Dick unter Elfen – Wie es ist eine 150 Kilo schwere Französin zu sein

 Wie ist es, als 150-Kilo-Frau in einem Land zu leben, in dem Frauen quasi per Geburt schlank und elegant sind? Gabrielle Deydier hat ein Buch darüber geschrieben. Da war vielleicht was los in Frankreich

von BARBARA Redaktion

Ich bin 38 Jahre alt, habe zwei Universitätsabschlüsse und wiege 150 Kilo. Mein Plan war, Journalistin oder Bibliothekarin zu werden, doch mit Plänen ist das so eine Sache, wenn man so viel wiegt wie ein Strauß, und vermutlich zählt der aus gutem Grund zu den flugunfähigen Vögeln. Es fing bereits an der Uni an: Während meine Kommilitonen ein Praktikum nach dem anderen absolvierten, sammelte ich Absagen – trotz Bestnoten. Natürlich ahnte ich, dass es mit meinem Gewicht zusammenhängt, aber ich musste erst mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen werden, bis ich es wirklich begriff. Es war in Montpellier, ich suchte einen Job für die Semesterferien und gab meinen Lebenslauf in einem Fast-Food-Restaurant ab. Der Chef musterte mich und sagte: „Tut mir leid, aber wir beschäftigen keine Dicken.“ „Wie bitte?“, fragte ich vorsichtig. „Sonst kommen die Leute noch auf die Idee, dass sie von unserem Essen fett werden.“ Ich bin verletzende Sätze gewohnt. Mal ist es der beiläufige Kommentar einer Kundin beim Bäcker („Mir reicht nur EIN Croissant.“), mal das Gemurmel vom Frauenarzt („So viel Schwabbelspeck, ich kann gar nichts sehen.“) – als Dicke legt man sich zwangsweise eine schützende Speckschicht zu. Irgendwann kapierte ich, dass es zu meinem Alltag gehört, heruntergemacht zu werden.

Meine erste Diät machte ich mit 15. Damals wog ich 65 Kilo. 30 Diäten später wiege ich mehr als doppelt so viel – und das in einem Land, in dem die dünnsten und elegantesten Frauen Europas leben. Als Französin hat man dünn zu sein, sonst wird man aussortiert. Studien zufolge sind mehr als 60 Prozent der Frauen in Frankreich unzufrieden mit ihrem Gewicht und möchten abnehmen; 80 Prozent sind permanent auf Diät.

Ich bin im Süden aufgewachsen, in einer Region, in der die Sonne an 300 Tagen im Jahr scheint. Während meine Klassenkameraden in Tops und Shorts zum Baden gingen, trug ich langärmelige Shirts – immer. Ich wollte keine Angriffsfläche bieten. Wer als übergewichtige Frau unter lauter Elfen lebt, gilt als körperlich behindert, zumindest als krank – und das selbst verschuldet. Ich hatte mich während der Schul- und Studienzeit mit diesem Stigma abgefunden, doch im Arbeitsleben kam eine neue Dimension dazu: Plötzlich war ich nicht nur behindert, sondern auch dumm. „Der IQ eines Menschen verhält sich proportional entgegengesetzt zur Körpermasse“, eröffnete mir der Personalchef einer Kommunikationsagentur, die mich zum Vorstellungsgespräch eingeladen hatte. Natürlich habe ich den Job nicht bekommen.

„FAT DOESN’T PAY“ (Speck macht sich nicht bezahlt), so der Name einer internationalen Studie, die besagt, dass die Gehälter von Übergewichtigen 18 Prozent unter denen von Normalgewichtigen liegen. Die Gründe: Dicke studieren im Schnitt drei Jahre weniger, und wenn sie einen Job finden, haben sie zu wenig Selbstbewusstsein, um geschickt ihr Gehalt zu verhandeln.

Ich war tatsächlich immer froh, überhaupt eine Zusage zu bekommen, auch wenn ich dann ständig aufs Neue gehänselt und diskriminiert wurde. Ich arbeitete als Telefonistin, Hauslehrerin, Korrekturleserin, Internatsaufseherin. Als ich meine letzte Festanstellung antrat, eine Assistenzstelle an einer Integrationsschule, begrüßte mich die Kollegin, der ich zur Seite gestellt wurde, mit den Worten: „Mit Dicken arbeite ich nicht.“ Ich versuchte, darüber hinwegzulachen, doch sie sagte: „Das war kein Witz.“ Als sie mich anschließend der Klasse vorstellte, in der sechs autistische Kinder waren, verkündete sie: „Kinder, hier kommt die siebte Behinderte.“ Sie beschwerte sich beim Direktor, ich würde schwitzen und stinken, und der erklärte mir, er wolle die Kinder nicht benachteiligen, sie hätten ohnehin bereits mit dem Stigma der Behinderung zu kämpfen, er wolle dem nicht auch noch das einer übergewichtigen Lehrerin hinzufügen. Er gebe mir 30 Tage Zeit, um meine Motivation zu bleiben zu beweisen, ansonsten müsse ich gehen. Mit Motivation meinte er: abnehmen.

Natürlich ist mir klar, dass das illegal ist, trotzdem habe ich es geschluckt. Warum? Weil ich wusste, wie schwer es sein würde, einen anderen Job zu finden. Und weil ich das Geld brauchte. Ich hatte seit Jahren kein festes Dach über dem Kopf, lebte wochenweise bei Freundinnen, in Pensionen oder Künstlerunterkünften. Niemand kann sich vorstellen, was so ein Leben mit einem macht, am Rand der Gesellschaft, weil drin kein Platz ist für Menschen, die zu breit sind für eine Metrotür oder einen Pariser Bistrostuhl. Es macht müde. Das Hirn schaltet auf Überlebensmodus, unfähig zu erkennen, was eigentlich passiert. Also gab ich nicht der Kollegin oder dem Direktor die Schuld, sondern mir: Ich war fett und unfähig, über einen längeren Zeitraum eine Diät einzuhalten.

„Warum lassen Sie sich nicht operieren?“, wurde ich mehrmals gefragt. In Südfrankreich floriert seit Jahren eine geschäftstüchtige Magenverkleinerungs-Industrie, die jedes Jahr 50 000 chirurgische Eingriffe zählt, Tendenz steigend. Die Patienten werden immer jünger, gesetzlich erlaubt sind Magenverkleinerungen bereits ab 15. Zwar verlieren die Operierten nachweislich massiv an Gewicht, dafür nehmen sie Risiken in Kauf, die noch nicht alle absehbar sind. Neue Studien warnen vor den Gefahren und der Banalisierung solcher Eingriffe. Und interessanterweise ist die Selbstmordquote von Patienten nach der Operation vier Mal höher als die durchschnittliche Suizidrate des Landes.

Ich brauchte keine Operation, um Selbstmordgedanken zu haben. Und ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte ich auf einer Party nicht diese Journalistin kennengelernt. Wir unterhielten uns über Frauenbilder und Körperideale, und ich redete mich in Rage. Erzählte von meinen Erlebnissen, für die es einen Namen gibt: Grossophobie, die Angst vor Dicken. Um mich herum standen ein paar Kolleginnen mit offenen Mündern, die sich ungläubig die Augen rieben und dann sagten: „Schreib das auf!“

Letzten Sommer ist mein Buch „On ne naît pas grosse“ (Keiner wird dick geboren) erschienen. Und es ist, als wäre ich aus einem Albtraum erwacht. Das Wort „Grossophobie“, das viele bis dahin noch nie gehört hatten, taucht seither als „neues Gesellschaftsphänomen“ in jeder renommierten Zeitung, in Hochglanzmagazinen und TV-Sendungen auf – und ich dazu, natürlich im Großformat.

Es ist verrückt: 20 Jahre hat man mir erklärt, ich sei nicht arbeitsfähig, und plötzlich werde ich als intellektuelle Entdeckung des Jahres gefeiert. Ich erhalte Angebote – für einen Dokumentarfilm, für einen Comicroman, sogar die Filmrechte wurden bereits reserviert. Nie hätte ich damit gerechnet, was für Reaktionen meine Geschichte auslösen würde. Es ist, als hätte ich in ein Wespennest gestochen. Täglich schreiben mir Frauen (die meisten übrigens normalgewichtig) von ihrem Gewichtsmartyrium. Eine gestand, sie leide seit 20 Jahren an Bulimie – aus Angst, ihren Job und ihren Mann zu verlieren. Ist das zu fassen? Heute weiß ich: Nicht ich bin es, die krank ist, sondern die Gesellschaft, in der wir leben. Als dicke Frau gelte ich in Frankreich als wandelnde Provokation. Aber zum ersten Mal bin es nicht ich, die sich hinterfragt, sondern die Masse da draußen. Vor Kurzem kam die Gleichstellungsbeauftragte von Paris auf mich zu, um einen Anti-Grossophobie-Tag auf die Beine zu stellen. Wer weiß? Vielleicht ändert sich wirklich was.