"Ich bin überhaupt nicht cool – und das ist auch gut so!"

Es gab eine Zeit, in der unsere Autorin versuchte echt lässig zu sein. Das war allerdings nicht sehr erfolgreich. Deswegen hat sie es dann auch gelassen. Eine Liebeserklärung ans Uncoolsein.

von Viola Kaiser

Glücklicherweise bin ich nicht mehr 19. Denn damals war es mir irgendwie wichtig, dass ich eine der Frauen bin, die man als "cool" bezeichnet. Ich wollte ich vor allem Klamotten haben, die keine andere trug, meine Zigarette auf Partys so lässig halten wie niemand sonst und den abgefahrensten Freund von allen haben. Was dabei rauskam? Ich sah schlimm aus in meinen sehr bunten Jeans und mit meiner sehr ausgefallenen Brille. Ich hielt meine Kippe so wie es vielleicht Gangsterrapper in Musikvideos taten, aber eben kein normaler Mensch – und mein damaliger Freund war ein totaler Vollidiot, der damals eine sehr große Schnauze hatte und heute braver Versicherungsvertreter ist. 

Es gab noch mal eine Phase mit Mitte 20, in der wollte ich zumindest gern eine modische Frisur. Da hatte ich einen Pony und Skinny Jeans und die allerneuesten Turnschuhe. Tatsächlich war das nicht der optimale Look für mich, aber ich fand auch das cool. Bis mir irgendwann eine sehr gute Freundin mitteilte, dass dieser Pony merkwürdig aussieht und mich meine Schwester fragte, warum ich neuerdings immer viel zu enge Hosen tragen würde. Ich ließ also die Stirnhaare wieder wachsen und trug Beinkleider, die meine kurzen Stampfer nicht mehr so sehr betonten. 

Mein Leben ist anstrengend genug

Glücklicherweise wurde mir sehr schnell danach bewusst, dass es total unwichtig ist, irgendwie cool auszusehen oder zu wirken. Dass es viel entscheidender ist, glücklich zu sein und zu tun, was man möchte. Und dass eine zu enge Hose sehr unglücklich machen kann, weil sie eben drückt. Heute bin ich Ende 30, und es interessiert mich nicht das kleinste Bisschen, dass alle einen supercoolen Kaffeevollautomaten haben und ich eben nur eine Filterkaffeemaschine. Außerdem trage ich ganz oft alte Klamotten meiner Mutter, meiner Schwester – oder eben  die von 2002 von mir selbst. Was man gerade so anhaben sollte, sehe ich zwar, aber das ändert sich ja eh dauernd. Welche Musik man gerade so hört? Weiß ich nicht. Ich mag immer noch die Sachen, die ich auch schon mit 20 gehört habe. Manchmal kommt natürlich eine neue Band dazu, aber ob die gerade "in" ist, ist mir doch egal. 

Mein Leben ist eh schon anstrengend genug. Ich muss dafür sorgen, dass meine Kinder in die Kita und Schule kommen, irgendjemand die Wäsche macht und nebenbei auch noch Geld aufs Konto kommt. Dabei noch nach äußeren Maßstäben "cool" zu sein, schaffe ich einfach nicht. Es wäre auch totale Zeitverschwendung: Meiner Meinung nach hat man als Frau und Mutter sowieso keine Chance alles superrichtig und megalässig zu machen. Einer meckert immer: Der Chef, die anderen Mütter, die Kinder, die Erzieherin, der Lehrer. All denen ist es übrigens sowieso egal, ob ich momentan weiß, was in dieser Saison die angesagteste Hosenlänge ist oder ob ich als die entspannteste Kollegin im Büro gehandelt werde. Die haben ganz andere Probleme. Und spätestens mit 12 und 14 werden zumindest meine Kinder mich ohnehin superuncool finden. Völlig egal, was ich tue.

Ich heule jetzt einfach, wenn ich heulen muss

Bis Ende 20 habe ich versucht, mich auch emotional zurückzunehmen, anderen zu gefallen, in den unmöglichsten Situationen im Büro megaruhig zu bleiben. Mach ich ebenfalls nicht mehr. Wenn mir etwas überhaupt nicht passt, sage ich es. Wenn ich mal weinen muss, dann heule ich eben und wenn mir nichts anderes einfällt, schreie ich auch mal laut rum. Ob das cool ist? Nein. Dafür ist es echt. Es setzt mir nun mal zu, wenn andere fies zu mir sind, Donald Trump Präsident wird oder ich eine Riesenspinne im Schlafzimmer habe – das darf jeder sehen. Überhaupt: Wer definiert eigentlich, wer und was cool ist?

Ich persönlich habe beschlossen, es cool von mir zu finden, dass ich eben so bin wie ich bin – inklusive wenig trendiger Klamotten, einfältiger Hobbys (Fernsehen gucken und lesen) und einer mittellangen Frisur, die unorigineller nicht sein könnte. Und wenn es keiner anderer tut, dann wenigstens ich. 

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