"Ich war dauerverknallt!" Katja Riemann und Barbara Schöneberger reden über die Liebe

Heute ist Damenwahl! Wir fordern  die Schauspielerin und Musikerin Katja Riemann zum Tanz auf. Im Gespräch mit Barbara erklärt sie den Reiz des heimlichen Verliebtseins und warum wir unsere Freiheit, zu lieben, wen wir wollen, nicht hoch genug halten können

von Dorthe Hansen (Text); Mirjam Knickriem (Foto)

Barbara: Liebe Katja, wir sitzen hier im legendären Tanzlokal Café Keese, das in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert. Dort drüben blinkt das Signal für „Damenwahl“, gestern war Discofox-Abend …

Katja: Was ist denn Discofox?

Barbara: Na, so ein Paartanz mit Schwung und vielen Drehungen.

Katja: Dass du das weißt.

Barbara: Den kriegt jeder hin. Letztens hab ich mit einem wahnsinnig süßen Typen auf einer Party getanzt, zu Frank Sinatra und Abba, und da sagt er: „Das ist Musik aus deiner Zeit, oder?“

Katja: So eine Sauerei!

Barbara: Und ich: „He, ich bin ein Kind der 90er!“ Und er: „Ich auch, Jahrgang 1993.“ Hast du in deiner Jugend einen Tanzkurs gemacht?

Katja: Klar.

Barbara: Und dann weißt du nicht, was Discofox ist?

Katja: Das gab’s damals noch nicht.

Barbara: Also komm, du bist doch nicht Marika Rökk!

Katja: Gut, dann sage ich: Ich kann mich nicht erinnern.

Barbara: Und wie war’s sonst so?

Katja: Es war beschämend … na bravo, jetzt muss ich wieder solche Sachen erzählen. Ich war nicht diejenige, die aufgefordert wurde. Ich war sehr dünn, kindlich, uncool. Ich war nicht richtig. Ein Scheidungskind. Wie alt ist man in der Tanzkurs-Phase?

Barbara: Vielleicht 14, 15 Jahre?

Katja: Aber es passierte zumindest mal etwas Aufregendes im Ort – eine große Gruppe, ein Raum, Musik. Sonst war ja nüscht los.

Barbara: Ich hab meine ersten Jahre in München verbracht und den Tanzkurs erfolgreich verweigert. Tief in mir wusste ich, wenn du ein musikalischer Mensch bist, dann musst du auf die Musik hören und einfach nur schweben.

Katja: Und weißt du, dass man Rhythmus nicht lernen kann?

Barbara: Das stimmt! Aber wenn ein Mann nicht tanzen kann, magst du so viel Rhythmus im Blut haben wie Motsi Mabuse, es bringt nichts.

Katja: Wollten wir nicht über verbotene Liebe reden?

Barbara: Richtig. Was verbindest du damit?

Katja: Ich denke dabei sofort an Zwangsehen. In unserem Kulturkreis dürfen wir den Menschen heiraten, den wir lieben. Aber damit sind wir, weltweit betrachtet, in der Minderheit.

Barbara: Das stimmt. Oft entscheiden die Familien, wen junge Frauen oder gar Mädchen heiraten müssen.

Katja: Absolut. Und sowohl unsere freiheitliche Gesellschaft als auch die Verfassung, die wir in diesem Land haben, zeichnen sich besonders dadurch aus, dass wir unsere Lieben aussuchen dürfen. Es hat so eine Selbstverständlichkeit, dass wir heute entscheiden, wen oder ob wir heiraten. Und übrigens inzwischen auch, von wem wir uns wieder trennen. Ich war sieben, als meine Eltern sich scheiden ließen, damals gab es noch die Bezeichnung „schuldig geschieden“. Stell dir mal vor: Schuld bedeutete immer Ehebruch. Was aber, wenn man sich einfach nicht mehr liebte …

Barbara: Dein Engagement für Frauenrechte führt dich oft in andere Länder. Wie geht es dort zu?

Katja: Ich glaube, es ist ganz gut, mal zu schauen, was woanders los ist. Denn so, wie wir leben, ist es die Ausnahme. Dafür braucht man einfach nur mal von Tarifa nach Tanger zu schauen. Das sind nur wenige Kilometer, und die trennen nicht nur zwei Kontinente, sondern lassen auch völlig unterschiedliche Lebensentwürfe für Frauen erkennen.

Barbara: Was können wir von hier aus tun, um die Entwicklung voranzubringen?

Katja: Es ist wichtig, dass Frauen überall auf der Welt entscheiden dürfen, wen sie lieben. Wichtig, weil sie die Hälfte der Bevölkerung stellen, aber eben nicht in den Entscheidungen von Gesellschaften existent sind. Da werden 13-jährige Mädchen mit Großvätern verheiratet. Männer haben drei Frauen. Ein Vater ertränkt seine Tochter im Pool, weil sie es gewagt hat, sich in einen jungen Mann zu verlieben. Mütter ersticken ihre Mädchenbabys, damit sie dieses Leben als Frau nicht ertragen müssen … Das passt jetzt nicht hierher, Entschuldigung, Barbara, aber ihr habt das Thema angeschleppt …

Barbara: Das ist vollkommen in Ordnung. Aber lass uns einmal zurück in deine Jugend gehen und eine Situation ansprechen, die viele von uns kennen. Als du zwölf warst, hast du die langersehnte Gitarre bekommen. Und einen Gitarrenlehrer dazu! Eine heimliche Liebe?

Katja: Hermann Waterstraat. Oha! Dieser Name kam jetzt aus mir wie die Stimme eines Geists!

Barbara: War das damals ein heimliches Schwärmen oder offensiv?

Katja: Ich war ja ständig verknallt. In Paul McCartney, in Elvis Presley.

Barbara: Bleiben wir doch mal beim Gitarrenlehrer. Der war schließlich erreichbar.

Katja: Aber ich wollte mich doch nicht mit ihm liieren oder dass er seine Frau verlässt! Es ging immer nur um das Gefühl des Verliebtseins.

Barbara: Das musst du erklären!

Katja: Seitdem ich fünf war, bis zu meinem ersten Freund, befand ich mich in einem Dauerverliebtzustand. Für mich war es nicht das Bedürfnis, mit jemandem zu gehen – heißt das heute noch so? –, sondern das Gefühl. Es war wie das Entdecken des eigenen Daseins, ein Gefühl von etwas Erotisierendem. Nicht dessen Erfüllung! Dafür war ich ja viel zu klein.

Barbara: Man konnte sich in viele verknallen. Es reichte früher schon, dass einer die richtige Jeans trug.

Katja: Oder eine bestimmte Frisur. Oder wie einer die Zigaretten hielt.

Barbara: Und dann liebte man diese eine bestimmte Attitüde und war vollkommen davon hingerissen, und es war wurscht, was er sonst noch so zu bieten hatte. Hat deine Mutter dir mal den Umgang mit jemandem verboten?

Katja: Ach, verboten, nein. Als junger Teenager war ich, wie gesagt, immer nur so vor mich hin verknallt.

Barbara: Meine Mutter hat mir nur die „Bravo“ verboten.

Katja: Das gab es bei uns zu Hause eh nicht: „Bravo“, Comics, Cola …

Barbara: Und deswegen hat man’s so geliebt! Und am Kiosk gestanden und die zwei Seiten gesucht, auf denen stand, warum ein Penis nie zu klein sein kann, wenn man nur zärtlich mit der Frau umgeht.

Katja: Ich hab immer von einem Starschnitt geträumt.

Barbara: Manche Verbote von damals sind mir wie eingepflanzt: nachmittags fernsehen – das macht man einfach nicht! Wenn ich heutzutage mal nachmittags im Hotelzimmer Zeit überbrücke, hihi, Vorhänge zu, Fernseher an!

Katja: Da fällt mir die Geschichte ein von einer Freundin, die einst, als sie ihr iPhone ganz neu hatte, den Einschaltknopf nicht fand. So was kann einen ja verrückt machen. Irgendwann hat sie dann – bei zugezogenem Vorhang – in ihrem Computer eingegeben: „Wie schaltet man ein iPhone ein?“

Barbara: Apropos zurechtfinden: Als du, 19-jährig, aus dem Dorf bei Bremen in die große Stadt Hamburg gingst, um Tanz zu studieren, war das neue Umfeld ein Schock?

Katja: Schock klingt nach so einem Riesending. Aber ich musste mich daran gewöhnen, an U- und S-Bahnen. Man metert sich dann ja erst einmal durch die Gegend. Ich wollte Contemporary Dance studieren. In Hamburg gab es die einzige Schule, die das damals unterrichtete. Alles andere war ja klassisches Ballett.

Barbara: Nach einem Semester hast du dich umentschieden, bist zum Schauspiel gewechselt. Wie hast du deine Leidenschaft hierfür entdeckt?

Katja: Zu der Zeit war Peter Zadek Intendant am Schauspielhaus. Er wollte, dass mehr junge Leute ins Theater kommen. Bei „Andi“ spielten dann die Einstürzenden Neubauten. Und es gab diese wahnsinnige „Lulu“ mit Susanne Lothar. Draußen standen Flipperautomaten, und Studenten konnten für fünf Mark ein Ticket kaufen. Das konnte ich mir leisten. Einmal pro Woche da sitzen. Das verschlug mir die Sprache. Denn so was hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen!

Barbara: Und das hat dich so beeindruckt, dass du von Tanz auf Schauspiel umgeschwenkt bist?

Katja: Der Weg ist gar nicht so weit. Es sind beides darstellende Künste. Beim Schauspiel hast du diese schöne Kombination aus etwas Physischem – der Expression, der Verwandlung, der Strapaze. Und zudem das Brainfood, weil du dich eben immer auch mit Texten befasst.

Barbara: Sag mal, das Dauerverknalltsein, von dem du vorhin sprachst, hält sich das bei dir?

Katja: In meinen Mann bin ich jetzt seit neun Jahren verknallt. Also ich finde das lang.

Barbara: Neun Jahre? Das ist ja fast pervers...