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"Atmen Sie jetzt!" – Sind Uhren jetzt etwa schlauer als wir?

"Atmen Sie jetzt!" – Sind Uhren jetzt etwa schlauer als wir?
© Getty Images
Luft holen, Schritte zählen, aufstehen, den Schlaf kontrollieren. Viele Menschen haben dafür elektronische Hilfsmittel – können die das nicht selbst?
von Nikola Helmreich

Neulich stand in der fahrenden U-Bahn eine Frau auf. Sie stand einfach auf – und setzte sich wieder hin. Verrückt, dachte ich. Dann klärte mich eine Kollegin über die „Stehen-statt-Sitzen“-Funktion der neuen AppleWatch auf. Die stehende Frau in der U-Bahn war also weder wirr, noch stank es neben ihr. Es war ihre vibrierende Smart-Watch, die signalisierte: Steh auf! Und sie stand hörig auf. Dann erzählte eine Freundin von einer App, die sie ins Bett schickt. Dann sah ich eine Werbung, die mir eine App nahelegen wollte, mit der ich atme. Und dann blinkte das Telefon einer Bekannten. „Wichtig?“, fragte ich. Sie: „Nee, hole mir nur kurz ein Glas Wasser.“ Und dann blinkte das Armband-Ding eines Kollegen, vibrierte wild dazu. Er ging aus dem Raum. Kam kurz darauf wieder. Eine Stunde später das gleiche Spiel. Wow, dachte ich, gibt es etwa ein orwellsches „1984“ – und ich bin nicht eingeweiht? Ich stelle mir Menschen in der Bahn vor, die kanonartig aufstehen und sich wieder setzen, weil ihre Uhr, ihr Telefon – oder was und wer auch immer – es ihnen sagt. Ich stelle mir vor, wie ich mitmachen muss, um nicht aufzufallen. Während Nebel durch die Waggons zieht und das Vibrieren der Devices zum sonoren Sound der neuen Welt wird. Okay, ich drifte ab. Oder?

Es gibt die Smartphone-Jünger und die Wearable-Jünger

Selbstoptimierung ist ja immer noch das Ding der Stunde, und wir machen munter weiter. Man muss hier natürlich ganz klar unterscheiden: Es gibt die Smartphone-Jünger, das sind die mit den Apps fürs Wasser-Trinken, Atmen und Ins-Bett-Gehen, und die Wearable-Jünger. Das sind die mit am Körper tragbarer Elektronik. Also die mit den Minicomputern in Uhr oder Armband. Die natürlich auch Smartphone-Jünger sind, denn erst per App werden ja die erfassten Daten lesbar gemacht. Unterm Strich gibt es einfach eine Horde neuer Selbstvermesser. Von dem freiwilligen Raushauen der eigenen Vitaldaten fange ich hier gar nicht erst an. Es werden also fleißig Schritte und Kalorien gezählt, Herzfrequenz und Puls gemessen und die sitzenden Träger, User (Jünger?) mittels Vibrationsalarm und LED-Blinkterror vom Stuhl geschmissen. Mit Ausrufezeichen! Nachdem wir uns alle eigentlich von niemandem was sagen lassen (wollen), sind wir offenbar dringend auf der Suche nach einem neuen Imperativ-Coach. Oder woher rührt die Sehnsucht nach Befehlen? Vielleicht hat die Belohnung was damit zu tun: „Sie haben 100 Prozent Ihres Aktivitätsziels erreicht“, meldet eine Fitness-App. „Du gehst ans Limit!“, eine andere. Herzlichen Glückwunsch. Und nun? Oder geht es um Kontrolle? Und damit um Sicherheit? Wenn ich heute 10 000 Schritte gelaufen bin, richtig geatmet habe und 45-mal aufgestanden bin, bin ich gesundheitlich auf der sicheren Seite. So in etwa?

Ich lass mir doch nicht von einer App vorschreiben, wann ich ins Bett gehen soll!

Auf den eigenen Körper zu hören, ihn zu kennen und Signale zu lesen ist dabei offenbar so dermaßen out, dass ich schon Angst habe, aufzustehen oder ein Glas Wasser zu trinken, bevor nicht irgendwo irgendwas vibriert. Dabei sind der Blick in den Spiegel, der Hosenknopf oder die Puste knallharte Kontrollmechanismen, die wir nutzen sollten. Sonst haben wir bald neben einem abwegigen Schönheitsideal auch noch ein Fitnessideal – mit pausenloser Vergleichbarkeit und steigendem Druck, und das braucht nun wirklich keiner.

Dabei bin ich wirklich kein Technik-Verweigerer. Im Gegenteil. Keine Straßenkarten mehr lesen? Super! Keine Telefonnummern mehr auswendig lernen? Herrlich! Ich sehe das nicht als Verblödung, sondern als charmante Hirnentlastung. Mehr Kapazität, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Aber irgendwo ist Schluss. Beim Schlaf auf jeden Fall. Die vielleicht letzte Ruhezone wird mit SmartWatch nun nämlich auch noch zum Optimierungsobjekt. Und damit zur Performance-Plattform. Ich lass mir doch nicht von einer App vorschreiben, wann ich ins Bett gehen soll!


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