Ciao Lieblingsklamotte: Wir beide tun uns einfach nicht mehr gut.

Sie ist der Blindgänger in unserem Kleiderschrank – doch bei dem Gedanken sie zu entsorgen zerbricht uns das Herz. Die Rede ist von der einen alten Lieblingsklamotte, von der man sich einfach nicht trennen kann. Unsere Autorin hat sich diese ganz besondere Spezies mal vorgenommen und kommt zu dem Schluss: Befreit euch endlich von den neonfarbenen Stirnbändern, Bandshirts und Stulpen! Irgendwann ist halt für jeden mal die Zeit gekommen…

von Eva Lindemann

Mit einem leisen, aber wohlbekannten Piepen fing alles an. Ein Blick aufs Handy. Meine beste Freundin war wieder auf einen Trend gestoßen: „Komm wir machen einen Schrank-Detox!“. Oh Gott. Bei dem Wort Detox stellten sich mir schon alle Nackenhaare auf und mein Verstand ging in Abwehrhaltung wie die Nachbarskatze, wenn sie Omas Fifi sieht. Dass der Trend der Entschlackung und Entgiftung wie eine Sommergrippe nun auf Kleiderschränke übergegangen war, wusste ich auch noch nicht. Aber gut, ein bisschen Minimalismus im Kleiderschrank täte mir und vor allem meiner Beziehung bestimmt auch mal wieder ganz gut. Meine Pullis, Kleider, Röcke und Leggings hatten schleichend, Jahr für Jahr, Zentimeter für Zentimeter, mehr Territorium annektiert und meine eigentliche Schrankhälfte längst verlassen.

Und dann saß ich da, auf dem Schlafzimmerboden. Mit einem Glas Wein bewaffnet hatte ich meinen gesamten Schrankinhalt in einem immer größer werdenden Radius um mich herum ausgebreitet. Und mein Schrank-Detox, den der Rest der Menschheit einfach und klassisch „Ausmisten“ nennt, lief erstaunlicherweise sehr gut. Je größer der „WEG DAMIT-Haufen“ wurde, desto besser fühlte ich mich. Bis es geschah und mir der Mini-Rock in Größe 36 in die Hände fiel, den ich zu meinem ersten Date getragen hatte. Oh nein! Nicht der! Von einer dunklen Schrankecke in die nächste war er gewandert, hatte sich durch Umzüge und Stadtwechsel geschlichen.


Wie selbstverständlich wollte ich ihn auf den Haufen „BLEIBT“ werfen – doch dann hielt ich inne. Ich hatte die Hoffnung längst aufgegeben diesen Mini-Rock noch einmal zu tragen und wollte es ehrlicherweise auch gar nicht mehr. Warum dann behalten? Warum fiel es mir so schwer mich von diesem ollen Ding zu lösen? Die Erinnerung an das Date konnte es nicht sein … Sowohl der Kerl als auch das Picknick, das durch meine Erdnussallergie ein jähes Ende fand, war ein Reinfall auf ganzer Linie. Was war es dann? Dieses, zugegebenermaßen sehr kleine, Stückchen Stoff erinnerte mich an eine andere Version von mir selbst. An mein Nächte-durchtanzendes, jüngeres Ich.

Kurz blitzte der Gedanke in mir auf den Mini-Rock in einer noch dunkleren Ecke meines Schrankes zu deponieren, wie eine Ration Notfall-Schokolade bei der Frühjahrs-Diät. Nur für diese gewissen Momente… Doch so weit war mein Hang zum Selbstbetrug dann doch noch nicht ausgereift. Ja, es gab mal ein jüngeres, aktiveres Ich.

Aber dieses Ich war auch unsicher, wusste nie was es wollte, verschwand in die Personen und Partner mit denen es sich umgab und trat jeder Entscheidung mit einer mittelgroßen Lebenskrise entgegen. Nein, das war ich nicht mehr und dahin wollte ich auch nicht zurück. Kein Zucken, kein Zögern, der Mini-Rock ist jetzt ausrangiert. Das Stückchen Notfall-Schokolade in meinem Nachtisch aber bleibt. Ihr wisst schon, für diese gewissen Momente …