"Will auch 'ne Blondine!" – Warum Männer um die 50 vom fremdgehen träumen

Wieso gehen Männer um die 50 fremd? Wieso wollen sie plötzlich Marathon laufen oder gleich die Welt umsegeln? Einblicke in einen Abgrund

von Thomas Friemel

Kürzlich war ich Gast auf einer Feier. Einer von der Sorte, bei der man lieber ein Jackett tragen sollte. Es war schon sehr spät, als ein guter Freund zu mir kam und raunte: „Ich hab’s geschafft.“ Er erzählte mir, dass er – Anfang 50, verheiratet, Kinder – eine Affäre mit einer Mittdreißigerin habe. Ich – glatte 50, verheiratet, Kinder – hing an seinen Lippen wie eine Schlange an der Flöte ihres Beschwörers. Ich hauchte zurück, weinschwer: „Noch einmal eine 30-Jährige ...“ Und dann wieherten wir ein einvernehmliches „Jahahahahaaaaa“ und hauten unsere Hände auf die Oberschenkel.

Ich wusste nicht so recht, ob ich mich für ihn freuen oder schämen sollte. Was ich aber ganz bestimmt spürte, war ein Stich. Mal wieder. Es war nicht das erste Mal. Nicht damit wir uns falsch verstehen: Ich mag mein Leben. Ich liebe meine Frau, ich liebe meine Kinder (trotz Pubertät), ich mag meinen Job, meine Wohnung, mein Viertel, meine Freunde. Ja, und ich mag sogar mich selbst. Meistens.

Weitere Beweise für meine Mittelmäßigkeit

Aber mit zunehmenden Jahren häufen sich die Stiche, die immer bohrender in mich hineinpiksen. Ich schaue minutenlang auf das Foto einer jungen Katalanin auf Spiegel Online, lange blonde Haare, tiefer Ausschnitt, träume mich an ihre Seite, als Che Guevara der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung – und es sticht.

Mein Sohn legt auf der Playstation bei „FIFA“ rührenderweise ein Profil für mich an, integriert mich ins virtuelle Fußballteam und lässt mich dort mit den Ronaldos dieser Welt im Bernabéu herumkicken, als sei ich fitte 23. Piks! Ein Freund erzählt mir, er habe von einem Teil seines Dagobert-Duck-Geldhaufens ein Haus in Österreich gekauft, die Luxusvariante von Heidis Alm-Öhi-Hütte. Doppel-Piks. Alles kleine Hiebe, Beweise meines Versagens, meiner eigenen Mittelmäßigkeit.

Dabei war mein Leben lange eine stetige Entwicklung von „Ist schon irgendwie okay“ hin zu „Wow, echt geil“. In meiner Kindheit eine Sports-bum-bäm-Kanone, in der Jugend ein Mädchenschwarm: Silke, Renate, Gudrun. Später Schule, Studium, guter Job, die beste Frau der Welt erobert, zwei Kinder gezeugt. Jeder Erfolg war ein Zacken mehr in meiner Krone.

Und dann passierte – nichts. Irgendwann ging mein Leben in die Seitwärtsbewegung. Seitdem lebe ich in einer Phase der Stagnation. Die großen Erfolge bleiben aus. Das zutiefst befriedigende Gefühl, den nächsten Schritt gemacht, etwas Großes geschaffen, Bedeutung zu haben: vorbei. Heute bin ich ein hechelnder Hamster mit Ringen unter den Augen. Wie die meisten anderen da draußen auch. Grau. Austauschbar. Ich bin ein Mann mittleren Alters, sagt man. Das klingt nach Muff und Was-will-der-denn-noch?! Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von Routine und kleinen Niederlagen. Ein Jammerlappen-Blues in D-Moll.

Ich könnte mich jetzt ergeben. Einen Bauch kriegen und mit dem Sofa verwachsen – wie so viele andere. Oder mich wehren. Kämpfen. Ein letztes Mal!

Die Zeit läuft ab

Ich kann verstehen, dass mein Schwager seit Kurzem eine Ducati unterm Arsch hat. Ich kann verstehen, dass ein Freund zum ersten Mal für einen Marathon trainiert. Ich kann verstehen, dass ein Kollege Segeln lernt, um doch noch mal die Welt zu umkreisen. Und es ist mir egal, ob unsere Frauen darüber lachen – früher habe ich mich selbst kaputtgelacht über diese Klischeetypen. Aber jetzt will ich auch eine Rennmaschine, eine Almhütte und meinen Jaguar-Körper zurück. Und ja, herrje, auch die Blondine. Dabei geht es überhaupt nicht um sie. Es geht um mich. Ausschließlich. Tief in uns hören wir Männer die Sanduhr rieseln. Jedes Korn ein Piks. Die Zeit läuft ab.

Also, habt Nachsicht mit uns, verdreht die Augen, lästert über uns, schüttelt den Kopf. Aber haltet verdammt noch mal die Klappe. Nur noch einmal erobern, noch einmal gewinnen, noch einmal erfolgreich sein. Denn schon glimmt die 60 fern am Horizont.

Und sie brüllt: CARPE THE FUCKING DIEM!