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Achtung Umkleidekabine – Die Ein-Quadratmeter-Hölle

Achtung Umkleidekabine – Die Ein-Quadratmeter-Hölle
© GettyImages
Es bringt selbst die selbstbewusstesten Frauen beizeiten aus der Ruhe – der Erzfeind Umkleidekabinenlicht. Unsere Autorin fragt sich: wo sind die hippen, indirekten Lichtquellen aus den vielen Wohnmagazinen, wenn man sie braucht? Rebellinnen vereint euch!
von Eva Lindemann

Es ist Sommer. Endlich. Das Thermometer steigt das erste Mal in diesem Jahr über 25 Grad und mein Körper verlangt nach kühlem Nass. Ein Griff in die hinterste Ecke meines Schrankes, in selten besuchtes Territorium.

Noch hinter den ungenutzten Alibi-Sport-BHs, ja, da liegen sie: die Bikinis und Badeanzüge, die schon letztes Jahr endlich ausgemustert gehörten. Bröckelige Gummis, vom Salzwasser ausgewaschene Farben. Ich beschließe, meinen treuen Weggefährten – und vor allem mir – nicht noch eine Saison zuzumuten und ihnen endlich die letzte Ruhe zu gönnen. Neue Bikinis müssen her! Ich freue mich. Noch…

Alles scheint perfekt. Ich nehme mir den Tag frei, meine beste Freundin auch. Wir starten bei einem ausgedehnten Brunch, ein Gläschen Sekt darf es auch sein und dann stürzen wir uns ins Getümmel. Herrlich. Ein Tag nur für uns. Es dauert keine zehn Minuten, da habe ich schon meine erste Errungenschaft in den Händen. Nur noch schnell in die Umkleidekabine und hoffen, dass das Modell meines Begehrens sitzt. Ja ... nur noch schnell... Ich laufe unverhofft in mein Unglück. Denn was mich in der Umkleidekabine erwartet, versetzt mich in Schockstarre. Ich habe meinen Endgegner vergessen: das Umkleidekabinenlicht.

Ich bekomme Schweißausbrüche – das Licht vergrößert die Schatten unter meinen Augen zu schwarzen Löchern. Wenn ich meinen Hintern betrachte, fühlt sich das an wie Neil Armstrongs erster Blick auf die Mondlandschaft. Nur mit weniger Glücksgefühl.

Was ist los? Ich bin doch sonst echt zufrieden mit mir? Nicht mal meine hyperaktive Sport-Nachbarin kann mir dieses miese kleine Gefühl geben, dass ich jetzt empfinde.

In Zeiten von selbstfahrenden Autos, sprechenden Kühlschränken und weiteren alltagserleichternden „Errungenschaften“, die unsere angeblichen Bedürfnisse oder neumodischen „Needs“ befriedigen, frage ich mich langsam, warum noch keiner meinen „Need“ nach einer schmeichelnden Umkleiden-Beleuchtung erkannt hat.

Hallo? Hier will doch jemand was verkaufen! Rosenblätter solltet ihr hier gerade über mich regnen lassen – oder wenigstens eine Windmaschine vor den Kabinenspiegel stellen. Na gut, ein Spiegel, der mir einen von-der-Sonne-geküsst-Teint für mein nächstes Selfie verleiht, wäre auch ganz nett. Und vielleicht noch ein sanftes Meeresrauschen im Hintergrund, um mich in Stimmung zu bringen. Aber nein, rein gar nichts davon erwartet mich hier. Stattdessen wächst mein Drang nach einer Notfallsitzung beim Psycho-Doc, um mein bröckelndes Selbstbewusstsein wieder auf ganz, ganz schnell auf Vordermann zu bringen.

Meine Gedanken kreisen. Hätte ich mir beim Brunch doch nur noch ein bisschen mehr Mut angetrunken und ein zweites Glas Sekt bestellt. Oder mich mit Online-Shopping beim Anprobieren in mein schönes Schlafzimmerlicht gerettet. Zu spät.

Ich habe genug, ich muss hier raus, ob mit oder ohne Bikini. Ich reiße den Umkleidekabinenvorhang auf und blicke direkt in ein anderes unbekanntestes, aber genauso frustriertes Gesicht. Wir lächeln uns aufmunternd an. Vor Gott und Umkleidekabinenlicht sind wir anscheinend alle gleich.

Da endlich sickert es durch in mein von Mode und falschen Prioritäten aufgeweichtes Hirn: Ha! Kein Licht der Welt kann mir meine Lust auf das kühle Nass und einen Tag mit meiner besten Freundin nehmen. Endgegner ausgelöscht! Ab zur Kasse.


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