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"Heute sind wir faul!" – Barbara und Anke machen Mädelsabend

Barbara und Anke sind faul
© Benno Kraehahn
Die eine steht auf Ablage, die andere baut Papiertürme, aber weder Barbara noch Anke Engelke lassen viel liegen. Ein Gespräch über Selbsthass, luxuriöses Zeitungslesen und unerreichbare Briefkästen
von Stephan Bartels

Barbara:Anke, es gibt ein neues Volksleiden: Prokrastination. Bist du auch befallen?

Anke: Natürlich. Ich betrachte das allerdings nicht als Leiden. Die Fähigkeit, etwas beiseitezuschieben, ist doch eher gesund. Was heißt prokrastinieren eigentlich genau?

„Für morgen“, und es stimmt, da steckt etwas Positives drin. Aber das empfinde ich nicht so.

Sondern wie?

Als Schwäche. Ich habe einen sehr hohen Anspruch an mich selbst, und den erfülle ich, wenn ich die Kraft habe, lange To-do-Listen abzuarbeiten. Und dann gibt es so Phasen, in denen ich über Tage nichts gebacken bekomme.

Und dann?

Werde ich erst sauer auf mich selbst und dann verzweifelt. Und dann möchte ich meine Mutter anrufen und sie fragen, was nicht stimmt mit mir. Und bei dir?

Klar habe ich diese schlimmen Tage, an denen nichts geht. Aber ich weiß ja, dass die guten Tage wiederkommen, an denen ich alles erledigt bekomme, so gesehen: kein Grund zur Selbstzerfleischung. Muss dieser Brief, der mich gerade zu viel Kraft kostet, eben warten.

Oh Gott! Briefe! Ganz ehrlich: Ich kann pro Woche drei Veranstaltungen mit 2500 Zuschauern moderieren, ohne dass es mich Anstrengung kostet. Aber es kann bis zu drei Wochen dauern, bis ich einen Brief einwerfe, den ich mit mir herumtrage.

Was doof ist. Ist ja ziemlich wahrscheinlich, dass die Post in der Zwischenzeit das Porto erhöht hat.

Ich war mal mit meiner Mutter unterwegs, und ich habe sie angefleht: „Hilf mir, diesen Brief loszuwerden!“ Sie sagte: „Halt an dem Briefkasten da vorne.“ Und ich: „Nein, wir finden bestimmt noch einen anderen.“ Bei Postgeschichten bin ich neurotisch. Ich leere meinen Briefkasten auch nur, wenn sich der Postbote beschwert, weil er nichts mehr reinstopfen kann.

Ist bei mir anders. Ich gehe sehr gern persönlich auf die Post, weil ich es liebe, mit den Damen dort zu quatschen.

Dafür hast du die Zeit?

An meinen freien Tagen. Die so frei dann auch nicht sind, weil ich alle meine Erledigungen sehr penibel im Voraus plane. Wie auch meinen Job. Ich versuche, möglichst viele Termine in einen Tag zu packen und sie im Zwei-Stunden-Rhythmus abzuhaken. Das gibt mir dann abends ein fantastisches Gefühl.

Belohnst du dich dafür? Mit einem Serienabend oder so?

Nö, mir reicht die Freude daran. Ich bin ein Homie, ich lümmle zu Hause auf dem Sofa herum und grinse selbstzufrieden in die Gegend.

Ich rufe an solchen Tagen nachmittags meinen Mann an und sage stolz: „Du glaubst nicht, was ich heute alles geschafft habe!“ Dieses Gefühl, meine Verschieberei-Impulse überwunden zu haben, macht mich so glücklich.

Machst du dir dann eine besonders gute Flasche Wein auf und lässt dir ein Schaumbad ein?

Baden ist auf meiner Belohnungsskala ganz weit unten. Nein, ich bin wie du: Ich berausche mich an dem Gefühl, ganz viel geschafft und meinem Arbeitsethos entsprochen zu haben.

Arbeitsethos? Wie sieht das aus?

Ich würde nie auf die Idee kommen, mich mal um zehn Uhr morgens mit einem Buch hinzusetzen. Oder tagsüber fernzusehen. Abwegig, auch wenn ich die Zeit dafür habe. Zu viel Dolce Vita!

Aber was spricht denn gegen Dolce Vita? Warum nicht mehr liegenlassen?

Meine Theorie dazu ist folgende: Dadurch, dass ich – wie du ja auch – freiberuflich bin, habe ich keinen von außen bestimmten Arbeitsrhythmus. Ich muss mir deshalb ein anderes Konstrukt bauen, um der Gefahr des Verlotterns entgegenzusteuern.

Hm. Wie gesagt, ich mag meine durchstrukturierten Tage auch ganz gern. Aber ich kann auch anders, ich kann die Tage mit bloß ein bisschen Dödelkram vorbeiziehen lassen. Dafür finde ich es dann toll, nachts zu arbeiten.

Wirklich? Nee, ich brauche zu meinem Glück abends das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Ich will abends eigentlich nur die Zeitung des Tages gelesen haben.

Wie toll! Du schaffst es, eine Tageszeitung zu lesen?

Du nicht?

Wir hatten, als die Kinder noch sehr klein waren, die „Süddeutsche“ abonniert. Bis wir irgendwann gemerkt haben, dass wir sie genau so, wie sie auf der Fußmatte lag, ins Altpapier geworfen haben. Ich schaffe es nicht.

Ich brauche es dagegen. Ich schneide mir sogar Sachen aus und hebe sie auf.

Alles über dich?

Auweia, nee, Hilfe, wäre das bescheuert! Nee, interessante Reportagen zum Beispiel. Die Welt ist voller spannender Sachen, und die stehen alle in der Zeitung.

Ich liebe Zeitungen. Die haben so etwas Heimeliges. Meine Eltern lassen sich ihre Zeitung zu uns schicken, wenn sie uns eine Woche besuchen. Ich liebe es, meinem Vater dabei zuzuschauen, wie er sie liest.

Zeitunglesen ist für mich Luxus. Wenn ich morgens im Garten meine Decke ausbreite und mich hinlege … herrlich.

Morgens? Da bin ich mit meinem Haushalt beschäftigt oder bereite das Mittagessen vor.

Ach, hab ich doch schon längst erledigt. Ich koche vor und tuppere ein.

Meine Güte. Bist du gut organisiert.

In der Küche schon. Mein Büro dagegen ist das letzte MessiLoch. Aber ich finde alles, sofort.

Das wäre nichts für mich. Ich bin aber auch wahnsinnig gut in Ablage. Ich habe lauter Ordner, sauber beschriftet: Haus Anschaffung, Haus Versicherung, Kinder, Barbara, Handwerkerrechnung ...

Ist ja furchtbar. Wo hast du das denn her?

Meine Mutter hat uns früher immer damit in den Wahnsinn getrieben, dass sie drei Monate lang darüber räsoniert hat, sie müsse jetzt mal Ablage machen. Daraus habe ich gelernt: Es geht einfacher.

Ich habe das Stapelsystem meines Vaters übernommen. Ich baue große Türme aus Papier.

Wenn du die dann nach einem halben Jahr nimmst und wegwirfst: Würdest du irgendwas vermissen?

Hm. Wahrscheinlich nicht. Hast du nicht solche Türme?

Ich hefte immer alles sofort ab.

Stimmt doch gar nicht. Bei euch im Eingangsbereich liegt lauter Post rum.

Die ist ja auch noch ungeöffnet.

Seit wann? Letzten September? Und können wir noch mal über die Mülltrennung bei euch zu Hause reden?

Boah, bist du fies.

Also bitte, du wirfst Plastik und organischen Müll zusammen? Das geht nicht! Die werden dir die Kinder wegnehmen!

Echt? Kann ich mich darauf verlassen? Dann könnte ich morgens mal wieder im Garten Zeitung lesen. Aber im Ernst: Ich bewundere alle Menschen, die Kinder haben, zur Arbeit gehen, den Haushalt schmeißen ...

... gut aussehen und schön riechen ...

... und die dann noch den Müll trennen! Ganz ehrlich: Wenn morgens um vier Minuten nach acht alle Kinder in der Schule sind, kein Turnbeutel vergessen wurde und auch nicht das Pausenbrot, es keinen Streit gab und keine aufgeschlagenen Knie ...

... und der Zettel mit der Klassenfahrt schon unterschrieben ist und das Geld überwiesen …

Genau. Was gibt es Besseres?

Alles eine Frage der Prioritäten. Dafür sieht es bei euch in der Küche aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Passt ja zum Thema Liegenlassen.

Also, das verbitte ich mir! Bei mir stehen halt die Kinder im Vordergrund.

Dann könnte ja dein Mann aufräumen.

Tut er ja auch. Aber in seinem Tempo. Und sehr bewusst. Wir Frauen schaffen ja vieles einfach so nebenbei, was für Männer ein erinnerungswürdiger Angang ist.

Das Schönste in einer Beziehung ist ja, wenn man nach und nach feststellt, dass der eine gut kann, worauf der andere überhaupt keinen Bock hat.

Das ist wahr! Ich wechsle keinen Fahrradschlauch und mähe keinen Rasen. Dafür koche ich wahnsinnig gern und räume auf.

Hm. Wir hatten neulich für längere Zeit einen Musikerfreund zu Gast. Der hat erstaunlicherweise immer alles weggeräumt. Solche Männer gibt es also auch.

Wie toll!

Fand ich auch. Der hat sogar unaufgefordert die Druckerpatronen gewechselt, das fand ich dann etwas irritierend. Aber das Strukturierte bei ihm hat mir sehr gefallen. Der hat auch Geschirr wiedergefunden, das ich längst vergessen habe. Es war alles so blitzeblank sauber, aber anders sauber als bei mir. Da habe ich gelernt: Öfter mal Gäste einladen und gucken, wie die das so machen. Bringt einen einfach weiter.

Ja. Aber wenn mein Gast mein Auto repariert, habe ich für mein weiteres Leben auch nichts davon. Es gibt so Sachen, die mag ich einfach nicht angehen. Zum Beispiel war eine meiner wenigen Aufgaben als Teenager, den Müll rauszubringen. Wenn meine Mutter mich dazu aufgefordert hat, hat sich ein schwarzer Schatten über mich gelegt. Es hat mich fertiggemacht. Hat mir den ganzen Tag versaut. Für Jugendliche ist alles so schwer.

Ging mir gar nicht so. Da hatte ich andere Sachen, die mich deprimiert haben. Klavierunterricht zum Beispiel. Aber das lag eher daran, dass ich nicht gut genug war.

Wo wir schon von Pflichten reden: Bist du da streng mit deinen Kindern?

Nicht unbedingt. Ich orientiere mich an dem, was ich von meinen Eltern mitbekommen habe, und die Teile, die mir selbst gefallen haben, habe ich übernommen.

Zum Beispiel?

Die Stimmung bei uns ist grundsätzlich lässig und lustig, aber ich fordere auch Disziplin ein. Die Hausaufgaben müssen erledigt werden, bevor es rausgeht in den Garten oder zu Kumpels.

Das klappt leider nicht bei allen Kindern. Und auch das Aufgabenübertragen kann anstrengender sein, als es mal eben schnell selbst zu erledigen, wenn man so leidige Diskussionen hat, wer gerade was wo liegen gelassen hat.

Ach, dieser zermürbende Kleinkram. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass ich den Kindern vermitteln kann, wie man miteinander umgeht. Dass man beim Essen zugewandt ist und erzählt und nachfragt und sich erkundigt, ob noch jemand anders den letzten Pfannkuchen haben möchte.

Wie ist es denn im Job? Bist du da auch zugewandt und teamfähig?

Sehr. Ich bin auch gut darin, Dinge abzugeben. Und dabei delegiere ich nicht. Ich frage: Ich kann es nicht, wer von euch kann es?

Delegieren liegt mir auch überhaupt nicht. Ich bin ein wirklich guter Arbeiter, aber ich lasse mich lieber führen, als es selber zu tun. Aber es gibt etwas, mit dem ich nicht umgehen kann: wenn Leute in meinem Umfeld faul sind. Ich habe wirklich ein Problem mit Menschen, die nicht besonders viel auf die Reihe bekommen.

Na klar. Weil du selber so ein fleißiges Mädchen bist. Du gleichst die anderen mit dir ab, und das kommt dabei heraus.

Das stimmt. Ich kann nicht damit umgehen, wenn Leute sich auf andere verlassen. Oder die Dinge absagen, weil ihnen alles zu viel wird. Ich bin einfach anders. Ich definiere mich über die Sachen, die ich schaffe.

Wenn ich an dieser Stelle noch mal an den Brief erinnern darf, den du seit drei Wochen …

Jaja. Da ist eine unerklärliche Diskrepanz, ich weiß. Ich verzweifle daran!

Musst du nicht. Und warum? Weil es hochgradig gesund und menschlich ist, wenn man Inseln hat, die vermint sind. Nichts ist schlimmer als Typen, die alles auf die Reihe bekommen.

 


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