Das Dirndl-Trauma: Eine Leidensgeschichte

Weshalb man sich freiwillig in ein Dirndl zwängt, kann unsere Autorin absolut nicht nachvollziehen. Warum erzählt sie hier.

Woran man erkennt, dass der Sommer sich dem Ende neigt? Richtig, daran, dass einem in Werbeprospekten und auf Plakaten überall fesche Madln in Dirndln entgegen strahlen. Es ist wieder so weit: Das Oktoberfest steht an. Ganz Deutschland rüstet sich mit Lederhosen, Schürzen und Blüschen aus - Und zu meinem Leidwesen haben Weißwurst und Obazda sogar im hohen Norden Konjunktur. Während sich so mancher über Spekulatius im September aufregt, kriege ich schon im Spätsommer Puls. Die einen hassen also Weihnachten, ich das Oktoberfest. Warum? Schuld ist eine frühjugendliche, traumatische Prägung. 

Augen zu und rein ins Dirndl

Ich war 16 und brauchte dringend einen Nebenjob. Leider kann man das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte, nicht als Ort der unbegrenzten Möglichkeiten bezeichnen. Die Optionen: Kram im Kramladen sortieren: 2 DM pro Stunde versus kellnern im Dorf-Restaurant für 5 DM die Stunde. Allerdings im Dirndl. Und da ich offenbar schon mit 16 eine wahre Kapitalistin war, entschied ich mich für den Kellner-Job - trotz der aufreizenden Verkleidung. Heute ist das sicher kein Thema mehr. Aber damals in den 90ern kam ich mir wie tiefdekolletiertes Frischfleisch vor, geschnürt in Omas Blümchentapete.

Sexualisiert mit zarten 16

Ganze 6 Monate hielt ich es dort aus. Dabei habe ich es wirklich gehasst, "mein" Dirndl. Es war rosa - und das fand mein 16-jähriges, rebellisches Ich einfach mal überhaupt nicht cool. Und dann dieses Dekolleté! Sorry, ich weiß, viele mögen gerade das besonders und fühlen sich sexy, als Jugendliche wollte ich aber definitiv nicht sexy sein und alten Männern, gefühlt barbusig Forelle Müllerin Art servieren. Seitdem ist ein Dirndl für mich der Inbegriff von sexualisierter Biederkeit. Ist für mich gegessen die Nummer, sowas ziehe ich nie wieder an. Doch das Schlimmste: Ich war damit im Fernsehen! Ich, das Dirndl und ein Teller voller Wildschweinmedaillons. Meine Familie erfreut ich noch heute an meinem Leid - sie haben das Spektakel auf VHS -  und bestellt, wann immer es passt, na? was wohl: die Wildschweinmedaillons. Selten so gelacht.

Geht gar nicht: Im Dirndl auf den Fischmarkt

Dirndl in Bayern: ok! Ein Kompromiss, mit dem ich leben kann. Aber da soll es doch bitte auch bleiben. Wenn im Herbst sogar die Nordlichter plötzlich in voller Trachten-Montur die U-Bahn entern, geht es mir eindeutig zu weit. Ja ich weiß, ich sollte toleranter sein. Jeder darf tragen, was er schön findet, blablabla. Ich kann es nicht: Ich hasse diese Kleider. Übrigens, das Restaurant von damals ist heute ein Romantik-Hotel mit zwielichtigem Namen: Chateau Rouge nennt es sich. Na, denkt ihr auch, woran ich denke?


Wer hier schreibt:

Linda Berger
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