"Schuld war nur seine Unterhose!"

Kann ein BH für einen Seitensprung verantwortlich gemacht werden? In Guido Maria Kretschmers neuem Buch "Das rote Kleid" schon. Der Designer erzählte uns im Interview, warum er scharf auf alle Menschen ist und er jeder und jedem eine Chance gibt – obwohl auch er schon enttäuscht worden ist.

von Christina Hollstein

Guido, ein Roman aus der Sicht eines roten Kleides – wie kommt man auf so eine durchgeknallte Idee?

Ich habe dieses Buch schon seit zehn Jahren in meinem Kopf. Damals war ich Kostümbilder an einem Filmset und dachte mir: Es wäre doch toll, wenn die Kleider jetzt erzählen könnten, was sie hier so erleben. Die Idee war Menschen nahe zu bringen, wie wunderbar Kleidung ist, indem man ihr eigenes Leben einhaucht. In meiner Geschichte kann Kleidung sogar für menschliche Taten verantwortlich gemacht werden. So nach dem Motto: Vielleicht hat gar nicht mein Mann mich betrogen, sondern seine Unterhose hat ihn dazu gezwungen! Oder: Der BH war so aufregend, der wollte unbedingt gesehen werden! Mit Hilfe meines Romans soll der Leser erkennen, dass Kleidung ein Teil der Seele ist. Ja, das man willenlos wird in bestimmten Klamotten. Die Idee, dass Kleidungsstücke für bestimmte menschliche Züge stehen, fand ich schön. Es ist ein Textilfabel.

Als ich im Urlaub auf den Malediven war und es tagelang durchregnete, habe ich gedacht: So, jetzt habe ich Zeit, jetzt schreib ich endlich „Das rote Kleid“. Und siehe da! Ich konnte die ganze Geschichte an einem Stück durchschreiben – ich hatte bereits alles im Kopf.

Guido, jetzt mal ernsthaft: Glaubst du WIRKLICH das ein Kleid eine eigene Persönlichkeit hat?

Ja, das glaube ich schon. Irgendwie geht der Charakter in das Garn über. Klar, kein Kleid kann sprechen, aber es kann trotzdem sehr laut rufen: „Hallo, es gibt mich!“. Es ist ein Unterstützer der menschlichen Persönlichkeit. Für mich ist Kleidung die Haut der Seele. Wenn sie gut gemacht ist, dann spricht Kleidung tatsächlich mit dir. Du spürst wie gemütlich sie ist, oder du fühlst dich ganz aufregend darin. Kleider sind eng verbunden mit den Geschichten, die wir Menschen in ihr erleben. Es geht mir darum gerade den jungen Menschen zu zeigen, dass man Kleidung wertschätzen soll. Das man sie nicht einfach benutzen und wegwerfen sollte. Manche Kleidungsstücke werden auch nie weggeschmissen, weil sie eine Seele haben. Deshalb gehen sie auch zum fünften Mal in den Secondhandshop in dem sie der nächste Liebhaber entdeckt und stolz mit nach Hause nimmt. Über solche Kleider schreibe ich, über solche, die mehrere Besitzer haben und so schön sind, dass niemand sich von ihnen trennen will.

"Ich finde Kleidung langweilig, wenn niemand drin steckt."

Warum ausgerechnet ein Kleid? Dein Buch hätte ja auch „Die rote Hose“ heißen können?

Ein Kleid kann alles. Es ist der Eintritt in das eigentliche Leben, es ist die letzte Insignie von Fraulichkeit. Jeder Transgender oder Transvestit zieht sich ein Kleid an, der zieht ja keine Hose an. Das Schwingende, das Weite - alles ist möglich. Es flattert nach oben, mit einem Riss kann es aufgehen. Es kann mit einer Leichtigkeit angezogen werden, es fließt an deinem Körper herunter, oder es ist knalleng, wenn man will. Ein rotes Kleid hat besonders viel Kraft. Rot ist die Farbe der Sinnlichkeit, der Liebe, der Sehnsucht. Deswegen glaube ich: Wenn eine Frau ein rotes Kleid trägt, dann will sie gesehen werden. Das finde ich schön, dass Frauen mit ihm ein Instrument in der Hand haben mit dem sie egal in welchem Alter schreien können: „Hier bin ich!“ 

Durch Kleider hatte ich auch in meinem Leben früh die Möglichkeit den Menschen ganz nah zu sein. Ich habe schon sehr jung verstanden, dass ich mich total für Menschen interessiere. Und ich ziehe sie an, damit ich ihnen noch näher sein kann. Deswegen macht mich Mode so glücklich, weil ich über die Kleidung an die Menschen gekommen bin. Ich finde Kleidung langweilig, wenn niemand drin steckt. Mich interessiert sie nur, wenn sie gelebt wird. Wenn kein Kopf rausschaut, bin ich nicht dabei.

Du bist ja ein richtiger Menschenfreund – wieso eigentlich? Es gibt schließlich so viele Grummelköpfe da draußen...

Ich glaube, dass Größte ist, wenn man spürt, dass man zwar alleine gut klar kommt, aber es noch besser ist in Gemeinschaft zu sein. Ich hatte immer so eine Dankbarkeit in mir, dass immer und überall Menschen um mich herum sind. Ich hadere auch nicht mit der Masse, weil ich weiß, dass ich Teil einer großen Weltgemeinschaft bin. Ich glaube auch, dass jeder irgendetwas Schönes hat, auch wenn man es nicht sofort sieht. Für mich muss man nicht komplett sein, für mich gibt es keine Unterschiede. Ich könnte mein tägliches Programm auch gar nicht machen, wenn ich Menschen nicht so lieben würde. Ich bin wirklich scharf auf Menschen.

"Du musst auch an die glauben, die etwas Gutes mit dir vorhaben."

Bist du denn in deinem Leben noch nie so richtig enttäuscht worden?

Gerade, wenn man wie ich sehr offen und sehr großzügig ist, wird man oft von Menschen enttäuscht. Klar, das tut mir dann doppelt weh. Aber die Konsequenz daraus ist bei mir eine andere als bei vielen. Ich bin dann nicht verbittert und denke: Oho, jetzt traue ich aber keinem mehr! Was kann denn der nächste dafür, dass ich jemand ganz anderem auf den Leim gegangen bin? Ein Mann hat dich enttäuscht? Kann sein. Aber da können doch noch 35 andere sein, die dich glücklich machen, dass die Heide wackelt! Und das muss man Menschen immer wieder sagen: Ihr dürft enttäuscht sein, aber ihr müsst euch da wieder rausarbeiten. Du musst eben auch an die glauben, die etwas Gutes mit dir vorhaben.  

Wie wahr. Aber zurück zur Klamotte. Hast du selbst manchmal Tage an denen du dich nur halbherzig kleidest?

Ja, absolut. Es gibt Tage an denen mein Frank sagt: Wenn du so rausgehst, verlierst du die Sendung, das schwör ich dir! Ich mag das so gern mich einzumullen in so dicken Decken, eingekuschelt in verschiedenen Lagen. Ich liebe Strickjacken in denen ich verloren gehe und dann am Besten noch einen Schal drum und einen Deckel auf den Kopf. Als Mann ist es allerdings auch schwieriger sich halbherzig zu kleiden. Männer haben da immer so eine Basis, die können eigentlich auch mit wehender Banane durch die Gegend laufen. Wenn du aber als Frau mal ohne BH zum Bäcker gehst hast du gleich ein Problem und zwanzig Typen, die dir hinterher rufen: „Na Puppi!“ Frauen müssen sich einfach besser schützen, auch mit Kleidung, deshalb haben wir ja diese ganze meetoo-Debatte.

"Wenn ich das anziehe, habe ich heute meine Ruhe."

Ist das so? Kann man als Frau nicht auch sehr Laissez-Faire gestyled aus dem Haus gehen – und trotzdem als cool und stilvoll gelten?

Ja, aber dafür müssen Frauen sehr selbstbewusst sein. Wenn du so eine lässige Nachlässige bist, dann geht das natürlich. Trotzdem: Frauen sind irgendwie schneller diesem Umstand ausgesetzt, dass sie sich dafür rechtfertigen müssen, wie sie rumlaufen. Umso wichtiger ist es immer gutes, modisches Rüstzeug im Schrank zu haben.

Was kann man denn tun, wenn man sich gut kleiden will, aber nicht viel Geld hat?

Wichtig ist, seine Sachen zu pflegen. Bügeln zum Beispiel kann unheimlich helfen. Genauso wichtig ist allerdings auch zu wissen, wer du bist. Du solltest eine Analyse machen. Und einmal abscannen: Wo bin ich zu dick oder zu dünn? Möchte ich das zeigen? Bin ich eine, die sehr weiblich ist oder eher sportlich? Bin ich eine, die jeden tag ein Kompliment braucht? Oder bin ich die, die nicht angesprochen werden will? Und dann brauchst du eigentlich nur drei Kombinationen im Schrank, die genau das sagen, was du willst. Wo du mit sicherer Hand weißt: Wenn ich das anziehe, habe ich heute meine Ruhe.

Was macht Barbara Schöneberger denn richtig? Was könnte sie noch besser machen?

Ach, Barbara könnte alles tragen – mir wäre es egal. Sie ist einfach der kollegialste Mensch der Welt und amüsiert sich ja auch permanent über die eigenen Klamotten. Manchmal hat sie ja auch so einen Hang zu einem „Touch-Too-Much“ – das finde ich aber toll. Barbara kann eben auch mit Farbe und sie hat Humor, das sieht man ihren Klamotten einfach an. Wenn viele Frauen so wären wie sie, dann würde es einfach leichter laufen auf der Welt. Sie nimmt auch Dinge an, die vielleicht nicht so ganz perfekt sind. Barbara kann über sich selber lachen und lässt auch den anderen Raum. Sie ist wirklich eine Vorbildfrau für viele Frauen. Und als Frau von Frauen gemocht zu werden – das ist schon eine Nummer! 

Guido Maria Kretschmer: Das rote Kleid. Goldmann Verlag. 14,90 Euro.