Barbara trifft Conchita – Mann? Frau? Wurst!

Es war viel mehr als nur Effekthascherei, als Tom Neuwirth sich dazu entschloss, zu Conchita Wurst zu werden. Die bärtige Diva sprach mit Barbara über Vorbilder, Polarisierung, Klischees und Tabubrüche.

von Stephan Bartels (Interview)

Barbara Schöneberger: Conchita, du bist nicht nur ein Mann, sondern als Kunstfigur auch eine Frau. Wer von euch beiden hat es leichter?

Conchita: Interessante Frage. Ich habe als schwuler Mann, der es gesellschaftlich immer noch schwer hat, eine heterosexuelle, konservative Frau erschaffen, die, na gut, zufällig einen Bart hat. Ich habe festgestellt: Es gab Situationen, in denen ich Frauen gegenüber bevorzugt wurde, weil ich immer noch ein weißer Mann bin. Seltsam genug, weil alles an mir darauf hinarbeitet, in keine Schublade zu passen.

Und das klappt nicht?

Irgendwie nicht. Ich will eigentlich aus allen Klischees ausbrechen. Am Ende bin ich aber doch nur eine katholische Kolumbianerin.

Durch das öffentliche Interesse an deinem Auftreten musstest du dir viele Gedanken über Geschlechterrollen machen.

Du nicht?

Nee, ich habe lange vor mich hingewurschtelt, ohne mein Frausein für mich zu definieren. Erst später in meiner Karriere habe ich darüber reflektiert, was das eigentlich für mich bedeutet.

Wie bist du so als Frau?

Unbefangen, und das empfinde ich als großes Glück. Ich politisiere nicht, ich lege mir keine Strategien zurecht, wer oder wie ich sein will. Ich habe es irgendwie geschafft, in meiner öffentlichen Frauenrolle maximale Authentizität für mich zu erreichen. Das ist der unanstrengendste Fall.

Unanstrengend ist gut, aber nicht die Regel. Wir sind ja beide in Jobs unterwegs, die immer noch von Männern dominiert werden. Und nicht nur diese Berufe.

Das stimmt. Ich moderiere viele Firmenveranstaltungen, und wo ich auch hinkomme, sind die Vorstandsetagen voll mit Männern. Ich frage mich immer, wo die diese Frauen verstecken, die angeblich in Führungspositionen arbeiten. Es gibt nur wenige – und wenn es sie gibt, werden sie vorgeführt wie eine Kuh mit zwei Köpfen.

Kenne ich. Die werden einem extra präsentiert. Und manchmal fällt man auch drauf rein.

Genau! Ich muss mir selbst verbieten, bei der Moderation dann so dämliche Fragen zu stellen wie: Wie fühlen Sie sich als einzige Frau im Vorstand?

Der Grat, auf dem du dann wandelst, ist sehr schmal. Eigentlich willst du ihnen in ihrer solitären Position helfen. Dabei passiert durch diese Überbetonung vielleicht genau das Gegenteil.

Am liebsten würde ich das Frausein gar nicht ansprechen. Aber wäre das nicht auch falsch? Denn es ist doch so, dass Frauen anders führen. Und das unter den Teppich zu kehren, wäre doch auch schade.

Wahrscheinlich ist es falsch, wie immer du es machst. Die Leute sind schnell wegen allem beleidigt. Da frage ich mich manchmal auch: Was darf ich eigentlich noch sagen, ohne gleich einen Shitstorm zu erleiden?

Ich finde, wir schlittern allmählich in eine total übertriebene Political Correctness hinein. Es gab doch mal eine Zeit, in der Politiker vor das Volk traten und es mit „Liebe Wähler“ ansprachen. Heute sind es immer die „lieben Wähler und Wählerinnen“. Ich fühle mich als Wähler, nicht als Wählerin. Und dass jetzt an geschlechtsneutralen Bezeichnungen gearbeitet wird, finde ich grundverkehrt. Da gibt es ganz andere Probleme. Dass eine Frau weniger verdient als ein Mann zum Beispiel.

Und wir sind doch nicht in die Unterhaltungsbranche gegangen, um politisch korrekt zu sein. Unterhaltung funktioniert doch über Polarisierung und Tabubrüche.

Und übertriebene Klischees, auch extrem weibliche. Wenn wir uns alle in der Mitte treffen, wird es extrem unlustig. Nehmen wir dich: Du polarisierst, indem du die Geschlechtergrenzen sprengst, und das ist fast schon politisch. Wolltest du das so?

Nein, ich hatte einfach Lust, eine bärtige Frau zu sein, alles andere kam dann. Früher war ich streng, wenn Leute mich gefragt haben, ob ich ein Er oder eine Sie bin. In der Rolle wollte ich unbedingt als Frau wahrgenommen werden. Aber ich werde ja auch älter und weiser, und ich stelle fest, dass es nicht mehr wichtig für mich ist, was ich darstelle, wenn ich als Conchita auf die Bühne gehe.

Und plötzlich bist du vor der Uno aufgetreten. Warst du überfordert mit der politischen Rolle, die du plötzlich übergestülpt bekommen hast?

Zumindest habe ich sie mir nicht ausgesucht. Eigentlich wollte ich nur singen. Aber diese Möglichkeit, vor Menschen zu sprechen, die wirklich etwas bewegen können – das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Und meine Botschaft steckt tief in mir. Es kommt ja auch mir zugute, wenn ich laut sage, dass Gleichstellung in jeglicher Hinsicht passieren muss.

Aber du musstest ganz schön schnell in sehr große Schuhe hineinwachsen.

Hat sich für mich gar nicht so angefühlt. Vielleicht bin ich aber auch ein besserer Schauspieler, als ich immer dachte. Und ich wurde inspiriert von starken Frauen.

Zum Beispiel?

Die erste Diva, die ich kennengelernt habe, war meine Großmutter. Dann ist da meine Mama – weniger Diva, aber die liebe ich über alles. Auch alle Vorbilder, die danach kamen, waren Frauen: Shirley Bassey, Evita Perón, Céline Dion, Frida Kahlo. Frauen, die sich dem Patriarchat entgegenstellten und ihr eigenes Ding durchzogen. Deswegen wollte ich auch eine Frau auf der Bühne darstellen: Ich habe in ihr mehr Stärke gesehen.

Ich denke auch, dass wir mehr können als Männer. Das geht doch schon zu Hause los: Während so ein Mann morgens duscht und seine Hemden durchsieht, hat die Frau schon zweimal die Waschmaschine be- und entladen und die Wohnung aufgeräumt. Das macht mich einerseits wütend, weil es die Rollen manifestiert. Andererseits: Wir können es einfach. Und Männer nicht. Und dann fühle ich mich doch wieder gut damit. Frauen bekommen die Dinge besser geregelt.

Was Männer nicht unbedingt zu würdigen wissen.

Aber ich weiß es. Und es gibt mir Stärke.
Ist nicht aber eines der großen Probleme eben die männliche Nichtwürdigung dessen, was Frauen leisten?

Ach. Eine Ehe besteht ja nicht daraus, dass sich abends gegenseitig applaudiert wird für die Verdienste des Tages. Da muss man viel schon aus sich selbst herausholen. Und ich muss mich auch nicht dreimal die Woche mit meinen Freundinnen treffen und mich Prosecco trinkend darüber beklagen, wie schlecht die Männer sind. Sind sie ja auch gar nicht.

Was allerdings sehr verbreitet ist. Früher haben Frauen deutlich weniger geklagt.

Stimmt! Und wo du vorhin über Vorbilder geredet hast: Ich orientiere mich stark an der Generation meiner Mutter und Schwiegermutter. Ich kenne viele tolle Frauen um die 70, die unglaublich viel richtig machen. Die sich nach vielen Jahren Ehe emanzipieren und ihr Ding finden. Seit ich mich mit dieser Generation beschäftige, habe ich keine Angst mehr vorm Alter, weil ich weiß: Mit 70 kannst du noch voll im Leben stehen.

Hast du auch schon Pläne für diese Zeit?

Ich habe ja noch nicht mal Pläne für heute Abend. Ich plane nie etwas. Alles, was ich tue, passiert aus dem Bauch heraus, weil ich weiß, dass es sowieso immer anders kommt, als ich denke. Ich denke über nichts nach, schon gar nicht über mich.

Hast du es gut. Ich bin ständig in meinem Kopf. Das ist wahnsinnig anstrengend. Ich bin erstens nicht mein größter Fan, und zweitens liebe ich nichts mehr, als mich selbst auseinanderzunehmen. Und ich stresse mich. Wenn ich einen Auftritt im Fernsehen habe, frage ich mich schon zwei Wochen im Voraus, wie ich gut abliefere.

Da bin ich anders. Wenn ich ein Duett mit Rolando Villazón singe, höre ich mir zehn Minuten vorher das Stück mal an, um das es geht. Ich bekomme es dann auch ganz gut hin, aber ich frage mich: Wie gut könnte ich sein, wenn ich mich mal richtig vorbereite?

Meinst du, die Art, wie du Frau bist, hilft dir in deinem Job?

Darauf habe ich mich nie verlassen. Sondern darauf, dass mir das Adrenalin des Spontanen durch diese Situationen hilft. Ich hatte von Anfang an den Willen, anders zu sein, als die Leute mich einschätzen.

Wie meinst du das?

Ich habe früher die hübsche Blonde mit den großen Brüsten überspielt. Hatte immer schwarze Rollkragenpullover an und nicht besonders gut aussehende, dafür aber intellektuelle Freunde. Ich wollte nie ein Girlie sein, weil ich wusste: So, wie ich aussehe, ist die Versuchung für andere groß, genau das zu sehen. Und das ist für mich bei allem Recht auf Selbstbestimmung das Schlimmste: Wenn Frauen sich in eine Weibchen-Rolle begeben. Und in die Abhängigkeit von Männern.

Du bist aber auch in einer recht komfortablen Situation.

Das stimmt. Ich hatte nie das Gefühl, wegen meines Frauseins im Nachteil zu sein oder schlechtere Chancen zu haben. Das ist aber nicht die Normalität.

Das stimmt. Männliche Egos können sehr hartnäckig sein, die wollen nicht akzeptieren, dass Frauen auch Fähigkeiten haben.
Das erlebe ich oft bei Taxifahrern. Wenn ich sage: Sie können hier rechts fahren, dann sind wir schneller, sagen die: Nö. Mache ich nicht. Die Neigung, sich etwas von Frauen sagen zu lassen, ist nicht bei jedem Mann ausgeprägt.

Absurd. Wenn ich mehr darüber nachdenke, merke ich erst, wie armselig viele Männer sind.

Deshalb denke ich auch nicht drüber nach. Ich bin aber auch mit Teflon beschichtet, ich merke oft gar nicht, wenn mir jemand an den Karren fährt, weil ich unerschütterlich mein Ding durchziehe. Man muss sich sehr anstrengen, um mich zu treffen. Andersherum funktioniert das schon besser.

Wie meinst du das?

Als ich angefangen habe Sport zu machen und dadurch ein bisschen dünner zu werden, wurde mir das von Frauen total übel genommen. Es war, als hätte ich mich aus einer Solidargemeinschaft verabschiedet, von der mir garnicht bewusst war, dass es sie gibt.

Madonna hat es ganz gut auf den Punkt gebracht. Die hat gesagt: Du musst als Frau sexy sein, aber nicht so sexy, dass du Männer einschüchterst. Und du darfst auch schön sein, aber nicht so schön, dass dich andere Frauen hassen.

Hm. Hillary Clinton ist viel Hass entgegengeschlagen. Aber wohl nicht wegen ihrer Schönheit.

Meinst du, Madonna hätte gewonnen, wenn sie gegen Trump angetreten wäre?

Glaube ich nicht. Wahrscheinlich war auch bei Hillary das Geschlecht ein Problem, und das hat Madonna bekanntlich auch. Es gibt doch noch zu viele Menschen, die sich nicht von einer Frau regieren lassen wollen. Auch Frauen.

Da ist was dran. Eine Politikerin in Österreich hat mal erzählt, dass ihr im Wahlkampf auf der Straße gesagt wurde: Ihre Politik finde ich gut, aber wählen kann ich Sie nicht. Sie haben doch drei Kinder. Wer passt dann auf die auf?

Ist bei mir ähnlich. Dass Arbeitsteilung heute in einer Beziehung möglich und auch normal ist, scheint noch nicht überall angekommen zu sein.

Davon abgesehen: Was ist dir an einem Mann wichtig?

Ich will schon, dass ein Mann größer und stärker ist als ich. Ich will niemanden, dessen Jeans mir zu klein sind. Und ja, ich gebe zu: Ich will einen Helden. Einen, der mich aus dem Haus trägt, wenn es brennt. Und der mich abends fragt, wie mein Tag war. Der unabhängig sein Geld verdient und sich um die Kinder kümmert. Wir sind die erste Generation, die alles will.

Da stellt sich dann schon die Frage: Für wen ist der Feminismus eigentlich anstrengender?

Ich glaube, dass es für beide Seiten sehr anstrengend ist. Aber die Männer haben sich dabei deutlich verschlechtert. In der emanzipierten Beziehung muss der Mann Privilegien aufgeben.

Na ja, aber er gewinnt ja auch etwas hinzu. Mehr Zeit mit den Kindern zum Beispiel, die doch früher sehr oft am Vater vorbei groß geworden sind.

Das ist wahr. Und deshalb brauchen auch Männer eine Lobby, denn machen wir uns nichts vor: Väter in Elternzeit begraben auch heute noch sämtliche Karrierechancen. Aber das wird sich ändern.

Meinst du? Wie wird es denn in zehn Jahren sein?

Da sind wir alle gleich.

Oh nein! Bitte nicht!

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