaue ich mir entspannt an, wie mein Andersmädchen T-Shirts aus der Jungs-Abteilung in die Umkleidekabine schleppt. „Ich bin halt so’n bisschen genderfluid“, sagt meine Tochter dann, halb entschuldigend, halb kokett, und ich finde das vor allem eins: so mutig. Denn anders sein, wenn alle anderen genauso anders sind, das ist was für Anfänger.

Ich habe übrigens auch einen Sohn. Er spielt Fußball, wünscht sich eine Playstation und findet Mädchen doof (nur seine Schwester nicht immer). Total normal. Er ist allerdings erst zehn. Vielleicht wird das ja noch.

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