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Als ich einmal große Brüste hatte - ein Experiment

Als ich einmal große Brüste hatte - ein Experiment
© Getty Images
Weiblich wie Christina Hendricks, sexy wie Beyoncé. Davon kann eine Frau mit A-Körbchen nur träumen. Oder? Unsere Autorin wollte wissen, wie es sich mit XL-Brüsten lebt. Also hat sie sich welche bestellt.
von Jessica Braun

Meine neuen Brüste werden in einer diskreten grauen Schachtel geliefert: zwei pfirsichfarbene Straußeneier an einem Pistolenhalfter aus Plastik. „Cup D (XL), 1000 g, tropfenförmig“ steht auf dem Lieferschein. Die beiden sind aus Silikon, sehen ziemlich echt aus – und sind deswegen auch ein bisschen gruselig. Ein BH aus transparenten Plastikbändern soll verhindern, dass die Teile beim Tragen auf Wanderschaft gehen. Ich hebe die beiden Wundertüten an. Sie zittern. Ich auch: Das Material ist vom Transport noch eiskalt und fühlt sich an wie Wackelpudding.

Als Mädchen war ich überzeugt, ich würde eines Tages einen Busen bekommen. Vielleicht nicht 1000 Gramm und XL, aber schon M oder L. Doch irgendetwas kam dazwischen. Mit 13 fingen meine Brüste an, sich zu runden, hörten aber sofort wieder damit auf. Während meine Freundinnen nach dem Schwimmunterricht verschämt in ihre BHs schlüpften, war ich überzeugt, dass mein Körper sich noch entwickeln würde. Das gehörte schließlich zum Frauwerden dazu. Doch die Pubertät ging vorbei, ich wurde erwachsen. Und unter meinem Pulli wölbte sich weiterhin wenig. Bis heute trage ich Körbchengröße A – und das auch nur, weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, ohne BH aus dem Haus zu gehen. Meine Brüste halten eigentlich von selbst. Zitat Wolfgang Joop: „Ein kleiner Busen widersteht der Schwerkraft.“ Heute freue ich mich darüber. Als Teenager: nicht so sehr. Auf Partys zog meine beste Freundin Blicke auf sich – und ich an meinem trägerlosen Oberteil, das mangels Füllung ständig runterrutschte. In meinen Zwanzigern dachte ich immer mal wieder über eine Brustvergrößerung nach. Eine Operation schien mir dann aber doch drastisch und zu teuer. Mittlerweile gibt es günstigere Methoden: 70 Euro kostet der Silikon-BH im Internet. Ich habe ihn bestellt, um auszuprobieren, wie das Leben mit einem großen Busen ist. Denn neugierig bin ich immer noch.

Ich zurre die Kissen mit den Plastikriemen in Position. Lasse probeweise wippen. Uff. Ein Kilo Silikon schlägt mir gegen den Brustkorb. Durch die Bewegung löst sich – hoppla! – der Verschluss, der die Brüste an ihrem Platz halten soll. Jetzt hängen sie mir unter den Achseln. So kann ich nicht rumlaufen. Ein passender BH muss her.

Ich besuche die Berliner Modedesignerin Claudia Kleinert, die sich mit ihrem Laden Blush auf Unterwäsche spezialisiert hat – eigentlich auf kleine Größen, aber wer filigrane Brüste hübsch verpacken kann, kennt sich bestimmt auch mit XL aus. Laut Statistik gehöre ich mit kleinem Busen zur Minderheit, 2015 wurden hierzulande dreimal mehr B- und C-Cups gekauft als A-Cups. Selbst D wird fast doppelt so häufig nachgefragt. Meine neu erworbenen 70 D sind für die Designerin tatsächlich keine Herausforderung. Mit ein paar wenigen Anproben finden wir einen BH, der die Silikonkissen nicht nur vollkommen bedeckt, sondern vor allem auch an ihrer Stelle hält. Sicherheit geht vor.

„Verändert der Busen etwa auch den Charakter?“

Mit BH fühle ich mich schon deutlich wohler. Aber was ziehe ich drüber? „Mit kleinen Brüsten kannst du alles tragen“, sagte meine Schulfreundin Regina immer, um mich zu trösten, wenn ich jammerte. Sie hatte schon mit 16 Jahren eine Barbie-Figur – und leicht reden. Zumindest dachte ich das damals. Jetzt verstehe ich, was sie meinte. Mein geliebter Schlabberpulli sieht mit D-Brüsten aus wie ein Wollzelt. Die hüftlange Strickjacke reicht nur noch bis zum Bauchnabel, und die Blusen sind so sehr gespannt, dass ich Angst habe, die Knöpfe könnten zu Geschossen werden. Ich fühle mich nicht sexy, sondern dick. Lösung: ein schmales T-Shirt und ein Bleistiftrock. Blick in den Spiegel: passt. Dann drehe ich mich ins Profil. Zum ersten Mal wird mir das volle Ausmaß meiner neuen Oberweite klar. Va-va-woom! Fast wie Claudia Cardinale in „Die gefürchteten Vier“.

Die Frau, die mich aus dem Spiegel ansieht, wirkt weiblicher. Auch temperamentvoller. Ich recke probeweise das Kinn hoch, stemme die Hände in die Hüften. Fühlt sich gut an. Ganz italienische Diva. Verändert ein neuer Busen etwa auch den Charakter? Zeit für einen Testlauf. Ich bin mit meiner Freundin Christiane zum Kaffee verabredet. Die hält sich mit ihrer Meinung selten zurück. Was sie wohl sagen wird? Wie sich im Café herausstellt: nichts. „Schön, dich zu sehen!“ Sie drückt mich. Ich spüre das Silikon zwischen uns. Christiane bemerkt es nicht. Oder geht diskret darüber hinweg. Bei meiner Bestellung hält der Barista seinen Blick fest auf mein Gesicht gerichtet. Er wirkt angestrengt. Die vier Frauen, die auf ihren Kaffee warten, starren mich dagegen ungeniert an. Ich bin offensichtlich ein Hingucker. Das macht mich aber nicht selbstsicherer. Mein Körper ist mir überdeutlich bewusst – und ständig im Weg. Habe ich etwa gerade meinen Busen auf dem Tisch abgelegt? So gehemmt war ich zuletzt als Teenager. Fällt Christiane das nicht auf? „Du hast deine Haare dunkler, oder? Sieht super aus!“, sagt sie. Der Silikonbusen bringt vielleicht nicht meine innere Italienerin zum Vorschein. Aber auf die äußere scheint er abzufärben.

Zu Hause versuche ich, mit Yoga meine Schultern zu lockern. Die sind das zusätzliche Gewicht nicht gewohnt. Während ich Sonnengrüße mache, kommt mein Mann ins Zimmer. Eine Weile sieht er mir zu. Dann verschwindet er kichernd Richtung Küche. „Wie schön! Du hast meinen Busen bemerkt“, rufe ich ihm hinterher. „Ist auch kaum zu übersehen!“ Er findet die Veränderung offensichtlich genauso extrem wie ich. Beruhigend. Ein Kompliment über meine Haare hätte eine Beziehungskrise ausgelöst. Abends sind wir mit Freunden zum Essen verabredet. Dass ich dabei die Brüste ausführen möchte, nimmt mein Mann kopfschüttelnd hin. Ich sitze strahlend am Tisch – Jayne Mansfield auf dem berühmten Foto mit Sophia Loren –, bis mir ein Salatblatt von der Gabel fällt und nicht wie üblich auf meinem Rock, sondern auf meinem Busen landet. Mein Mann muss sich ein Lachen verkneifen. Sonst: keine Reaktion. Wahrscheinlich ist es meinen Freunden zu heikel, mich darauf anzusprechen. Weniger zurückhaltend: der Mann am Nebentisch. Seit ich den Raumbetreten habe, strahlt er mich an, als wäre er fünf Jahre alt und ich seine Geburtstagstorte. Angehimmelt zu werden ist eigentlich schön. Aber ich weiß ja, was der Grund dafür ist. Wenn meine echten Brüste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann eher negative. In der Schule riefen mich einige Jungs „Schneewittchen“ (reimt sich auf „Kein Arsch, keine Tittchen“). Noch einer der netteren Spitznamen. Fieser: „Brett mit Warzen“. Solche Sprüche kamen nicht nur von Jugendlichen. „Das ist ja eklig. Die soll sich mal die Titten machen lassen“, tönte es an einem Sommertag in einem Café. Ich war Anfang 20. Der Typ, der auf mein Shirt zeigte, locker zehn Jahre älter. Mir fiel keine Erwiderung ein. Auch sonst hatte niemand etwas dazu zu sagen.

Erstaunlich ist, dass meine Freundin Hanne ähnlich schlimme Sprüche zu hören bekam. Hanne trägt F-Körbchen. Während der Schwangerschaft auch mal G oder H. „Blöde Kommentare? Na klar“, sagt sie. Und zählt auf: „Wipp, wipp, wipp! Da hat wohl jemand Bälle geklaut. Gib mir mal Milch für meinen Kaffee.“ Während ich als Teenager nach Paris fahren musste, um passende BHs zu finden, shoppte Hanne in London. Später pushte ich mit Wonderbras, sie trug Minimizer. Angst, beim Sex unser Shirt auszuziehen, hatten wir beide.

„Passt nicht zu dir“, sagt sie, als ich ihr meinen Silikonbusen vorführe. „Weiß ich“, sage ich. Aber es hat gedauert, das zu begreifen. Was dabei geholfen hat? Sport: Joggen, ohne dass der Rücken schmerzt oder Männer wegen mir fast vom Rad fallen (so ein Silikon-BH ist gemeingefährlich). Gespräche mit Freundinnen (danke, Mädels!). Dass Bikini-Ober- und Unterteile mittlerweile einzeln erhältlich sind (oben S, unten M). Guter Sex. Der Erfolg von Kate Moss. Aktionen wie #aufschrei. Ein toller Mann. Ein Brautkleid ohne Corsage, dafür mit Spaghettiträgern aus Spitze.

„Hättest du dich auch in mich verliebt, wenn ich einen großen Busen hätte?“, frage ich abends meinen Mann. „Klar“, sagt er. „Aber auch, wenn du größere Ohren gehabt hättest. Oder blonde Haare. Ist immer das Gesamtpaket.“ „Das ist jetzt wieder um einiges kleiner“, sage ich. Dann lege ich die Silikonkissen zurück in die Schachtel. Und fühle mich deutlich leichter.


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